Reise

Europäische Kulturhauptstadt In Matera werden "die Steine" wiedergeboren

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Matera liegt malerisch inmitten von Hügeln.

(Foto: Andrea Affaticati)

Einst galt Matera als Schande Italiens. Heute ist die aus Höhlensiedlungen zusammengewürfelte Stadt Unesco-Weltkulturerbe und dieses Jahr auch europäische Kulturhauptstadt. Damit steht die "Stadt der Steine" vor neuen Herausforderungen.

"Kennen Sie die Geschichte der Monachelli von Matera? Der Kobolde mit der roten Zipfelmütze? Nein, dann erzähle ich sie Ihnen", sagt Raffaele Pentasuglia. Der bärtige, sympathische Mittdreißiger führt in der berühmten "Città dei sassi", der Stadt der Steine, wie die Höhlensiedlungen in der süditalienischen Region Basilicata genannt werden, seine Kunstwerkstatt. "Von Matera, der einstigen Schande Italiens wissen ja", beginnt er.

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Hinter den lustig anmutenden Monachelli verbirgt sich der Umgang mit der hohen Kindersterblichkeit.

(Foto: Andrea Affaticati)

Pentasuglia meint, dass hier in den Höhlen bis Anfang der 50er-Jahre an die 15.000 Menschen wohnten, ohne Wasser, Strom und Abwassersystem. Oft sogar zusammen mit ihren Haustieren. Angesichts der verheerenden hygienischen Verhältnisse war die Sterberate der Kinder hoch. Oft überlebten die Neugeborenen keine paar Tage, konnten also gar nicht getauft werden. "Und da kommen die Monachelli ins Spiel. Die Legende erzählt, dass die Kobolde die Seelen dieser Kinder verkörpern und bis heute durch Matera geistern." Sie sollen sogar einen Schatz beschützen, den nur der finden kann, der es schafft, einem von ihnen die Zipfelmütze wegzunehmen. "Und wie es bei Legenden so ist, soll es auch Bauern gegeben haben, die diesen Monachelli begegnet sind, sie aber nie erwischt haben", beendet Pentasuglia mit einem Schmunzeln seine Erzählung. Er selber fertigt Monachelli aus Ton mit feuerroten Mützen an.

Pentasuglias Werkstatt liegt im barocken Viertel, von wo aus enge Gassen hinunter zu den Höhlensiedlungen und Felsenkirchen führen. Viele dieser ehemaligen Wohnstätten sind heute zu Restaurants, noblen Hotels und B&B umgebaut oder zu Geschäften. Wie die Häkelstube von Frau Angela, schon fast am Fuße der Schlucht, die den Sasso Barisano vom Sasso Caveoso, wie die Höhlenviertel genannt werden, trennt. Ganz oben auf dem Sasso Caveoso befindet sich die berühmte Felsenkirche Santa Maria de Idris. Frau Angela, eine ältere, zierliche, aber sehr temperamentvolle Frau, rühmt sich, eine der ersten gewesen zu sein, die Anfang der 90er-Jahre mit ihrem Geschäft hierher umsiedelte. Damals gab die Stadtverwaltung die Höhlen in Konzession.

In Stein gemeißelte Wohnstätten

Wenn man durch Frau Angelas Boutique geht, die sich tief in den Felsen hineinbohrt, bekommt man eine vage Ahnung, wie sich die Menschen hierin einst einrichteten. Der Tuffstein der Gravina, wie die Landschaft hier genannt wird, ist ein besonders weiches Kalkgestein. Im Laufe von Jahrtausenden hat sich der hiesige gleichnamige Fluss hineingegraben. Und der Mensch hat es ihm seit der Frühsteinzeit nachgemacht. Die Höhlensiedlungen von Matera zählen zu den ältesten der Menschheit.

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Die schwierigen Lebensverhältnisse in den Höhlen lassen sich noch ahnen.

(Foto: Andrea Affaticati)

Man braucht nur in eine der vielen noch verlassenen, von Gestrüpp umgebenen Höhlen hineinzusehen: Gleich beim Eingang ist der Tagesbereich mit dem Ofen, in die Felswänden sind Ablagestellen gemeißelt. Dahinter liegt der Schlafbereich, auch dieser mit mehreren in den Felsen gegrabenen Nischen, die manchmal auch als Bett für die Kleinkinder dienten. Ganz hinten, oft ein paar Stufen tiefer gegraben, war der Platz für den Maulesel. Damit sich der Besucher ein wahrheitsgetreues Bild machen kann, wurden mittlerweile ein paar Höhlen originaltreu ausgestattet.

Während man durch die Gassen streunt, fragt man sich, wie die Menschen, die hier einst in größter Armut gelebt haben, heute reagieren würden, könnten sie die Luxuszimmer sehen, in die manche Höhlen verwandelt wurden. 1993 hatte die Unesco die Anlagen zum Weltkulturerbe ernannt. 2019 ist Matera sogar eine der zwei europäischen Kulturhauptstädte, die andere ist Plowdiw in Bulgarien.

Der Schandfleck

Die menschenunwürdigen Bedingungen, in denen ein Teil der Bevölkerung von Matera lebte, legte der Schriftsteller Carlo Levi in seinem 1945 erschienenen Roman "Christus kam nur bis Eboli" offen.  Er war von den Faschisten 1935 an einen Ort in der Nähe von Matera verbannt worden. Später kam der damalige Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Palmiro Togliatti, um sich selber ein Bild zu machen. Von ihm stammt der Ausdruck "Schande Italiens".

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Heute sind viele der Höhlen verwaist.

(Foto: Andrea Affaticati)

Anfang der 50er-Jahre ordnete der christdemokratische Ministerpräsident Alcide De Gasperi die Räumung der Sassi an. Für deren Bewohner wurde außerhalb der Stadt eine Wohnsiedlung, La Martella genannt, errichtet, die damals als besonders fortschrittlich galt. Doch nicht alle Bewohner der Höhlensiedlungen waren darüber erfreut, manche weigerten sich umzuziehen. Heute wirkt La Martella im Gegensatz zu den Sassi eher leblos. "So, als bräuchten die Höhlensiedlungen keine Bewohner, um weiterzuleben, während die Sozialbauten ohne Instandhaltung verwahrlosen", wie man in der anregenden Publikation des Wiener Kunstverlags Schlebrügge "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich" lesen kann. Eine interessante Alternative zu den herkömmlichen Reiseführern, wenn auch großformatig. Entstanden ist sie, infolge eines 2016 von der Kunstuniversität Linz in Matera eingerichtetem, zeitbeschränktem Labor. Dabei geht es nicht um Sehenswürdigkeiten gemeinhin, sondern wie der Titel, ein Zitat von Mark Twain, schon erahnen lässt, um eine Spurensuche der ganz besonderen Art.

Kein neues Disneyland, bitte!

Nachdem man Matera selber besichtigt hat, wäre man eigentlich geneigt, nichts darüber zu schreiben. Nicht, weil sich der Besuch nicht lohnen würde, ganz im Gegenteil. Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Ort auf der Erde, wo man die Geschichte der menschlichen Ansiedlungen so klar vor Augen hat. Auf der einen Seite das Hochplateau mit den Höhlen aus dem Neolithikum. Auf der gegenüberliegenden Seite, die vom Menschen aufeinandergewürfelten Felskirchen und Felsstätten. Darüber die Civita und die barocke Altstadt, "deren Bauten der Gravina aber den Rücken zeigen", wie die Stadtführerin Cinzia erklärt. "Und zwar aus folgendem Grund. Das damalige Bürgertum wollte sich vom armen Volk, also von den Bewohnern der Höhlen abgrenzen."

Die Versuchung, von Matera nicht zu sprechen, hat viel mehr mit dem Wunsch zu tun, die Stadt der Steine vor dem kommenden Besucheransturm zu schützen, sie vor einer "Disneysierung" zu bewahren. Damit die Sassi nicht als Profitgrube gelten, sondern als einmaliges Zeugnis einer verschollenen Zivilisation, wie die Unesco einst schrieb.

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Quelle: n-tv.de

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