Panorama

Vakzinforscher Ulbert bei ntv "Alle drei Monate impfen ist nicht die Lösung"

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Sebastian Ulbert, hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Vivian Bahlmann ist Leiter der Abteilung Impfstoffe und Infektionsmodelle des Fraunhofer-Instituts für Zellforschung und Immunologie in Leipzig.

Die Inzidenz steigt, unter den vielen Infizierten sind auch viele Geimpfte. Impfstoffforscher Sebastian Ulbert erklärt im ntv-Interview, warum das kein Widerspruch ist und für wen in Zukunft weitere Impfungen nötig sein werden.

Die Inzidenz steigt, unter den vielen Infizierten sind auch viele Geimpfte. Impfstoffforscher Sebastian Ulbert erklärt im ntv-Interview, warum das kein Widerspruch ist und für wen in Zukunft weitere Impfungen nötig sein werden.

ntv: Die Inzidenz liegt in Deutschland heute über 1000, obwohl viele Menschen geimpft sind. Wie kann das sein?

Sebastian Ulbert: Bei der Inzidenz geht es ja um die Zahl der Infektionen. Das heißt, jeder, bei dem das Virus nachgewiesen wird, zählt als Inzidenzfall. Die Impfstoffe schützen nicht langfristig vor einer Infektion. Sie schützen vor einer schweren Krankheit. Das ist auch das, wozu Impfstoffe eigentlich entwickelt werden, und die Impfstoffe, die wir einsetzen, machen das auch sehr gut. Sie schützen eben nicht, oder nur einen sehr kurzen Zeitraum nach der Impfung, vor einer Ansteckung.

Es heißt, drei Monate nach der Impfung sinkt der Antikörperschutz wieder. Brauchen wir alle drei Monate eine neue Impfung?

Ich glaube, das ist nicht möglich, und das ist auch nicht die Lösung für die gesamte Pandemie. Es geht wirklich darum, die Menschen vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen. Da ist es eben nicht so ausschlaggebend, wie hoch der Antikörpertiter ist, denn der gibt nur bedingt darüber Aufschluss, wie gut der Schutz vor einer schweren Erkrankung ist. Es gibt natürlich auch bestimmte Risikopersonen - Menschen, die sehr alt sind oder die bestimmte Vorerkrankungen haben - bei denen der Impfstoff von vorneherein nicht so gut wirkt und eben auch nicht so gut als Schutz vor einer schweren Erkrankung. Und für die kann es eben schon sein, dass sie sich immer wieder nachimpfen müssen.

Bei vielen Älteren ist die Booster-Impfung schon über drei Monate her. Warum bekommen die aber immer noch keine vierte Impfung?

Ehe sich solche Impfstrategien wirklich durchsetzen, ehe man das methodisch aufgesetzt hat, ehe man die Studiendaten ausgewertet hat, da vergeht einiges an Zeit. Momentan funktioniert es ja sowieso alles sehr schnell. Die Impfstoffe haben eine sehr schnelle Zulassungsphase durchlaufen. Insofern ist es einfach das Minimum an Zeit, was eben notwendig ist, ehe man solche Empfehlungen aussprechen kann.

Biontech und Moderna arbeiten gerade an einem angepassten Impfstoff gegen Omikron. Können wir damit rechnen, dass wir im März oder April einen angepassten Impfstoff haben?

Ich kann natürlich nicht in die Zukunft sehen. Ich weiß nicht, wie die Zulassungsstudien ausgehen werden, ob auch dieser neue, angepasste Impfstoff denselben Schutz vermittelt, wie der ursprüngliche. Aber angenommen das ist der Fall, dann glaube ich schon, dass man das sehr schnell umstellen kann. Das ist auch der Charme an diesen mRNA-Impfstoffen, dass sie sehr flexibel sind, dass man sie schnell umstellen kann von der gesamten Herstellung her, das dauert nicht so lange wie bei anderen Impfstoffplattformen. Insofern ist dieser Zeitplan nicht unrealistisch. Aber ich denke, es macht generell Sinn, mit einem angepassten Impfstoff weiterzuarbeiten. Das ursprüngliche Virus, auf das der erste Impfstoff entwickelt wurde, ist ja quasi fast nicht mehr vorhanden.

Wer würde den vierten Piks mit einem angepassten Impfstoff brauchen?

Ich denke, da geht es vor allen Dingen um Menschen, bei denen der Impfstoff generell nicht so gut wirkt. Das heißt also bei Menschen, die sehr alt sind. Um diese Menschen vor einer schweren Erkrankung zu schützen, wird es notwendig sein, hier noch weitere Impfungen vorzunehmen. Das Gleiche gilt für Menschen mit Vorerkrankungen. Ich denke allerdings, dass es für die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung jetzt erstmal keine Notwendigkeit gibt dafür. Auch nach der Auffrischungsimpfung ist der Schutz vor einer schweren Erkrankung noch gegeben. Die jetzt zirkulierenden Stämme, vor allem Omikron, zeichnen sich ja auch nicht dadurch aus, dass sie einen schwereren Krankheitsverlauf verursachen. Und man weiß eben auch, dass die Impfstoffe auch bei diesen Varianten vor einer schweren Erkrankung schützen.

Ein Großteil der Weltbevölkerung ist immer noch nicht geimpft. Welche Rolle spielt denn das, wenn man sich anguckt, dass wir eine weltweite Pandemie bekämpfen müssen?

Wir können unsere Bevölkerung durchimpfen, damit möglichst viele Menschen einen Schutz vor einer schweren Erkrankung haben. Solange aber in der Welt die Impfquoten so niedrig sind wie jetzt, in ganz vielen Ländern, vor allen Dingen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, haben wir das Problem, dass das Virus dort in einem sehr großen Maße weiter zirkuliert. Und das heißt, gerade bei solchen Viren wie Sars-CoV-2, dass immer wieder neue Varianten entstehen werden. Wie wir bei den bisherigen Varianten gesehen haben, dauert es ja nicht lange, bis diese Varianten bei uns sind.

Wird der bestehende Impfstoff noch optimiert, oder ist der gut, wie er jetzt gerade ist?

Ich gehe davon aus, dass es hier in den nächsten Jahren noch signifikante Verbesserungen geben wird. Es geht hier darum, zum Beispiel Dinge zu verbessern wie die Haltbarkeit, wie lange der Immunschutz anhält, wie viel man verabreichen muss und all solche Sachen. Da ist noch sehr viel Luft nach oben.

Mit Sebastian Ulbert sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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