Panorama

Transport-Koloss auf Abwegen Fracht-Jumbo überrascht Regionalflughafen

Peinliches Problem für Boeing: Tief im Mittleren Westen hängt ein vierstrahliger Riesenfrachter fest. Die übergroße Spezialmaschine ist auf dem falschen Flughafen gelandet. Für einen sicheren Start ist die Piste dort eigentlich zu kurz.

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Falsch abgebogen? Hier steht das knapp 72 Meter lange und 21,5 Meter hohe Boeing-Problem auf dem Rollfeld von Wichita. Für einen Start ist die Maschine eigentlich viel zu groß - und zu schwer.

(Foto: AP)

  Ungewöhnlicher Vorfall im US-Flugbetrieb: Den Piloten eines "Dreamlifters" ist beim Landeanflug in der Provinz ein schwerer Navigationsfehler unterlaufen - das tonnenschwere Flugzeug setzte am falschen Flughafen auf. Anschließend stand die Boeing 747-LCF "Dreamlifter" hilflos am "Colonel James Jabara Airport" der Regionalmetropole Wichita im US-Bundesstaat Kansas und blockierte dort Teile des Rollfelds.

Knapp 20 Kilometer von seinem eigentlichen Zielflughafen entfernt zog der wie ein aufgeblähter Passagierjet wirkende Spezial-Jumbo umgehend zahlreiche Schaulustige an. An Bord sollen sich Bauteile verschiedener Zulieferer für die laufende 787-Produktion befinden. Fieberhaft suchten Behörden und Boeing-Experten nach einer Lösung für diesen flugtechnischen Albtraum.

Das Problem: Die einzelne Landebahn des kleinen Verkehrsflughafens am Stadtrand ist mit knapp 1900 Metern eigentlich zu knapp bemessen für einen "Large Cargo Freighter" (LCF) mit seinen vier Triebwerken und dem erweiterten Frachtraum. Voll beladen wiegt ein Dreamlifter rund 360 Tonnen. Zum Abheben benötigt der Riesenvogel eigentlich eine Startbahn von mindestens 2800 Metern Länge.

Boeing
Boeing 341,67

Überraschend schnell fand sich eine Lösung: Günstige Wetterbedingungen und das durch einen relativ leeren Tank geringere Gewicht erlaubten einen Startversuch, der früher stattfinden konnte als erwartet. Weniger als 24 Stunden nach der peinlichen Fehlleistung hob der Dreamlifter vor laufenden Kameras ab und erreichte nach kurzem Flug seinen eigentlichen Bestimmungsort, die "McConnell Air Force Base" (IATA-Code IAB) auf. Die Betreibergesellschaft der Boeing-Maschine, Atlas Air, leitete eine Untersuchung zu dem Irrflug ein.

Zu spät aus dem Fenster gesehen?

Ihren Navigationsfehler bemerkten die Dreamlifter-Piloten offenbar erst, als es bereits zu spät war: Den Angaben lokaler Radiosender zufolge setzte der vierstrahlige Frachtjumbo der privaten Chartergesellschaft Atlas Air am Vorabend (Ortszeit) über Wichita zur Landung an, nachdem die Crew eine Freigabe vom Tower der nahegelegenen Luftwaffenbasis erhalten hatte. Im Endanflug muss es dann zu einer folgenschweren Verwechslung gekommen sein. Jabara liegt im Nordosten der 400.000-Einwohner-Stadt und ist recht überschaubar. Es gibt dort nur eine Piste. Der Flugbetrieb kommt ohne eigenen Tower aus.

D ie Luftwaffenbasis dagegen liegt im Südosten und verfügt nicht nur über einen voll funktionsfähigen Tower, sondern auch über zwei parallel angelegte Betonpisten von jeweils 3600 Metern Länge. Dazu kommt: McConnell war als Zielflughafen der am New Yorker JFK gestarteten Maschinen bestimmt, und es bestand offenbar bereits Funkkontakt. Unklar blieb zunächst, wieso die Piloten des Dreamlifters ihren eigentlich offensichtlichen Fehler nicht bemerkten und den Landeanflug nicht doch noch im letzten Moment per Durchstartmanöver abbrachen.

Heimat der Stratotanker

Aus der Luft und selbst bei Nacht muss McConnell alles in allem als die bessere Wahl erscheinen. Eine der beiden Startbahnen dort ist 60 Meter, die andere gut 90 Meter breit. Der komfortable Ausbauzustand hat einen Grund: Die US-Luftwaffe betreibt hier eine der Heimatbasen für eine ihrer drei Tankflugzeugflotten mit Maschinen vom Typ Boeing KC-135 "Stratotanker". Hier starten und landen also tagein, tagaus ebenfalls sehr schwere Spezialflugzeuge mit großer Zuladung, die ähnlich schwerfällig sind wie eine 747-LCF.

Die vier Werksmaschinen vom Typ 747-LCF sind eigentlich der ganze Stolz der Boeing-Flotte: Gemessen an der Größe des Frachtraums könne der Dreamlifter mehr Nutzlasten aufnehmen als jedes andere Flugzeug der Welt, heißt es auf den Seiten des Herstellers. Der betroffene Dreamlifter in Wichita zählt allerdings nicht direkt zur Boeing-Werksflotte, sondern fliegt für die private Charterfluggesellschaft Atlas Air, die im Auftrag von Boeing Teile der Logistiklieferungen übernimmt.

Beunruhigende Diagnose

Eine Landung in Wichita müsste für die Dreamlifter-Crew eigentlich zur Alltagsroutine zählen. Die Stadt ist ein Zentrum der Luftfahrtindustrie. Abgesehen von einem lokalen Boeing-Werk ist das wirtschaftliche Zentrum des Bundesstaats auch Sitz mehrerer bekannter Namen aus dem Bau von Privatflugzeugen und Businessjets wie etwa Beechcraft, Cessna oder Learjet.

Wichita ist allerdings auch umgeben von Landepisten, die teils eine ähnliche Ausrichtung aufweisen: Neben der großen Luftwaffenbasis im Südosten gibt es kleinere Werksflughäfen am östlichen Stadtrand sowie einen kommerzielles Drehkreuz der zivilen Verkehrsluftfahrt, den Wichita Mid-Continent Airport ("FlyWichita"), im Südwesten.

Der Vorfall in Wichita erinnert an eine ähnliche Panne, die der Besatzung einer Boeing C-17 "Globemaster III" vor knapp eineinhalb Jahren in Florida widerfuhr: Der schwere Militärtransporter schwebte nach einem Transatlantikflug zu einer "Überraschungslandung", wie es später in US-Medien hieß, auf einem ebenfalls viel zu kleinen Regionalflughafen bei Tampa ein und konnte dort erst nach erheblichem Bemühungen - und ebenso großem Aufsehen - wieder unbeschadet starten. In einem Untersuchungsbericht hieß es später, Müdigkeit und menschliches Versagen hätten zu der Verwechslung beigetragen - ein Ergebnis.

Quelle: n-tv.de