Panorama

Totentanz statt Liebesparty Das Ende der Loveparade

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Makaberer Zufall: Ein Wagen mit der Aufschrift "Tunnel" bei der Loveparade.

(Foto: picture alliance / dpa)

Am 30. Juni 2000 starben beim Rockfestival Roskilde in Dänemark neun Menschen. Zehn Jahre später hat auch Deutschland sein Roskilde: Die Loveparade-Katastrophe in Duisburg. Das Roskilde-Festival gibt es immer noch. Die Loveparade jedoch ist am Ende. Ein für alle Mal.

"Wir denken jeden Tag an sie." Als Eddie Vedder dies vor wenigen Wochen auf der Berliner Freilichtbühne Wuhlheide sagte, kämpfte er mit den Tränen. Wen der Sänger mit seinem Satz meinte, waren die Opfer von Roskilde. Schließlich war es an diesem Abend des 30. Juni genau zehn Jahre her, dass bei dem dänischen Festival während eines Auftritts von Vedders Band Pearl Jam neun Menschen zu Tode kamen.

Nun hat auch Deutschland sein Roskilde. Es heißt Duisburg. Die Veranstaltung, die hierzulande für immer mit dem Makel der Katastrophe belegt sein wird, ist jedoch kein Festival, sondern die Loveparade. Ausgerechnet. Wie hatte es Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller noch unmittelbar vor der zum Totentanz mutierten Techno-Party im n-tv.de Interview gesagt? Mit der Loveparade "hat die elektronische Fangemeinschaft die Möglichkeit, sich weltweit zu präsentieren. Und das friedlich. Das war die Loveparade schon immer, worauf wir auch besonders stolz sind." Doch in Duisburg passierte laut Augenzeugen das genaue Gegenteil. "So stelle ich mir Krieg vor", beschrieb n-tv Kameramann Udo Sandhöfer geschockt seine Eindrücke.

Was das Roskilde-Festival und die Loveparade eint, ist ihr Kultcharakter. Hier eines der ältesten und größten Rockfestivals Europas, da die älteste und weltgrößte Techno-Parade. Das war es dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Während die Loveparade zuletzt durch die Städte tingelte, fand das Roskilde-Festival selbstredend immer nur im Örtchen Roskilde statt. Die Loveparade gab es stets für "umme" - das "Roskilde"-Ticket kostet inzwischen mehr als 200 Euro. Dennoch war es die Loveparade, die in den vergangenen Jahren vor allem kommerziellen Interessen diente, während das Roskilde-Festival seine Gewinne für wohltätige Zwecke spendete. Das Roskilde-Festival ging trotz des Unglücks im Jahr 2000 schon im Jahr darauf weiter. Die Loveparade indes ist nach der Katastrophe in Duisburg am Ende.

Abrechnung aus dem Schmollwinkel

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Gefährliche Einlage: Besucher der Loveparade 1997 in Berlin.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Für Häme ist angesichts der 19 Todesopfer kein Platz. Wenn der Loveparade-Erfinder Dr. Motte nun auf die Veranstalter und ihre angebliche Verantwortungslosigkeit und Profitgier eindrischt, wirkt dies leider zu sehr wie eine Abrechnung aus dem Schmollwinkel. Tatsächlich lässt sich ein gewisses Restrisiko bei Massenveranstaltungen wie der Loveparade nie ganz ausschließen. Wer jemals in Berlin das Gedränge am Großen Stern und die auf den Laternen feiernden Raver erlebt hat, wundert sich eher, dass es hier nie zu einem größeren Unglück kam. Die zahlreichen Zugänge vom Tiergarten hin oder her – bei einer Panik oder auch nur Gleichgewichtsschwankungen des einen oder anderen in luftiger Höhe hätten auch in Berlin allemal Menschen erdrückt und erschlagen werden können.

Dennoch: Die Geschehnisse in Duisburg sind natürlich ein einziges Desaster. Wenn die Verantwortlichen ihr Sicherheitskonzept nun als "stichhaltig" verteidigen, wirkt das nur noch zynisch. Die Fragen, die sich stellen, liegen alle auf dem Tisch. "Wir gehen davon aus, dass weit über eine Million kommen werden", sagte Rainer Schaller im n-tv.de Interview. Weshalb jedoch bot das Gelände dann offenbar für weit weniger Menschen Platz? Haben die Veranstalter schon im Vorfeld Sicherheitsbedenken ignoriert? Wie kann man auch nur auf die Idee kommen, ein erwartetes Millionenpublikum ausgerechnet durch einen Tunnel zu schleusen? Und was ist während der tödlichen Panik passiert? Haben die Einsatzkräfte versagt? Fragen, die nun die Staatsanwaltschaft beschäftigen.

Es hat sich ausgetanzt

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Erklärungversuche: Die Verantwortlichen der Loveparade.

(Foto: APN)

Eine Antwort haben die Verantwortlichen jedoch bereits gegeben: "Das bedeutet auch das Aus der Loveparade." Und auch wenn manchem Raver, der vielleicht noch gar nicht begriffen hat, was da in Duisburg passiert ist, erst jetzt vor Schreck die Trillerpfeife aus dem Mund fällt: Diese Entscheidung war abzusehen und ist folgerichtig. Der einstmals fantastische Image-Event Loveparade ist für den Hauptsponsor "McFit" auf einen Schlag zum PR-Albtraum geworden. Und auch kein anderes Unternehmen wird bereit sein, die Bürde der Katastrophe von der Fitness-Kette zu übernehmen.

Vor allem jedoch wird sich keine Stadt mehr finden lassen, die die Verantwortung für das Massenspektakel trägt. Nicht Duisburg, nicht Essen, nicht Berlin. Denn auch das unterscheidet das Roskilde-Festival und die Loveparade: Ein Festival lässt sich durch die begrenzte Ticket-Vergabe wesentlich besser lenken und kontrollieren. Ausverkauft ist ausverkauft. Bei der Loveparade indes gab es seit jeher Schwierigkeiten, auch nur die Teilnehmerzahl zu schätzen. Ganz zu schweigen davon, die Ströme feiernder und oftmals nicht ganz nüchterner Besucher in geordnete Bahnen zu bringen. Die Folge: "Roskilde" konnte mit aus dem Unglück gezogenen Lehren und verschärften Sicherheitsvorkehrungen weitergehen. Die Loveparade kann das nicht. Vielleicht setzen nun Dr. Motte oder einige andere Raver der ersten Stunde zu Wiederbelebungsmaßnahmen an. Das wird dann vielleicht wie bei der ersten Parade 1989 mit rund 150 Leutchen am Berliner Ku’damm. Für die Masse jedoch heißt es: Es hat sich ausgetanzt.

Quelle: n-tv.de

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