Fall Lea-Sophie"Das Jugendamt hat versagt"
Mecklenburg-Vorpommerns Sozialminister Sellering hat die Behörden in Schwerin scharf für ihr Versagen im Fall der verhungerten Lea-Sophie kritisiert.
Mecklenburg-Vorpommerns Sozialminister Erwin Sellering (SPD) hat die Behörden in Schwerin scharf für ihr Versagen im Fall der verhungerten Lea-Sophie kritisiert. "Wenn das Jugendamt zweimal Kontakt mit einer Familie hatte und anschließend ist ein Kind tot - da kann man nicht sagen, man habe alles richtig gemacht", sagte Sellering in Waren an der Müritz.
Jetzt solle der Schweriner Oberbürgermeister einen vernünftigen Untersuchungsbericht vorlegen, der Grundlage weiterer Aufklärung sein müsse. So ein Fall müsse auch Konsequenzen nach sich ziehen, forderte Sellering.
Der Schweriner Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) hatte zuvor erklärt, bisher sei nicht erkennbar, dass Behördenmitarbeitern schuldhafte Versäumnisse nachgewiesen werden könnten. "Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt", sagte Claussen. Das habe nichts mit fehlenden Finanzmitteln oder mangelhaften Verfahren zu tun - das Jugendamt könne nicht jede Familie kontrollieren.
"Man hätte nachhaken müssen"
Auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) übte Kritik am Vorgehen des Schweriner Jugendamts. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Jugendamt vorschriftsmäßig gehandelt hat", sagte die Ministerin der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Die Eltern Lea-Sophies seien als auffällig bekannt gewesen. Da hätte man nachhaken müssen.
Von der Leyen beklagte ferner eine mangelnde Verzahnung von Gesundheitsvorsorge und Jugendhilfe und sprach sich für verbindliche Vorsorgeuntersuchungen aus. Komme eine Familie der Einladung zu einem Untersuchungstermin nicht nach, müsse sich das Jugendamt einschalten. "Wir müssen alles tun, Familien in kritischen Situationen ausfindig zu machen, und wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren", sagte die Ministerin.
Zuvor hatte von der Leyen im Gespräch Länder gelobt, die "zügig und unideologisch" ein verbindliches Einladewesen zu Vorsorgeuntersuchungen geschaffen hätten. Eine bundesweite Pflichtuntersuchung hält sie jedoch für "verfassungsmäßig sehr fragwürdig".
Menschliche Geste
Mit einer Andacht wurde in der Schweriner Versöhnungskirche an den Hungertod der fünfjährigen Lea- Sophie erinnert. Das evangelische Gotteshaus im Stadtteil Lankow, wo das Mädchen mit ihrer Familie wohnte, hatte seine Tore zum Gedenken an das tote Kind geöffnet. "Mit der Andacht soll den Menschen dieser Stadt Gelegenheit gegeben werden, ihren Gefühlen und ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen", sagte eine Kirchensprecherin.