Panorama

Drei Jahre Kommissionsarbeit Das Schweigen über Kindesmissbrauch

118928954.jpg

Zunächst ging es erst mal darum, den Opfern eine Stimme zu geben.

(Foto: picture alliance/dpa)

1700 Betroffene, 900 Anhörungen, 300 schriftliche Berichte - das ist die Bilanz der "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" in Zahlen. Vor allem wird nun aber über ein Thema gesprochen, über das sich Täter und Opfer lange in Schweigen hüllten.

Sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche werden in Deutschland noch immer in großem Umfang verschwiegen. Zu diesem Schluss kommt die vom Bundestag beauftragte "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs", die nach drei Jahren Arbeit erstmals Bilanz gezogen hat. "Es ist in Deutschland ein sehr zäher Prozess", sagte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen bei der Vorstellung des Berichts in Berlin.

Kern der Kommissionsarbeit in den ersten Jahren war die Anhörung von Betroffenen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht wurden. Dafür wurden rund 300 schriftliche Berichte und 900 Anhörungen ausgewertet. Über die Hälfte der 1700 Opfer, die sich bei der Kommission gemeldet hatten, wurden in der eigenen Familie sexuell missbraucht. In 83 Prozent aller Fälle handelt es sich um Frauen.

Die vorgestellte Studie präsentiert allerdings keine repräsentativen Zahlen. Ziel der Kommission ist es, Opfern von sexueller Gewalt einen Raum des Sprechens zu ermöglichen. Ein "dominierendes Muster" bei den Anhörungen sei dabei vor allem das Schweigen des Umfelds - der Schule, der Vereine oder gar Gerichte - gewesen. "Die zentrale Frage ist nicht, wieso die Betroffenen nicht sprechen, sondern warum die anderen im Umfeld schweigen", sagte Andresen.

Besonders in Einrichtungen wie etwa der katholischen Kirche sei "Vertuschung und Verschweigen" geradezu "institutionalisiert". Außerdem sei bei Fällen im Umfeld der Kirche die Angst vor der "Fallhöhe" besonders stark, da sie für viele weiterhin als moralische Instanz gilt. Die Kommission verwies zudem darauf, dass die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Kindesalter in den neuen Bundesländern deutlich schwerer als im restlichen Teil der Bundesrepublik sei. In der DDR sei Kindesmissbrauch stärker tabuisiert worden und hätte nicht in die "sozialistische Gesellschaft" gepasst.

Blinde Flecken der Aufarbeitung

"Aufarbeitung geht uns alle an", betonte Andresen und verwies auf die langfristigen Folgen für die Opfer. "Kindesmissbrauch ist keine abgeschlossen Vergangenheit und reicht immer bis in die Gegenwart." Viele der Betroffenen berichten von Stigmatisierung und Ausgrenzung; nach wie vor seien sensible Strafverfahren schwierig umzusetzen. Dabei handle es sich der Kommission zufolge bei sexueller Gewalt neben einer "persönlichen Katastrophe" eben immer auch um ein "gesamtgesellschaftliches Phänomen".

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, verwies auf die großen Missbrauchsskandale der jüngsten Vergangenheit - Lügde und Staufen -, um auf die blinden Flecken bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen bei Kindern und Jugendlichen hinzuweisen. "Wir sind im Bereich des Kinderschutzes in Deutschland in der Krise", sagte Rörig und forderte von den Ländern im Bezug auf die Vorfälle starke Reaktionen. Ein besseres Zusammenwirken von Jugendamt und Behörden sei zudem nötig. Die Kommission sprach sich außerdem für ein dichteres Netz an Beratungsstellen und therapeutischen Einrichtungen aus, die insbesondere in den neuen Bundesländern fehlten.

Die künftigen Schwerpunkte der Kommission sieht die Vorsitzende Andresen vor allem im Bereich von sexuellem Kindesmissbrauch beim Sport, bei der pädosexuellen Bewegung der 1970er-Jahre, aber auch bei dem sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. Im Dezember 2018 hatte das Bundeskabinett die Arbeit der Kommission bereits um weitere fünf Jahre bis 2023 verlängert.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema