Panorama

Dürre in Deutschland "Das Wetterjahr 2018 war beispiellos"

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Es war heiß in diesem Sommer, heiß und zu trocken.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auf einen nassen Auftakt folgt ein Dauer-Sommer: Das Wetter war in diesem Jahr von Extremen geprägt. Möglicherweise könnte 2018 sogar ein Prototyp für das hiesige Klima der Zukunft sein, sagt n-tv Wetterexperte Björn Alexander. Warum, erklärt er im Interview.

n-tv.de: Wie außergewöhnlich war das Wetterjahr 2018?

n-tv Meteorologe Björn Alexander

n-tv Meteorologe Björn Alexander

Björn Alexander: Seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 war es definitiv beispiellos. Zwar können wir noch nicht unter alle Messwerte einen Schlussstrich ziehen, denn es fehlen ja noch ein paar Tage in der Bilanz. Aber das Jahr 2018 belegt auf jeden Fall in vielen Belangen einen der vorderen Plätze.

Die da wären?

Am spannendsten ist das Rennen bei den Temperaturen. Aktuell liegen wir mit einer Mitteltemperatur von um die 10,2 Grad auf jeden Fall in Schlagdistanz zum bisher wärmsten Jahr seit Aufzeichnungsbeginn. Das war das Jahr 2014. Damals gab es in Deutschland eine mittlere Temperatur von 10,3 Grad. Hier bahnt sich also ein Kopf-an-Kopf-Rennen an. Jedoch ist dieses Duell gar nicht unbedingt entscheidend. Wichtiger ist aus meiner Sicht, dass wir ein extrem trockenes und sonniges Jahr auf einem extrem hohen Temperaturniveau hinter uns haben. Also eine Kombination, die auf Dauer eine extrem ungünstige Gemengelage für uns in Mitteleuropa wäre. Insofern machten und machen ja viele Zweck- und Interessenverbände auf sich und die Folgen eines solchen Dürrejahres aufmerksam. Sei es die Landwirtschaft nach vielen Ernteausfällen oder die Wasserwirtschaft, wenn es beispielsweise um das Trinkwassermanagement geht.

Hier ist das Stichwort "Klimawandel" sicherlich wichtig. Doch vor den zukünftigen Entwicklungen wollen wir doch das Jahr 2018 im Zeitraffer an uns vorüberziehen lassen. Was zeichnet den Jahresauftakt aus?

Ein sehr nasser und warmer Januar. Knapp 170 Prozent des Regensolls bei vier Grad Wärmeüberschuss. In dem Moment für die Winterfreunde eher ein Graus. Allerdings in Bezug auf das, was noch kommen sollte, auf jeden Fall ein Segen. Denn diesen Regen sollten wir im Jahresverlauf noch bitter nötig haben. Auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte. Stattdessen zog der Winter noch einmal kräftig an.

Wie kräftig?

Schon ziemlich heftig. Denn der Februar verlief über zwei Grad zu kalt und strahlte gleichzeitig bis in den März, der ebenfalls zu kalt ausfiel. Beide Monate waren bereits zu trocken, wobei der Februar viel Sonne im Gepäck hatte und der März hingegen noch einiges an Schnee brachte. Und so hielt sich der Märzwinter sogar bis in den April hinein und sorgte am Ostersonntag (dem 1. April) im Nordosten unseres Landes verbreitet nochmals für eine geschlossene Schneedecke. Kein Aprilscherz waren dementsprechend die 23 Zentimeter Schnee in Laage in Mecklenburg-Vorpommern. Zeitgleich lagen auf dem Brocken im Harz noch knapp 1,50 Meter Schnee. Gut drei Wochen später war der Oberharz auf circa 1150 Metern Höhe dann auch weitestgehend schneefrei. Zuvor erlebte man im Flachland bereits am ersten April-Wochenende auch das erste Sommerwochenende des Jahres.

Warum?

Weil wir vom Winter direkt in eine warme Südströmung schlitterten, die uns den Beginn des Dauersommers 2018 brachte. Bereits am 7. und 8. April mit Spitzenwerten, die in der Westhälfte gerne mal bei sonnigen 25 bis 27 Grad lagen. Somit wurde eine Woche nach Schnee und Eis erstmals im Jahr die Sommermarke geknackt. Zum Teil wurden auch Temperaturrekorde für das erste Aprildrittel gebrochen, beispielsweise am Flughafen Köln-Bonn mit 25,7 Grad.

War auch der April damit auf Rekordkurs?

Auf jeden Fall. Zumal uns dann Schlagworte wie "Saharastaub", "Blutregen" oder "Starkgewitter" sowie "April-Sommer" beschäftigten. Bereits am 19. April wurde dementsprechend erstmalig in diesem Jahr die 30-Grad-Marke überwunden.

Wo?

Im Bereich Niederrhein, Ruhrgebiet bis herauf ins Ems- und Münsterland. Ganz vorne weg beispielsweise die Wetterstationen in Marl, Duisburg-Hochfeld, Gelsenkirchen, Emsdetten, Bochum, Bocholt und Krefeld mit 30 Grad oder etwas darüber. Damit wurden dann auch etliche Temperaturrekorde im zweiten Aprildrittel eingestellt und es kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass der April auf Rekordkurs war. Am Ende verlief der April fast fünf Grad zu warm. Auch wenn sich zum Monatswechsel ein kleiner Einbruch mit teils heftigen Gewittern anbahnte - ausgerechnet zum Maifeiertag. Doch auch ein weiteres Ereignis prägte den Mai 2018.

Welches denn?

Der Tornado in Viersen am 16. Mai. Zwar war er gemessen an vielen Stürmen in den USA nicht mal so extrem stark. So stuften ihn die Experten im Bereich der Stufe F2 (von 7 möglichen Stufen) ein. Allerdings sind solche meteorologischen Monster mit Windgeschwindigkeiten von um die 200 km/h aufgrund der Zerstörungskraft überhaupt nicht zu unterschätzen. Und außerdem wurden Unmengen an Staub und Sand von den trockenen und noch relativ brach liegenden Feldern aufgewirbelt, was ihn optisch nochmals eindrucksvoller erscheinen ließ. Übrigens brachte uns das Jahr 2018 deutschlandweit betrachtet rund 20 bestätigte Tornados und rund 120 Verdachtsfälle.

Vom Tornado in Viersen abgesehen: Wie ging der Mai denn in die Historie der Klimakunde ein?

Knapp vier Grad zu warm, sehr sonnig und natürlich viel zu trocken, so dass vor allem den Landwirten allmählich angst und bange wurde. Zumal der Juni, der Juli und der August ebenfalls extrem trocken und zwischen 2,5 und 3,5 Grad wärmer als der langjährige Durchschnitt verliefen. Gleichzeitig drehte die Sonne eine Ehrenrunde nach der nächsten, was wiederum die Verdunstung ordentlich anheizte. Damit zeigten sich auch abseits der Felder und Wiesen die Spuren der Trockenheit immer deutlicher. Die Pegelstände an den Flüssen und Strömen gingen immer weiter zurück. Seen und kleinere Bäche fielen immer häufiger trocken und auch das Fischsterben nahm in den Gewässern zusehends größere Ausmaße an.

Doch es war ja nicht alles schlecht, oder?

Nein. Natürlich nicht. Dieser Dauersommer katapultierte uns quasi direkt mal in mediterrane Klimabereiche: Mailand oder München - Hauptsache Italien, hätte man frei nach Andreas Möller sagen können. Aber es ist eben so. Das Jahr 2018 hat uns dem Mittelmeer einige 100 Kilometer näher gebracht. Die Schwimmbadbetreiber erlebten eine Rekordsaison. Ebenso lief es bei den Seebädern und in der Ferienbranche in heimischen Gefilden sicherlich extrem gut. Zumal es selbst bis Mitte Oktober noch Spitzentemperaturen im Rekordbereich von an die 30 Grad gab. Selbstredend war natürlich der dazwischenliegende September zu warm, zu trocken und sehr sonnig. Ein meteorologischer Dreiklang, der ebenfalls im November anhielt. In Zahlen ausgedrückt hieß das zum Beispiel für den November: knapp 1,5 Grad wärmer als der langjährige Durchschnitt, bei einer Sonnenausbeute von fast 140 Prozent.

Und beim Regen?

Beim Regen ist gerade einmal ein Drittel der ansonsten üblichen Niederschlagsmenge zusammengekommen. Kaum verwunderlich ist somit, dass der Herbst ebenfalls als zu warm, überdurchschnittlich sonnig und viel zu trocken in die Klimageschichte eingeht. Mit entsprechenden Folgen für die Wasserwirtschaft. So ging es an den Flüssen jetzt sozusagen ans Eingemachte. Die Pegelstände hielten sich über Wochen auf Rekordniveau und die Preise an den Tankstellen stiegen. Selbst Versorgungsengpässe wurden vermeldet.

Bei so viel Sommer blieb wohl auch der Winter auf der Strecke.

Im November schien es vorübergehend so, als ob es einen Durchmarsch vom Sommer in den Winter geben könnte. Denn zumindest täuschte der Winter mit einer kalten Ostwetterlage mal an. Jedoch kam es schlussendlich zu einem Comeback der vollkommen anderen Art. Die totgeglaubte Westwetterlage feierte eine fulminante und enorm wichtige Wiederkehr, so dass sich im Dezember eine Entspannung der Niedrigwasser-Situation einstellte. Dementsprechend wurde der Dezember der zweite zu nasse Monat im bisher beispiellosen Wetterjahr 2018. Last but not least hatte das Wiedererstarken der Westwinddrift übrigens noch das Weihnachtstauwetter am vierten Adventswochenende zur Folge, so dass wir seit dem Jahr 2010 inzwischen auf das achte mehrheitlich grüne Weihnachten in Folge zurückblicken.

Weihnachten ohne Schnee und ein "beispielloses" Wetterjahr: Der Klimawandel ist wohl unaufhaltsam, oder?

Zumindest könnte das Jahr 2018 ein Prototyp für das Wetter der Zukunft sein. Die relativ stationären Wetterlagen in diesem Jahr würden nämlich ganz gut in das Bild des Klimawandels passen.

Warum?

Weil die Polregionen sich rascher erwärmen als die Bereiche in Äquatornähe. Das hat bei uns unter anderem zur Folge, dass die wettersteuernde Strömung, die sogenannte Westwinddrift, schwächer wird und die Wetterlagen somit grundsätzlich länger andauern können. Ein Phänomen, dessen Folgen natürlich nicht nur wir mit unserem Dürre-Sommer zu spüren bekamen. Nehmen wir beispielsweise die Waldbrände als Indikator für die langanhaltende Trockenheit. So brannte es vor den Toren Berlins und in vielen Teilen Skandinaviens. Genauso aber erlebte man in Kalifornien die wohl schlimmsten Waldbrände aller Zeiten, gefolgt von Dauerregen mit Überschwemmungen. Also wirklich extreme Wetterlagen, denen ein wenig das Mittelmaß verloren zu gehen scheint.

Und ähnlich verhielt es sich in diesem Jahr auch bei uns: ein nassmilder Januar, dem ein Turbowinter im Februar und März sowie ein Dauersommer von April bis Oktober folgte. Der November täuschte ein wenig den Winter an und wurde im Dezember vom Dauerregen abserviert. Auf der anderen Seite hat das Ausbleiben der "Weißen Weihnacht" wenig mit dem Klimawandel zu tun. Denn zumindest im Flachland ist Schnee zum Fest auch in der Vergangenheit eher eine Ausnahme gewesen. Der Hochwinter kommt bei uns eben erst im Januar oder Februar. Außerdem blicken wir bei der "Weißen Weihnacht" ja nur auf drei Tage. Und dafür muss dann schon vieles passen.

Quelle: n-tv.de