Panorama

Chef von Catalin C. unter Schock Der Mitarbeiter ein Doppelmörder?

6a8432ec28841865a87cc96181e643bc.jpg

Eines der Opfer stammte aus Endingen, die Joggerin wurde im November 2016 ermordet.

(Foto: dpa)

Catalin C. hat wohl zwei Frauen umgebracht. Nach Vergewaltigungen tötete er sie mit einer Eisenstange aus seinem LKW. Denn C. war Fernfahrer, zuletzt in einer Firma in Baden-Württemberg. Dort versteht man die Welt nicht mehr.

Holger Döpke ist noch Tage nach der Festnahme seines Mitarbeiters fassungslos. "Wir kommen aus diesen ganzen Vorkommnissen noch nicht raus", sagt der Arbeitgeber des mutmaßlichen Doppelmörders von Endingen und Kufstein n-tv.de. Seine Belegschaft habe damit zu tun, die Ereignisse der letzten Monate, vor allem aber der letzten Tage zu verarbeiten. Alle seien erleichtert und dankbar, dass der mutmaßliche Täter gefasst sei. Aber irgendwie stehen auch alle unter Schock.

Bei der Spedition, die in Endingen am Kaiserstuhl ihren Sitz hat, war der festgenommene Catalin C. seit Oktober 2015 als LKW-Fahrer beschäftigt. Der Mann ist dringend verdächtig, im November 2016 in dem Ort eine Joggerin getötet zu haben. Außerdem geht die Polizei davon aus, dass der 40 Jahre alte Rumäne bereits im Januar 2014 im österreichischen Kufstein eine 20-jährige Studentin tötete. Den Tötungen waren nach Erkenntnissen der Ermittler jeweils Sexualstraftaten vorausgegangen.

Weil das zweite Opfer aus dem Ort stammte, in dem das Unternehmen Döpke-Logistik seinen Sitz hat, verfolgte man in der Firma die Ermittlungen der Polizei von Anfang an aufmerksam. Als die Polizei dann im Januar mitteilte, der Täter könnte möglicherweise ein LKW-Fahrer sein, fühlt sich Döpke persönlich angesprochen. "Wir sind der einzige große Spediteur am Kaiserstuhl. Also haben wir uns gefragt, könnte es einer von uns sein?"

Nur eine von mehreren Hypothesen

Sein Unternehmen fährt nicht nach Kufstein, also scheint sich zunächst keine Spur zu ergeben. Doch es gibt einen Fahrer, der früher für eine österreichische Firma fuhr. Döpke sucht den Kontakt zur Polizei und bietet seine Unterstützung an. Bei dem fraglichen Mann wird eine DNA-Probe genommen, es gibt jedoch keine Übereinstimmung mit den Spuren, die an den Tatorten gesichert worden waren. Döpke, der die Firma mit 85 Angestellten im Dreiländereck Deutschland- Frankreich -Schweiz seit 1995 führt, fühlte sich trotzdem in der Pflicht.

In dem mittlerweile veröffentlichten Phantombild vermag er keine Ähnlichkeit mit einem seiner Leute erkennen. Trotzdem schlägt er der Polizei vor, bei seinen Mitarbeitern einen Massengentest durchzuführen. Er selbst sieht die Mithilfe als seine Bürgerpflicht an und ist sich sicher, seine Angestellten sehen das genauso. Doch die Ermittler der Soko "Erle" lehnen ab. Der Freiburger Polizeisprecher Dirk Klose sagt n-tv.de dazu, dass die Beamten einen LKW-Fahrer als möglichen Täter zu diesem Zeitpunkt nur als eine von mehreren Hypothesen verfolgten. Deshalb sei ein Massengentest, den zudem vielleicht auch nicht alle Mitarbeiter der Firma freiwillig akzeptiert hätten, nicht nur rechtlich schwierig, sondern auch unverhältnismäßig gewesen.

Döpke fragt sich trotzdem heute, ob C. vielleicht schon im Februar hätte gefasst werden können. Stattdessen kommen die Beamten immer wieder aufs Firmengelände, um bei einzelnen Fahrern DNA-Proben zu nehmen. Am Donnerstag vor Pfingsten erkundigt sich die Polizei am Telefon nach Catalin C. Der ist gerade zufällig auf dem Betriebsgelände. Wieder kommen Polizeibeamte auf den Hof. Sie konfrontieren den Fahrer mit der Tatsache, dass er zum Tatzeitpunkt in Kufstein war. C. bestreitet das nicht und gibt eine DNA-Probe ab. Danach darf der Mann, der kurz darauf als mutmaßlicher Doppelmörder festgenommen werden wird, nach Hause gehen. Er soll sich am Freitag wieder im Büro melden. Zunächst aber soll C. am sehr frühen Freitagmorgen zu einer weiteren Tour starten.

"Mieses Bauchgefühl"

Döpke glaubt, dass die Beamten auf der falschen Spur sind. Aber er hat ein "mieses Bauchgefühl". Was, wenn C. der Gesuchte ist und die Flucht ergreift? Sicherheitshalber organisiert er einen Ersatzfahrer und kontrolliert morgens um 3 Uhr, ob er seine Arbeit angetreten hat. Doch Catalin C. erscheint pünktlich zur Arbeit. Danach kehrt er nach Endingen zurück.

Kurz darauf fragt die Polizei nach, ob C. schon da ist. Zwanzig Minuten sitzt der Fahrer zu diesem Zeitpunkt schon in Döpkes Büro. Man werde einen Streifenwagen schicken, so lange soll Döpke dafür sorgen, dass C. "das Büro nicht verlässt". Weitere zehn Minuten vergehen, bis die Beamten eintreffen. Sie tragen schusssichere Westen und sind bewaffnet. C. lässt sich widerstandslos festnehmen. Das ist der Moment, in dem Döpke klar wird: "Ich habe gerade eine halbe Stunde auf einen brutalen Doppelmörder aufgepasst." Ohne Schutzweste oder ähnliches. Polizeisprecher Klose zufolge waren die Polizeikräfte schnell vor Ort. Man habe gehofft, dass Döpke Catalin C. solange "hinhalten" könne. "Natürlich sollte er ihn nicht körperlich daran hindern, das Büro zu verlassen", stellt Klose klar.

Dennoch fragt sich Döpke seitdem: "Was wäre gewesen, wenn der durchgedreht wäre?" Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, ein schönes Leben. Es ist nur eine von vielen Fragen, die dem 53-Jährigen pausenlos durch den Kopf gehen. "Was ich jemandem zutraue, wird sich von diesem Moment an sehr stark ändern." Er hatte Catalin C. eingestellt, als der vor mehr als eineinhalb Jahren kam und nach einem Job fragte. Er entschloss sich, dem Rumänen eine Chance zu geben, und bereute es nicht, bis zu diesem Freitag vor Pfingsten. "Er ist hier immer als angenehme, sympathische Person rübergekommen." Die Ex-Kollegen teilen diese Einschätzung ihres Chefs. Ein zurückhaltender, netter Kerl war C., sagen sie, einer, dem man seine Kinder anvertrauen würde.

Er und seine Mitarbeiter seien "in einer Schocksituation". Plötzlich wird die Firma mit einem Verbrechen in Verbindung gebracht. Nach der Festnahme dauert es noch eine halbe Stunde, bis die Übersetzerin eintrifft und C. über seine Rechte belehrt werden kann. In dieser Zeit wimmelt der Hof von Einsatzbeamten. Er war doch nur C.s Arbeitgeber. Deutsche, österreichische und rumänische Reporter wollen jetzt mit ihm sprechen, bieten ihm Geld, das er nicht will und nicht nimmt. Er bekommt anonyme Drohbriefe. Aber für all das hat Döpke keine Zeit, der Betrieb muss weiterlaufen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.