Panorama

Aus der Schmoll-EckeDer Wolf, der Wal und das Walversprechen

12.04.2026, 07:33 Uhr schmollEine Kolumne von Thomas Schmoll
00:00 / 08:49
Der-Buckelwal-liegt-am-Nachmittag-noch-immer-vor-der-Insel-Poel-Die-Rettungsversuche-fuer-den-vor-Wismar-erneut-gestrandeten-Wal-werden-eingestellt-Das-Tier-solle-an-seinem-jetzigen-Liegeplatz-in-Ruhe-gelassen-werden-sagte-Mecklenburg-Vorpommerns-Umweltminister-Backhaus
Seit Ende März liegt der Buckelwal vor der Insel Poel, alle Rettungsversuche wurden eingestellt. (Foto: picture alliance/dpa)

Der böse Wolf hat erst Rotkäppchen und nun die Hamburger Innenstadt heimgesucht. Das macht seine Art nicht gerade sympathisch. Der Wal wartet hingegen seelenruhig auf seinen Untergang - er passt damit perfekt in unsere bedrohte Welt, ist wie wir, weshalb wir ihn mögen. 

Immerhin, selbst in unseren dunklen Zeiten gibt es sie noch, die guten Nachrichten, die uns alle glücklich machen. Der Papst, der 14. Leo, hat das Kreuz an Ostern selbst durch Rom geschleppt. Das ist erleichternd. Denn aus diesem Kraftakt darf man schließen, dass der Stellvertreter Gottes auf Erden noch gut beieinander ist und die ARD in absehbarer Zeit keine 30 Reporter nach Rom entsenden muss, damit sie beobachten, ob weißer oder grauer Rauch aus dem Schornstein qualmt. Das macht die Katholiken und Rundfunkgebührenzahler gleichsam froh, katholische Rundfunkgebührenzahler können sich doppelt freuen.

Jedoch muss ich zugeben, enttäuscht gewesen zu sein, als ich im Internet später die Filmaufnahmen zu der frohen Kunde betrachtete, da der Papst ein Kreuzlein in den Händen hielt, während ich ein mächtiges Kreuz erwartet hatte, wie ich es einst in "Die Passion Christi" unter der Regie von Mel Gibson sah. Der Held, im wahren Leben bekannt unter dem Namen Jesus, hat mich beeindruckt. Er ging seinen Weg, keine Qualen konnten ihn aufhalten. Respekt, wer es selber macht! An Jesus könnte sich die heutige Jugend ein Beispiel nehmen, die schon stöhnt, wenn sie ein Buch mit mehr als 100 Seiten lesen soll. Dabei ist kostenfreie Bildung ein Segen.

Zur Zeit der Römer war das anders. Bildung für alle gab es noch nicht, denn die SPD musste erst noch gegründet werden. Die Dummen, alles Heiden, bestanden darauf, den armen Mann zu kreuzigen, was echt fies war. Doch waren die Zeiten damals so und nicht anders. Devise: Hau den Jesus ans Kreuz, denn den Pöbel erfreut's. Aus Gründen der Ökonomie galt: "Jeder nur ein Kreuz." So erfährt man es jedenfalls in Monty Pythons blasphemischen Film, der die Welt mit der Frage konfrontierte: Was passiert, wenn eine größere Ansammlung schrulliger bis idiotischer Erdenbürger einen überaus gewöhnlichen Mitmenschen zum Messias erhebt, obwohl oder weil er Stuss redet? Krieg? Zölle? Deals? Milliardengewinne? Kreuzigung!

"Auch ich trage all dieses Leid im Gebet und möchte alle Menschen guten Willens einladen, gemeinsam diesen Weg zu gehen und zu suchen, wie auch wir Friedensbotschafter sein können", teilte der Papst mit. Ich folgte seinem Aufruf sehr gern, wenn auch nur im Geiste, nicht aber körperlich, da ich froh war, Ostern die Beine hochlegen und meine heilen, nicht durchlöcherten Hände pflegen zu können. Außerdem wollte ich mich nicht dem Vorwurf der kulturellen Aneignung aussetzen, indem ich mit Muskelkraft ein Kreuz durch Berlin oder gar nach Rom transportiere. Also zog ich es vor, auf dem Sofa liegend den Friedensbotschafter zu geben, eher langweilige Filme zu schauen und zum x-ten Mal Schuberts Streichquintett zu hören, das zu Ostern passt, weil es den Weg zwischen Erde und Himmel beschreibt.

Harpune und tschüss!

So lag ich also blöd rum, wünschte der Welt Frieden, guckte dem Papst zu - und dem Wal, der einfach nicht sterben will und das Herz vieler Menschen rührt. Auch das war früher, als es die SPD noch nicht gab, anders. Harpune und tschüss! Ganz übel. Der Tran, aus dem Speck von Walen gewonnenes Öl, war jahrhundertelang wichtiger Rohstoff zur Beleuchtung in Haushalten und Straßen sowie für Schmiermittel in Fabriken. Insofern haben Wale einen gewissen Anteil an der Entstehung des industriellen Zeitalters und des Kapitalismus', der es den Menschen ermöglichte, noch bessere Waffen zum Walfang zu entwickeln. So ticken wir Zweibeiner. Während der Wal keine Wahl hat. Er war und ist uns Menschen ausgeliefert.

Wir, die Deutschen, machen da natürlich nicht mit und das Leid durch die Harpunen wieder heile. Wir geben dem Wal in der Ostsee sogar kurz vor dem Tod noch einen Namen: Timmy. Ein influencender Biologe, der, wie ich las, "umstritten" ist, eilte herbei und erklärte sachkundig zu den Aussichten, dass der Wal überlebt: "Vor einer Woche war die Chance bei 0,1. Jetzt ist die Chance bei 0,01 Prozent." Das ist nicht gerade viel. Armer Timmy. Der "Merkur", Garant für erstklassigen Journalismus, stellte fest: "Sein bevorstehender Tod" - gemeint ist der Wal und nicht der Biologe - "gilt als 'Worst-Case-Szenario'". Das "gilt" demonstriert Objektivität, nicht dass jemand denkt, dass die Reporter auf der Seite des Wals stehen - nein, sie sind neutrale Berichterstatter.

Ist der Tod nicht immer der Worst Case im Leben? Das müsste man Jesus fragen, aber der lebt nicht mehr. Der Wal jedenfalls ist so tapfer wie der Gekreuzigte, wartet, ganz in sich ruhend, auf den Untergang - er passt damit perfekt in unsere bedrohte Welt. Timmy ist einer von uns, weshalb wir ihn mögen. Auf seiner Seite zu stehen, heißt, zu den Guten zu gehören. Das verspricht Seelenheil auf Erden und nach dem Tod Aufstieg in den Himmel. Ein echtes Walversprechen.

"Der Wal atmet alle vier bis fünf Minuten und gibt auch Laute von sich", gab Till Backhaus, Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, bekannt. Wir müssen also mit seinem baldigen Ableben - gemeint ist der Wal und nicht der Minister - rechnen und vorbereitet sein. Herr Backhaus ist es. "Das Konzept ist fertiggestellt, das ist in der Endabstimmung", sagte er. "Die Würde dieses Tieres werden wir sehr genau beobachten und beachten." Ehrenwort. Absolutes Wahlversprechen.

Der zum Sündenbock mutierte Problemwolf

Im Herbst wird der Landtag von Schwerin neu gewählt, bis dahin ist Timmy tot, zerlegt und vergessen. Nicht aber der Problemwolf, der neuerdings in Städten sein Unwesen treibt und generell weniger Sympathien hat als der Wal, was auch damit zu tun hat, dass Wale - anders als Wölfe - arglosen Schlafschafen in deutschen Innenstädten nicht ins Gesicht beißen. Ich glaube, ein im Wald liegender, sterbender Wolf, der alle vier bis fünf Minuten atmet und Laute von sich gibt, würde nur geringes Mitleid erregen. Er bekäme keinen Namen, obwohl, vielleicht Tommy. Kein influencender Biologe würde herbeieilen und Prognosen zu Tommys Überlebenschancen liefern. Ein Grund, dass Wölfe nicht so sehr gemocht werden wie Wale, liegt vermutlich am - machen wir uns ehrlich - nicht sehr klugen und oberflächlichen Rotkäppchen, das nicht mal seine Oma erkennt. Aber das ist ein Märchen, da drücken wir ein Auge zu. Die Handlungen der Opern Mozarts sind schließlich genauso unglaubhaft.

Der böse Wolf in der Hamburger Innenstadt hat mit seinem Vorstoß ins Gesicht einer Frau - vielleicht trug sie eine rote Kappe - den Deutschen einen gehörigen Schrecken eingejagt. Die AfD kann nun sagen, dass sie es schon immer gesagt hat, dass Wölfe sehr gefährlich sind, weshalb sie "wolfsfreie Zonen" fordert. Das wiederum ruft die Tierschützenden auf den Plan, die das Ganze auf eine größere Ebene ziehen: "Der Wolf tötet, um zu leben. Der Mensch dagegen tötet häufig, obwohl er es nicht müsste." So las ich es auf einer Webseite von Tierschützenden, die fragen: "Ist der Wolf wirklich das Problem oder wird er zum politischen Sündenbock gemacht?" Eine interessante Mutation. Ich ahne, was damit gemeint sein soll.

Weltweit sterben jährlich etwa 100.000 bis 140.000 Menschen an den Folgen von Schlangenbissen. Schlangen sind in deutschen Innenstädten so selten wie Wölfe. Noch jedenfalls. Dafür lassen hierzulande jedes Jahr 20 Menschen ihr Leben durch Insektenstiche. Man könnte also wolfs-, schlangen- und insektenfreie Zonen fordern. Das wäre ein Wahlversprechen, das es bisher nicht gab.

Quelle: ntv.de

WaleWölfe