Panorama
Die Lebensmittel sollen an jene gehen, die sie sich nicht leisten können.
Die Lebensmittel sollen an jene gehen, die sie sich nicht leisten können.(Foto: dpa)
Donnerstag, 22. Februar 2018

937 Tafeln für Hunderttausende: "Egal, ob Bio-Deutscher oder Flüchtling"

Vor 25 Jahren nahm in Berlin eine Bewegung ihren Anfang, die heute für viele Menschen mit geringen Einkommen kaum wegzudenken ist: die Tafel. Hier bekommen Bedürftige Lebensmittel, die im Supermarkt keine Käufer mehr finden. Sabine Werth gehört zu den Gründerinnen der Bewegung und ist bis heute Vorsitzende der Berliner Tafel. Sie fühlt sich noch immer der Grundidee verpflichtet, "Bedürftigen eine Tafel zu decken".

n-tv.de: Kann eigentlich zu den Tafeln jeder kommen, bei dem das Budget in diesem Monat mal ein bisschen knapp ist?

Werth hat mit der Tafel ihre Lebensaufgabe gefunden.
Werth hat mit der Tafel ihre Lebensaufgabe gefunden.(Foto: dpa)

Sabine Werth: Nein, die Bedürftigkeit muss nachgewiesen werden. Das ist eine ganz wesentliche Voraussetzung, weil wir nicht die übliche Ellbogengesellschaft auch noch bei den Ausgabestellen sehen wollen. Ich finde die Idee besonders charmant, gerettete Lebensmittel gerade an die zu geben, die es sich sonst nicht leisten können. Das ist ja auch der ursprüngliche Gedanke: Wir wollen denen eine Tafel decken, die es sich sonst nicht leisten können. In Berlin muss per Hartz-IV-Bescheid oder Rentenbescheid oder was auch immer nachgewiesen werden, dass man weniger als 800 Euro im Monat hat. Dann kann derjenige in der Ausgabestelle, die zum Postleitzahlbereich gehört, einmal in der Woche Lebensmittel bekommen. Die Betonung liegt auf können.

Was bedeutet das?

Es gibt keine Verpflichtung. Niemand kann auf der Möglichkeit beharren, etwas zu bekommen. Es gibt kein Anrecht, sondern es werden die gesammelten Lebensmittel möglichst gerecht verteilt und wenn es alle ist, ist es alle. Aber die Ehrenamtlichen haben inzwischen einen super Überblick und wissen, in welcher Woche wie viele Menschen kommen und teilen es dann auch von vornherein so ein, dass jeder etwas bekommt.

Wie gehen Sie damit um, dass viele glauben und das auch sagen, dass vor allem Zuwanderer und Geflüchtete von diesen Lebensmitteln profitieren?

Das ist Quatsch. In Berlin unterstützen wir über die 45 Ausgabestellen von "Laib und Seele" etwa 50.000 Menschen im Monat. Davon sind 4000 Flüchtlinge. Das zeigt schon, es ist ein kleiner Teil. Wir haben Ausgabestellen, da ist nicht ein einziger Flüchtling registriert. Aber der wesentliche Punkt ist für uns: Wir verteilen alles, was wir haben, gerecht an die, die es brauchen. Mir ist es völlig schnuppe, ob das ein Bio-Deutscher oder ein Flüchtling ist. Wenn bisher jemand drei Beutel bekommen hat und jetzt nur noch zwei bekommt, weil der dritte an eine andere bedürftige Person geht, dann ist das wichtig und richtig.

Woher kommt die Kritik Ihrer Meinung nach?

Berliner Tafel e.V.

Die Berliner Tafel e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit 26 hauptamtlichen Mitarbeitern und 2000 ehrenamtlichen Helfern. Zunächst geht es bei der Gründung 1993 um die Unterstützung von Obdachlosen. Inzwischen verteilt die Berliner Tafel jeden Monat bis zu 660 Tonnen Lebensmittel und unterstützt damit monatlich 125.000 bedürftige Menschen: 50.000 kommen in die 45 "Laib und Seele"-Ausgabestellen für die Bevölkerung, 75.000 werden über die sozialen Einrichtungen erreicht. Im September 1995 initiiert die Berliner Tafel-Chefin Sabine Werth die Gründung des Tafel-Bundesverbands, zu dem heute 937 Tafeln in ganz Deutschland gehören.

Das Problem ist, dass sich Menschen, denen es schlecht geht, immer benachteiligt fühlen und auch schnell maulen. Die gönnen dann einfach auch den anderen nichts. Eventuell haben die Leute in einzelnen Ausgabestellen enger zusammenrücken müssen, weil gerade dort Flüchtlinge gekommen sind. Aber wenn wir integrieren wollen, dann müssen wir das auch hier tun.

Welche Rolle spielt denn die Überlegung, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren?

Dass wir die Lebensmittelrettung als wesentlichen Bestandteil unserer Arbeit sehen, das ist in diesen 25 Jahren erst gewachsen. Es ging am Anfang darum, dass wir bei den Firmen die Lebensmittel haben wollten, die die nicht verkauften. Die erste Reaktion war dann immer: Wie, ihr wollt unseren Müll? Das nicht Verkaufte wurde damals noch als Müll gesehen und es kostete viel Überredungskunst, es zu bekommen. Inzwischen versuchen auch die Händler, Überschuss zu vermeiden, dann bleibt auch weniger für die Tafel.

Was würde ich denn jetzt gerade an einer Ausgabestelle bekommen?

Vieles wurde in den Anfängen improvisiert.
Vieles wurde in den Anfängen improvisiert.(Foto: Berliner Tafel e.V.)

Möglicherweise bekommen Sie die ganze Palette an Obst und Gemüse, an Brot und Brötchen. Im Augenblick haben wir draußen Kühlschranktemperaturen, das ist die Zeit, wo wir weniger Lebensmittel bekommen. Weil die Kühlkette an keiner Stelle unterbrochen wird, auch wenn man eine Palette mal kurz draußen stehen lässt. Deshalb haben wir im extremen Winter und im extremen Sommer sehr viel Ware und jetzt ist es etwas weniger.

Das klingt alles nach einem hohen logistischen Aufwand, die Lebensmittel abzuholen, zu sortieren und dann wieder zu verteilen. Wie wird das organisiert und finanziert?

Die Berliner Tafel fährt jeden Tag mit 15 Transportern raus und sammelt die Lebensmittel in der ganzen Stadt ein. Das sind 600 bis 700 feste Stellen, die wir jede Woche anfahren. Diese gesammelte Ware wird im Lager in der Beusselstraße von ganz vielen Freiwilligen sortiert. An den Ausgabetagen kommen dann die "Laib und Seele"-Teams und holen sich Lebensmittel ab. Wir verteilen dann aber auch noch an 300 soziale Einrichtungen. Die Ausgabestellen grasen außerdem selbst noch einmal die Läden in ihrer Umgebung ab und sortieren das dann selbst und geben es aus.

Hätten Sie geglaubt, dass das nach so vielen Jahren immer noch ein so großes Thema ist?

In gewisser Weise ist es ja überhaupt erst ein Thema geworden. Als wir angefangen haben, hat die Kohl-Regierung noch auf dem Standpunkt gestanden, es gebe keine Armut in Deutschland. Alles würde über die Sozial-, Renten- und Arbeitslosenversicherung geregelt. Erst im Lauf der Jahre ist eine Diskussion über Arme in Deutschland entstanden. Heute würde niemand mehr behaupte, es gibt sie nicht. Was unsere Bewegung angeht, hatte ich von vornherein das Gefühl, dass da mehr draus wird. Als die Münchner als Nächste etwas gründen wollten, habe ich ihnen geraten, nennt euch auch Tafel. Wenn wir noch mehr werden sollten, ist die Argumentation für uns leichter. Auf die Art und Weise ist die Tafel-Bewegung entstanden. Inzwischen unterstützen 937 Tafeln in ganz Deutschland insgesamt 1,5 Millionen Menschen. Das ist natürlich auf eine Art bedrückend, weil es zeigt, dass die Not da ist und wir gebraucht werden. Aber auf der anderen Seite ist es auch ein tolles Gefühl, dass 60.000 Menschen in Deutschland freiwillig bei der Tafel helfen und wir das so schaffen.

Mit Sabine Werth sprach Solveig Bach.

Quelle: n-tv.de