Panorama
Bilder der Überwachungskamera von einem Bankraub in Arnstadt am 9. September, der Uwe B. und Uwe M. zur Last gelegt wird.
Bilder der Überwachungskamera von einem Bankraub in Arnstadt am 9. September, der Uwe B. und Uwe M. zur Last gelegt wird.(Foto: dpa)
Mittwoch, 09. November 2011

Polizistinnenmord von Heilbronn: Ein Fall für Hollywood

von Christian Bartlau

Der Polizistinnenmord von Heilbronn entwickelt sich zu einem der spektakulärsten Kriminalfälle der letzten Jahre. Die Geschichte liefert genug Stoff für einen Hollywood-Thriller: Eine skrupellose Bande aus der rechten Szene raubt und mordet, während die Polizei ein Phantom jagt. Als Zugabe gibt es eine Prise Verschwörungstheorien.

Wer in diesem Fall die Übersicht bewahren will, ist gut beraten, sich an die Chronologie zu halten: Am 25. April 2007 halten die 22-jährige Polizistin Michele K. und ihr zwei Jahre älterer Kollege mit ihrem Auto auf der Theresienwiese in Heilbronn, wohl für eine Mittagspause. Minuten später liegen beide blutüberströmt auf dem Boden. Die junge Frau ist sofort tot, sie wurde mit einem Kopfschuss von hinten regelrecht hingerichtet. Ihr Begleiter überlebt mit einem Streifschuss, wochenlang liegt er im Koma, an den Tathergang kann er sich nicht mehr erinnern.

Polizisten sichern den Tatort in Heilbronn. Die Theresienwiese ist der zentrale Festplatz der Stadt.
Polizisten sichern den Tatort in Heilbronn. Die Theresienwiese ist der zentrale Festplatz der Stadt.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Es gibt kein klares Motiv und keine Zeugen. Dienstwaffen und Handschellen fehlen ebenso wie jede Spur von den Tätern. Doch eine DNA-Spur vom Tatort gibt Hoffnung und scheint die "Soko Parkplatz" auf die richtige Fährte zu führen. Eine weibliche Person wird gesucht, die bald in ganz Deutschland Verbrechen begeht. An mindestens 35 Tatorten hinterlässt sie ihre Markierungen - im Saarland, in Baden-Württemberg, in Rheinland-Pfalz. Sie hat offenbar 2001 in Freiburg einen Rentner erdrosselt und zusammen mit Schülern einen Einbruch in einer Schule im Saarland begangen. Die Polizei jagt eine Super-Schurkin, eine "Frau ohne Gesicht", wie sie bald heißt.

Das Bild des Phantoms zerfällt 2009. Im März des Jahres räumt die Staatsanwaltschaft Heilbronn kleinlaut ein, dass die DNA-Spur von einer 71-Jährigen stammte, die alles andere als tatverdächtig ist. Die Frau arbeitete in der Firma, die Wattestäbchen für die Entnahme der DNA-Spuren herstellte. Eine epische Panne, nach der es ruhig wird um die Ermittlungen der Soko.

Eine heiße Spur nach viereinhalb Jahren

Bis zum vergangenen Freitag. Die Thüringer Polizei muss ausrücken, bei einem Banküberfall in Eisenach hatten zwei Männer einen Angestellten verletzt und waren auf Fahrrädern geflüchtet. Die Beamten nehmen ihre Fährte auf und finden die Kriminellen in einem Wohnmobil. Doch bevor die Polizei zugreifen kann, schießen Flammen aus dem Gefährt. Die beiden Männer hatten offenbar Sprengstoff gezündet und sich anschließend erschossen. Ein Abgang mit Knall.

Das Wohnmobil, in dem sich Uwe M. und Uwe B. erschossen.
Das Wohnmobil, in dem sich Uwe M. und Uwe B. erschossen.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenige Stunden später explodiert rund 190 Kilometer entfernt in Zwickau ein Wohnhaus. Eine 36-jährige Bewohnerin, die kurz zuvor ihre Katzen in die Obhut eines Nachbarkindes gegeben hat, verlässt fluchtartig das Viertel und wird nicht wieder gesehen.

Die Polizei hat da schon längst eine heiße Spur. Im Wohnwagen der beiden toten Bankräuber heben sie ein Waffendepot aus. Unter den Fundstücken befinden sich auch die Dienstwaffen der toten Polizistin Michele K. und ihres Kollegen. Viereinhalb Jahre nach dem Mordfall in Heilbronn scheint sich das Puzzle zusammenzufügen. Der Fall kommt ins Rollen.

Verbindungen in rechte Szene

Von den Bankräubern Uwe M. und Uwe B., die nun als dringend tatverdächtig gelten, führt die Spur nach Zwickau - just in das Wohnhaus, das wie nach einem abgesprochenen Plan kurz nach dem Tod der beiden Männer in die Luft geht. Dort hat das Duo zusammen mit der flüchtigen 36-Jährigen gewohnt, seit etwa drei bis vier Jahren, genau wissen die Ermittler das noch nicht.

Die Bande, das gibt die Polizei nur zögernd bekannt, hat Verbindungen in die rechtsradikale Szene. Die Linkspartei in Thüringen versorgt die Medien mit genauen Informationen. Martina Renner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Partei im Erfurter Landtag, bringt die drei Mitglieder des "Heimatschutz Thüringen" mit einem geplanten  Bombenattentat in Jena 1998 in Verbindung. Seitdem waren die Frau und die zwei Männer untergetaucht.

Die Linkspartei fordert nun Aufklärung darüber, wie es den mutmaßlichen Rechtsterroristen gelingen konnte, 13 Jahre lang unerkannt zu bleiben. Zumal, wie Linkspartei-Abgeordneter Kerstin Köditz in der "Süddeutschen Zeitung" berichtet, der "Heimatschutz" vom Verfassungsschutz unterwandert war. Schnell kommen Gerüchte auf, dass Uwe M. und Uwe B. als V-Männer eingesetzt waren. Dafür gebe es keine Anhaltspunkte, erklären die Thüringer Schlapphüte. Auch hätten "staatliche Stellen" dem Bankräuber-Duo nicht bei der Flucht geholfen.

Der Thüringer Innenminister Jörg Geibert behauptet gar, das Trio habe ab 1998 keinen Kontakt zur rechten Szene mehr gehabt. Die Lücke zwischen 1998 und 2011 kann er allerdings nicht erklären. Wahrscheinlich sei bei den Ermittlungen 1998 "nicht alles optimal gelaufen", danach hätten die drei mit geänderten Identitäten gelebt. Die Suche nach den zwei verdächtigen Männern war 2003 wegen Verjährung eingestellt worden.

Tatwaffe gefunden

Die Ermittler finden unterdessen in der Zwickauer Wohnung neben Brandbeschleunigern weitere Waffen, darunter vermutlich auch die Tatwaffe. Die Pistole stimmt laut dem Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger mit dem Typ überein, mit dem die Schüsse in Heilbronn abgegeben worden waren. Die Staatsanwaltschaft Zwickau will das nicht bestätigen, spricht aber von insgesamt 6 Waffen, die in dem Haus sichergestellt worden seien. Die Auswertung der weiteren Beweisfunde - des "materiellen Gedächtnisses", wie die Polizei es formuliert- dauert an.

Ein DNA-Abgleich ruft allerdings Ernüchterung hervor: Die Spuren vom Tatort stimmen nicht mit einem Gentest der mutmaßlichen Täter überein. "Nach den bisherigen Erkenntnissen ist es naheliegend, dass beim Polizistenmord mit Handschuhen gearbeitet wurde, sodass DNA-Spuren grundsätzlich auch nicht ohne weiteres zu erwarten sind", erklärt der Heilbronner Oberstaatsanwalt Frank Rebmann.

Den Schlüssel zu den offenen Fragen könnte die 36-jährige Beate Z. liefern. Sie stellt sich nach kurzer Flucht in Begleitung ihres Anwalts auf einer Polizeiwache in Jena mit den Worten: "Ich bin die, die sie gesucht haben." Sie befindet sich in Untersuchungshaft, verweigert bislang aber jede Aussage zur Sache. Die Polizei geht trotzdem mit Sicherheit davon aus, dass sie die Explosion im Wohnhaus gezielt herbeigeführt hat. Die Polizei wird ihr viele Fragen stellen: Etwa, ob Michele K. gezielt getötet wurde, oder ob sie ein zufälliges Opfer war - immerhin kam die getötete Polizistin aus dem südthüringischen Oberweißbach.

Die Ermittler wird auch interessieren, was die Bande sonst noch auf dem Kerbholz hatte. Deutschlandweit sollen Bankraube in das Muster der beiden Männer passen - allein 3 Fälle in Zwickau könnten auf das Konto des Duos gehen, spekuliert die Staatsanwaltschaft Zwickau. Selbst Verbindungen zum Polizistenmord in Augsburg werden untersucht, obwohl es noch keinen Zusammenhang gibt - den gab es aber zunächst zwischen dem Mord in Heilbronn und dem Bankraub in Eisenach auch nicht.

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Quelle: n-tv.de