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Mammutaufgabe Stadtarchiv Köln "Ein Restaurator würde 6300 Jahre brauchen"

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Die Dokumente sind unterschiedlich stark beschädigt. Restauratoren werden noch Jahrzehnte damit beschäftigt sein.

(Foto: Kölner Stadtarchiv)

Als 2009 das Kölner Stadtarchiv einstürzt, sind zigtausend historische Stücken verstaubt, zerfleddert und durcheinander. Zehn Jahre später arbeiten sich die Restauratoren immer noch an kilometerlangen Regalen voller Material ab. Es ist eine Aufgabe, die weitere Generationen beschäftigen wird. n-tv.de hat mit der Archivdirektorin Bettina Schmidt-Czaia über Herausforderungen, Erfolge und Kurioses gesprochen.

n-tv.de: Was bedeutet es für Sie als Archivarin, diese Unmengen Archivmaterial zu retten und zu restaurieren?

Bettina Schmidt-Czaia: Wir sind ja Archivare aus Leidenschaft geworden und nicht, weil man etwa viel Geld verdienen würde oder gar berühmt werden möchte. Das Archiv ist unser zentrales Anliegen und wir wollen auch, dass die zukünftigen Kölner noch eine Geschichte haben, auf die sie zurückblicken und an die sie immer wieder Fragen richten können.

Kommen wir zum großen Thema Restaurierung: Wie viele Dokumente wurden denn bei dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 verschüttet?

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Bettina Schmidt-Czaia leitet das Kölner Stadtarchiv und ist für den gesamten Wiederaufbau-Prozess verantwortlich.

(Foto: Kölner Stadtarchiv)

Vor dem Einsturz umfasste der Bestand des Archivs rund 30 Regalkilometer Dokumente, Urkunden, Fotos, Filme, Plakate und noch mehr und das ist schon recht viel. Es ist bis heute eines der größten Stadtarchive in Deutschland. Die gesamten Archivalien waren von einem auf den anderen Tag verschüttet. Dann haben wir das Ganze zweieinhalb Jahre geborgen. Wir konnten nach einer Erstversorgung in Köln etwa 95 Prozent des Gesamtbestandes in Asylarchive in ganz Deutschland bringen.

Wie läuft so eine Restaurierung ab?

Wir haben manche Dinge, die nur von Betonstaub überzogen sind. Die müssen wir nur trockenreinigen und dann kann man sie wieder im Original anbieten. Andere Stücke sind dagegen stärker zerstört und beschädigt. Diese müssen arbeitsteilig tiefergehende Restaurierungsmaßnahmen durchlaufen. Die Vielfalt und die Überlagerung der Schäden reichen von Knicken, Rissen, Wasserschäden, Verblockungen bis hin zur kompletten Fragmentierung. Insbesondere bei den Fragmenten müssen Risse geschlossen und Knicke geglättet werden, um diese dann mit anderen Fragmenten des gleichen Stückes elektronisch wieder zusammenfügen zu können. Das nennen wir Digitale Rekonstruktion Kölner Fragmente (DRKF).

Wie lange dauert so etwas?

Wir hatten 2009 einen Gutachter beauftragt, der hatte nach der Prüfung geschätzt, "wenn ein Restaurator das alles restauriert, dann brauchen wir 6300 Jahre". Aber es sind jetzt deutlich mehr Restauratoren und Restaurierungshelfer im Einsatz. Zusätzlich gibt es auch noch viele Dienstleister, die wir beauftragen sowie Institutionen, mit denen wir in Kooperation zusammenarbeiten. Wir werden beim jetzigen Ressourceneinsatz noch mindestens 30 Jahre brauchen, um auch den letzten Knick zu glätten, den letzten Riss zu schließen und die letzten Stücke analog wieder zusammenzusortieren. Dazu gehört auch, Stücke zu identifizieren und Beständen zuzuordnen. Insgesamt arbeiten derzeit etwa 175 Kollegen bei uns, die sich um den Wiederaufbau kümmern.

Wie finanzieren Sie diesen riesigen Aufwand?

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Derzeit arbeiten etwa 175 Kollegen am Wiederaufbau.

(Foto: Kölner Stadtarchiv)

Die Stadt Köln ist von Beginn an in Vorleistung getreten. Die Gesamtschadenssumme beläuft sich derzeit auf 1,3 Milliarden Euro. Dazu zählt nicht nur die Restaurierung, sondern unter anderem der Neubau des Archivs.

Was macht für Sie das Kölner Archiv besonders?

Der Reiz des Kölner Stadtarchivs lag in seinem Gesamtbestand aus über 1100 Jahren. Wir hatten zudem auch aus dem 19. und 20. Jahrhundert mehr als 800 Vor- und Nachlässe bedeutender Kölner. Ich denke da beispielsweise an Heinrich Böll, der in diesem Zusammenhang oft genannt wird. Das ganze Archiv hatte ja vor dem Einsturz auch nie Schaden genommen, man ist zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg mit dem Archiv geflüchtet.

Welche Dokumente machen Ihnen denn derzeit am meisten Sorgen?

Uns bereiten momentan vor allem die AV-Medien Sorgen. Tonträger, Filme und Fotos sind äußerst empfindlich. Wenn bei Fotos beispielsweise die Gelatine-Schicht verloren geht, dann kann kein Restaurator die Information im Bild wiederherstellen.

Wie fühlen Sie sich denn als Archivdirektorin mit so einer Mammutaufgabe, die in keiner absehbaren Zeit fertig wird?

Anfangs war das etwas gewöhnungsbedürftig, denn niemand halst sich Aufgaben auf, die er in seinem eigenen Berufsleben nicht mehr abschließt. Aber in diesem Fall war es ja keine Wahl. Weitere Generationen werden das dann weiterführen. Wir müssen jetzt als Nächstes das Material wieder aus den drei Standorten zusammenführen, an denen wir derzeit untergebracht sind, ehe der Neubau kommt. Das sind Köln, Düsseldorf und Wermsdorf in Sachsen.

Sie haben mal erzählt, dass Sie im Einsturz-Schutt die Dokumente von Journalist Günter Wallraff gefunden und sich riesig gefreut haben.

Ja, Herr Wallraff hatte bei sich daheim einen Brand und hat deshalb seine Dokumente vor dem Einsturz 2009 dem Stadtarchiv zur Sicherung gegeben. Und als das Archiv eingestürzt war, mussten wir zunächst davon ausgehen, dass auch sein Bestand betroffen sein würde. Ich glaube, nach etwa drei Wochen haben wir in einem Teil des Archivkellers, nur etwas eingestaubt, seinen Vorlass gefunden. Das kam mir fast etwas schicksalshaft vor.

Gibt es denn bei der Restaurierung eine besondere Priorisierung?

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In Handarbeit wird jedes Archivstück aufbereitet.

(Foto: Kölner Stadtarchiv)

Wir fokussieren unsere Restaurierungsarbeiten auf fortschreitende Schäden, weshalb wir schon im Anschluss der Bergung 2011 mit einer riesigen Trockenreinigungskampagne begonnen haben. Mittlerweile arbeiten in der Restaurierung 30 Restauratoren und 60 Restaurierungshelfer, sodass wir bereits 15 Prozent der geborgenen Dokumente trockengereinigt haben, wovon nahezu alle entweder im Original oder aber als Digitalisat nutzbar sind. Lediglich ein Prozent davon ist so stark beschädigt, dass wir tiefergehende Restaurierungsmaßnahmen durchführen müssen, um sie zur Benutzung zur Verfügung zu stellen.

Und wie gehen Sie da vor?

Sobald wir wissen, dass ein bestimmtes Archivale für Ausstellungszwecke oder zur Forschung gebraucht wird, ziehen wir die Restaurierung dieses Stückes dann auch vor. Das nennen wir Nutzung-on-Demand. Durchschnittlich vier bis sechs Monate benötigen wir, um diese Stücke dann für die Benutzung vorzubereiten, wenn sie bisher noch nicht durch die Restaurierungsprozesse gelaufen sind. Nach den konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen schließt sich die Identifizierung der Stücke an, bei der ein Archivar diese einem Bestand zuordnet.

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Der 3. März 2009 war für das Kölner Stadtarchiv ein trauriger Tag.

(Foto: picture alliance/dpa)

Könnten Sie da ein Beispiel benennen?

Nehmen wir mal an, die Urkunde zum Nobelpreis von Heinrich Böll wird gesucht und soll im Original eingesehen werden, dann schauen wir, wo diese liegt. Dann ziehen wir diese durch all diese Prozesse durch und je nachdem, in welchem Zustand sie ist, könnten Sie dieses Stück auch wieder im Original bei uns sehen.

Und wie geht es mit der Arbeit mit den neu gewonnen Archivstücken weiter?

In Teilen arbeitet dieses Archiv schon wieder wie ein ganz normales. Natürlich sind wir alle mit dem Wiederaufbau beschäftigt, aber wir arbeiten auch schon insofern ganz normal, dass wir Material wieder übernehmen und bewerten. Seit dem Einsturz haben wir auch schon wieder 15 Ausstellungen durchgeführt. Das ist eine wichtige Sache, damit die Menschen in der Stadt das Archiv auch als für sie tätige Einrichtung wahrnehmen.

Mit Bettina Schmidt-Czaia sprach Sonja Gurris

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Quelle: n-tv.de

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