Retten oder einschläfern?Ein Wal, der ganz Deutschland beschäftigt

Es kommt nicht oft vor, dass sich Deutschland kollektiv wünscht, eine Geschichte möge bitte gut ausgehen. Doch beim gestrandeten Buckelwal ist das so. Und es gibt starke Meinungen, was zu tun und zu lassen ist. Deshalb ein paar Antworten.
Warum erregt das Schicksal des Buckelwals so viel Aufmerksamkeit?
Auf die Frage gibt es keine einfache Antwort, denn dabei kommen mehrere Faktoren zusammen. Einer ist, dass Walstrandungen in Deutschland nicht so häufig vorkommen. Die letzte bekannte an der deutschen Küste vor dem jetzt gestrandeten Buckelwal war ein Ereignis mit Pottwalen im Jahr 2016 an den Nordseeküsten. Dabei wurden unter anderem mehrere Tiere bei Helgoland, Wangerooge, in der Wesermündung und bei Büsum tot angetrieben oder strandeten. Ein anderer ist die krisenhafte Weltlage, die in Menschen die Sehnsucht nach Nachrichten weckt, die überschaubar und beherrschbar erscheinen. Das ist bei einer Rettungsaktion für einen Wal eher der Fall als beim Krieg gegen die Ukraine, der Entwicklung der USA unter Donald Trump oder der Ausbreitung von digitaler Gewalt gegen Frauen. Nicht zuletzt werden Wale als intelligente und sozial komplexe Tiere angesehen, denen Menschen leichter Persönlichkeiten und Emotionen zuschreiben.
Wie realistisch war der Ansatz, den Wal wieder ins offene Meer zu retten?
Prinzipiell ist es möglich, dass auch große Meeressäuger eine Strandung überleben. Bei Buckelwalen liegen dokumentierte Rettungserfolge oft in einer Größenordnung von etwa 40 bis 50 Prozent, wenn eine koordinierte Aktion möglich ist. Bei Massenstrandungen von sogar Hunderten Tieren können meist einige Dutzend Tiere gerettet werden, aber ein Großteil der Tiere stirbt.
Was macht die Rettung so schwierig?
Große Bartenwale wie Pott-, Finn- oder Buckelwale sind auch mit schwerer Technik kaum zu bewegen. Nicht immer sind die Strandverhältnisse so, dass es möglich ist, eine Rinne zu baggern, durch die sie selbst wieder das Meer erreichen können. Der Walforscher Peter T. Madsen sagte der FAZ: "Wollen wir wirklich eine alte Person aus dem Krankenbett runter auf die Straße zerren? Man müsste dem Tier Schmerzen zufügen, den gesamten weiten Weg." Die Tiere vertragen zudem langes Liegen am Strand schlecht. Je länger ein Wal trockenliegt, desto stärker wirken Schwerkraft, Überhitzung und Kreislaufprobleme. Die Überlebenschancen nehmen rasch ab. Viele Tiere stranden außerdem, weil sie krank, verletzt oder geschwächt sind. Selbst wenn es gelingt, sie zurück ins offene Wasser zu bringen, sinken ihre Überlebenschancen deutlich.
Warum wurde bei dem Buckelwal zunächst eine Rettung versucht?
Expertinnen und Experten ziehen bei ihren Überlegungen mehrere Parameter heran. Dazu gehören die Dauer der Strandung und die Anzahl der erneuten Strandungen, Anzeichen von körperlichen Traumata, Verletzungen und Wunden, Zeichen von Krankheit und Gebrechen, die Schwimmfähigkeit und die Orientierung nach der Rückkehr ins Wasser sowie das Reaktionsvermögen des Tieres auf Reize. Mit einer Strandung und einer zunächst kräftig erscheinenden Konstitution war der Wal damit kein schlechter Kandidat für eine Erfolgsgeschichte. Inzwischen sieht das nach weiteren Strandungen und einem verschlechterten Zustand ganz anders aus. Das Tier sei sehr geschwächt, sagte der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Burkard Baschek, in Wismar. Der Fitnesszustand des Wals habe sich im Vergleich zum Samstag deutlich verschlechtert. Laut Meeresmuseum ist auch die Atemfrequenz des Buckelwals mittlerweile reduziert.
Was ist von der These zu halten, das Tier habe sich zum Sterben auf den Strand gelegt?
Stephanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover widerspricht dieser Annahme. Sie sagt, dafür gebe es keine wissenschaftlichen Hinweise. "Ansonsten würden wir weltweit deutlich mehr Buckelwal-Strandungen sehen, wenn alle alten, kranken, geschwächten Buckelwale in die Flachwassergebiete kämen." Madsen hingegen glaubt nicht, dass der Wal versehentlich gestrandet ist. Er habe vielmehr seichtes Wasser aufgesucht, "um nicht zu ertrinken, weil er krank und am Sterben ist".
Wenn das Tier nun immer schwächer wird, gibt es Überlegungen, den Wal zu erlösen?
Aus Tierschutzsicht ist das sicher eine Überlegung, die angestellt wird. Allerdings ist das nicht so einfach möglich, wie beispielsweise bei einem schwer erkrankten Haustier. Je nach Situation kommen chemische und/oder physische Verfahren infrage. Ziel der Euthanasie ist es, die Schmerzen und das Leiden eines Tieres zu lindern, damit es möglichst schnell und friedlich sterben kann. Internationale tiermedizinische Leitlinien gehen bisher davon aus, dass es technisch extrem schwierig ist, großen Bartenwalen wie Buckelwalen hohe Dosen von starken Sedativa oder Anästhetika an einem Strand zu verabreichen. Ein Einschläfern ist damit praktisch kaum durchführbar. In manchen Ländern werden großkalibrige Gewehre oder Sprengladungen eingesetzt, die gezielt Gehirn oder Hirnstamm zerstören sollen. Dafür braucht es genaue Kenntnis der Wal-Anatomie, geeignete Projektile und sehr erfahrene Schützen. Diese Methoden sind auch deshalb in der Regel abgelegenen oder logistisch schwierigen Situationen vorbehalten. Bisher heißt es, dass eine gezielte Tötung "keine Option" für den Buckelwal sei.
Wie geht es nun weiter?
Bei etwas höherem Wasserstand soll am Nachmittag noch einmal versucht werden, den Wal zum Wegschwimmen anzuregen. Wenn der Buckelwal es nicht doch noch aufs Meer hinausschafft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er auf dem Strand verendet. Expertinnen und Experten zufolge kann das mehrere Stunden oder auch mehrere Tage dauern. Meist wird dann ein größerer Bereich um das Tier abgesperrt, um den Stress zu mindern.