Panorama

Afghanin in Bayern erstochen Ermittler prüfen religiöses Motiv

Ein afghanischer Flüchtling sticht in Bayern eine Landsfrau nieder. Sie stirbt vor den Augen ihrer Kinder. Schnell rückt ihr Übertritt zum Christentum als Motiv des Täters in den Blick. Flüchtlingshelfer und der Ortspfarrer glauben das so nicht.

Eine tödliche Messerattacke auf eine zweifache Mutter in Prien am Chiemsee könnte nach Einschätzung der Ermittler religiös motiviert gewesen sein. Der Wechsel der 2011 aus Afghanistan geflüchteten Frau vom muslimischen zum christlichen Glauben rücke immer mehr ins Zentrum der Ermittlungen, sagte Polizeisprecher Andreas Guske. "Das ist eine Möglichkeit, der wir nachgehen", sagte er. Die 38-Jährige hatte sich in der evangelischen Kirchengemeinde engagiert. Am Samstagabend war sie vor den Augen ihrer Kinder vor einem Supermarkt niedergestochen worden. Sie starb wenig später im Krankenhaus.

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Die brutale Tat ereignete sich im beschaulichen Prien am Chiemsee in Bayern.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein 29 Jahre alter Flüchtling - ebenfalls aus Afghanistan - gilt als dringend tatverdächtig. Eine klassische Beziehungstat scheidet für die Ermittler aus. "Der mutmaßliche Täter und die Frau kannten sich zwar", erläuterte Guske. Es sei aber eher eine flüchtige Bekanntschaft gewesen, Eifersucht komme als Tatmotiv nicht in Frage.

Der Verdächtige wurde in eine Nervenklinik eingewiesen. Er ist laut Polizei bereits früher als psychisch labil aufgefallen. Nach Angaben der Polizei gestand der Verdächtige die Tat in ersten Vernehmungen zwar, machte dabei aber keine Angaben zu seinen Motiven. Derzeit würden umfangreiche Ermittlungen im persönlichen Umfeld von Täter und Opfer geführt, die sich aufgrund von "Sprachbarrieren" aber schwierig gestalteten. Durch die Einschaltung zertifizierter Dolmetscher bemühe sich die Polizei, "höchstmögliche Aussagegenauigkeit" zu erzielen.

Pfarrer bezweifelt religiöse Motivation

Die beiden fünf und elf Jahre alten Kinder, die mit ansehen mussten, wie ihre Mutter umgebracht wurde, sind in der Obhut von Behörden. Die evangelische Kirche glaubt hingegen nicht an ein religiöses Motiv. "Ich tue mich schwer, das Verbrechen an unserem Gemeindemitglied als religiös motiviert zu sehen", sagte der evangelische Pfarrer von Prien, Karl-Friedrich Wackerbarth. Der mutmaßliche Täter sei hochgradig psychisch krank, erläuterte der Seelsorger. "Anlass und Motiv der Tat sind beliebig austauschbar."

In seiner Kirchengemeinde herrsche große Trauer, erläuterte Wackerbarth. "Ich hatte gehofft, dass so etwas nie bei uns passiert." Der Pfarrer machte klar, dass sich die Gemeinde intensiv um die evangelisch getauften Jungen der Getöteten im Alter von fünf und elf Jahren kümmere. Nach Polizeiangaben sind sie stark traumatisiert. Zwei erwachsene Söhne sind laut dem Pfarrer Muslime geblieben.

Tatverdächtiger nicht als Flüchtling anerkannt

Auch Priens Bürgermeister Jürgen Seifert äußerte sich erschüttert. "Die Tat ist mit menschlichem Vermögen nicht zu fassen", sagte der parteilose Rathauschef des 10.000 Einwohner zählenden Kurortes. Die Getötete "war gelebte Integration", sagte Seifert. Die 38-Jährige sei ein lebensbejahender positiver Mensch gewesen, der sich in Kirche und Gemeinde einbrachte. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie man einen Menschen offensichtlich deshalb umbringen kann."

Der Bürgermeister ergänzte, dass besonders im Helferkreis Asyl der Gemeinde große Trauer herrsche. Dies betreffe auch die Betreuer des mutmaßlichen Täters, mit dem es bisher "ein hervorragendes Auskommen gab". Der seit 2013 in Deutschland lebende Afghane habe den Status eines geduldeten Flüchtlings gehabt. Er war in Prien zusammen mit anderen Migranten in einer Wohnung untergebracht. Erst seit dem Ablehnungsbescheid als anerkannter Flüchtling Ende 2016 habe sich der 29-Jährige seelisch verändert. Er sei seitdem mindestens zwei Mal stationär in psychiatrischer Behandlung gewesen, sagte Seifert. An diesem Donnerstag wird die Frau auf dem örtlichen Friedhof beerdigt. Daran nehmen neben dem evangelischen und dem katholischen Pfarrer auch Bürgermeister Seifert und seine Stellvertreter teil.

Quelle: ntv.de, nsc/dpa/AFP