Panorama

RKI: Lage ist besorgniserregend Fast 20 Prozent aller PCR-Tests sind positiv

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Eine hohe Positivrate bedeutet eine hohe Dunkelziffer.

(Foto: picture alliance/dpa)

In Deutschland fällt mittlerweile rund jeder fünfte PCR-Test positiv aus. Der steile Anstieg der Infektionszahlen bringt Mediziner, Labore und Behörden an ihre Grenzen. Eine Entspannung ist laut RKI nicht in Sicht. Das Institut befürchtet weitere Covid-Intensivpatienten und Todesfälle.

Die vierte Welle hat Deutschland mit voller Wucht getroffen: Fast täglich erreichen die Infektionszahlen neue Höchststände. Gleichzeitig stoßen Test-Labore und Intensivstationen an ihre Grenzen. "Die aktuellen Fallzahlen sind höher als alle bisher auf den Höhepunkten der vorangegangenen Erkrankungswellen", schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem Wochenbericht und warnt vor einem deutlichen Anstieg der schweren Krankheitsverläufe und der Todesfälle.

Die Entwicklung sei sehr besorgniserregend, heißt es vom RKI. Die Behörde ruft geimpfte wie ungeimpfte Menschen dringend dazu auf, alle nicht notwendigen Kontakte zu reduzieren. Zudem sollten größere Veranstaltungen abgesagt und enge Kontaktsituationen, wie etwa in Clubs, unbedingt vermieden werden. Das RKI schätzt die Gefährdung für die Gesundheit der nicht oder nur einmal geimpften Menschen "insgesamt als sehr hoch ein". Für vollständig Geimpfte werde sie als "moderat, aber aufgrund der steigenden Infektionszahlen ansteigend" angenommen.

Positivrate weist auf hohe Dunkelziffer hin

Wie dramatisch sich die Infektionslage entwickelt, zeigt sich bei der sogenannten Positivrate der Corona-PCR-Tests. Sie steigt den RKI-Daten zufolge seit fünf Wochen stetig an. Anfang Oktober lag die Positivrate noch bei 6,4 Prozent. In der zurückliegenden Kalenderwoche waren nach RKI-Angaben hingegen 19,9 Prozent aller durchgeführten Tests positiv. Der Wert hat sich somit innerhalb kurzer Zeit mehr als verdreifacht. Und das, obwohl die Anzahl der Tests zugleich deutlich gestiegen ist: von weniger als eine Million pro Woche auf zuletzt mehr als 1,8 Millionen.

Niedrige Raten bedeuten laut RKI, dass sehr sensitiv getestet werde und auch Personen mit leichten Symptomen erfasst würden. Das heißt wiederum, dass eine hohe Positivrate auf viele unentdeckte Fälle - also eine hohe Dunkelziffer - hinweist. Theoretisch müssten die Testzahlen jede Woche in dem Maße erhöht werden, in dem die Infektionen zunehmen. Dann bliebe die Positivrate mehr oder weniger konstant und die ermittelten Fallzahlen würden einigermaßen realistisch die Infektionsdynamik abbilden. Das ist aber derzeit kaum möglich.

Die vom RKI ausgewiesene Positivrate unterscheidet sich regional sehr stark. In Berlin liegt sie beispielsweise bei nur 5,2 Prozent - und ist im Vergleich zur Vorwoche sogar um 1,4 Prozent gesunken. Auch in Bremen und Schleswig-Holstein liegt die Rate unter zehn Prozent. Thüringen hingegen verzeichnet einen Wert von 38 Prozent und hält damit den Negativrekord. Auch in Sachsen ist jeder dritte Test positiv.

Das ist eine enorme Belastung für die Labore. Manche haben laut der Virologin Sandra Ciesek ihre Kapazitätsgrenzen bereits erreicht. "Ein Befund braucht nicht mehr nur einen Tag, sondern meist drei oder sogar vier Tage", sagt die Wissenschaftlerin im NDR-Podcast. Eine Nachverfolgung der Kontaktpersonen sei bei so hohen Zahlen nicht mehr möglich. "Und es kommt zum Meldeverzug."

Immer mehr Ausbrüche in Schulen

In fast allen Landkreisen (406 von 411) liegt die Sieben-Tage-Inzidenz laut dem RKI-Wochenbericht inzwischen über 100 Fällen pro 100.000 Einwohnern, in 144 Landkreisen sogar über 500. Eine Entspannung ist laut RKI derweil nicht in Sicht: "Es ist damit zu rechnen, dass sich der starke Anstieg der Fallzahlen innerhalb der nächsten Wochen fortsetzen wird."

Die Infektionszahlen stiegen zudem in allen Altersgruppen erneut deutlich an. Kinder und Jugendliche sind dabei weiterhin am stärksten von Infektionen betroffen. In Schulen kommt es derzeit wieder deutlich häufiger zu Corona-Ausbrüchen, wie aus dem RKI-Wochenbericht hervorgeht. "Nach einem kurzzeitigen Rückgang während der Herbstferien wird jetzt ein sehr rascher Anstieg beobachtet." Demnach seien zuletzt innerhalb von vier Wochen 1265 Ausbrüche gemeldet worden, heißt es. Allerdings seien die letzten zwei Wochen noch nicht bewertbar. Jüngere Schüler trifft es dabei im Schnitt öfter als ältere. Aktuell liege die Zahl der Schulausbrüche "sehr deutlich" über dem Höchstniveau der zweiten Welle.

Das zeigt sich auch in der Sieben-Tage-Inzidenz: In der vergangenen Woche lag sie bei den 10- bis 14-Jährigen bei 920 gemeldeten Neuinfektionen. Eine Woche zuvor waren es 731. Die 5- bis 9-Jährigen folgen knapp dahinter mit einer Inzidenz von 828 (Vorwoche: 637). Allerdings wird in Schulen besonders häufig getestet. Auch in der Gruppe der besonders vulnerablen Menschen ab 80 Jahren bleibt die Inzidenz "ansteigend und auf hohem Niveau", schreibt das RKI.

"Anteil geimpfter Personen steigt kaum noch"

Derzeit sind 71 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Den vollständigen Impfschutz haben 68 Prozent. Der rückläufige Trend bei den Impfungen ist laut RKI gestoppt. Seit vier Wochen steigen die Zahlen wieder. Dies ist aber vor allem auf die Booster-Impfung zurückzuführen, die inzwischen acht Prozent der Deutschen erhalten haben. Somit sei der Anteil geimpfter Personen trotz steigender Impfzahlen in den letzten Wochen kaum noch gestiegen, schreibt das RKI.

"Alle Impfstoffe, die zurzeit in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigem Erkenntnisstand bei vollständiger Impfung die allermeisten geimpften Personen wirksam vor einer schweren Erkrankung", betont das RKI. Dennoch sinkt die geschätzte Impfeffektivität unter anderem mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Spritze. Mit dem Voranschreiten der Impfkampagne verzeichnet das RKI auch immer mehr Impfdurchbrüche. So lag der Anteil vollständig Geimpfter ab 60 Jahren in den vergangenen vier Wochen bei über 60 Prozent der übermittelten symptomatischen Covid-19-Fälle. Unter den insgesamt 1973 Fällen von Impfdurchbrüchen, die seit Anfang des Jahres verstorben sind, waren 1385 Personen 80 Jahre und älter.

Mehr Patienten, weniger Intensivbetten

Über die letzten Wochen beobachtete das RKI einen raschen Anstieg der Covid-19 Fälle auf den Intensivstationen. Aktuell werden laut DIVI-Intensivregister mehr als 4000 Corona-Patienten dort behandelt. "Dieser Wert ist höher als im gleichen Zeitraum des letzten Jahres", schreibt das RKI. Gleichzeitig stünden, insbesondere aufgrund von Personalengpässen, weniger Intensivplätze als im letzten Jahr zur Verfügung.

Das Risiko einer schweren Erkrankung mit Krankenhauseinweisung oder gar einem tödlichen Verlauf ist bei den älteren Altersgruppen weiterhin am höchsten, steigt aber den RKI-Daten zufolge bereits bei den ab 50-Jährigen gegenüber jüngeren Erwachsenen deutlich an. Die mit Abstand höchste Inzidenz von 33 hospitalisierten Fällen pro 100.000 Einwohnern wurde in der vergangenen Woche in der Altersgruppe der ab 80-Jährigen verzeichnet, gefolgt von den 60- bis 79-Jährigen.

Das RKI geht bei den Klinikeinweisungen von einer erheblichen Meldeverzögerung aus und schätzt die tatsächlichen Zahlen wesentlich höher ein als die jeweils gemeldeten. Doch auch so zeige sich: Die Zahl der hospitalisierten Covid-Patienten ab 60 Jahren ist seit Mitte Oktober sprunghaft gestiegen. Sollte sich der Trend fortsetzen, befürchtet das Institut eine Überlastung der Krankenhäuser.

Quelle: ntv.de, hny

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