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Keine Sicherheit durch 2G plus Wie verlässlich sind Schnelltests bei Geimpften?

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Ein zusätzlicher Antigen-Schnelltest bietet Geimpften keine hundertprozentige Sicherheit, warnen Virologen und Experten.

(Foto: picture alliance/dpa)

Geimpft, getestet - und trotzdem infiziert. Ein Einzelfall? Virologen sehen erste Hinweise darauf, dass Schnelltests vor allem bei vollständig geimpften Menschen nur bedingt aussagekräftig sind. Woran das liegen könnte, erklärt ntv.de.

Eine Geburtstagsfeier mit 20 Teilnehmern - alle geimpft und zusätzlich getestet. Die Antigen-Schnelltests aus dem Handel zeigen ein eindeutiges Ergebnis: negativ. Doch nur wenige Tage später kommt die bittere Nachricht: "Hey Leute, hab grad nen Corona-Test gemacht und der ist positiv." Ein Schock. Auch die restlichen Partygäste greifen erneut zum Stäbchen. Die Bilanz am Ende: Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen haben sich 10 der 20 Anwesenden mit dem Coronavirus infiziert.

So schildert ein Twitter-Nutzer vor Kurzem seine Erfahrung. Ein Ausgangsszenario, das vielen Menschen bekannt vorkommen dürfte. Angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen und dem nachlassenden Schutz der Vakzine wollen auch immer mehr Geimpfte vor privaten Treffen auf Nummer sicher gehen - und verlassen sich dabei wieder vermehrt auf Schnelltests. Doch wie zuverlässig ist 2G plus wirklich?

Für den Charité-Virologen Christian Drosten ist die Schilderung des Twitter-Nutzers kein Einzelfall. Er sieht darin vielmehr einen Hinweis darauf, dass Antigen-Schnelltests nur begrenzt aussagekräftig sind. "Vor Symptombeginn sind Schnelltests einfach nicht empfindlich genug", schreibt der Wissenschaftler unter den Beitrag. Der "Bild"-Zeitung sagte er weiter: "Nach meiner vorläufigen Einschätzung sieht es so aus, als ob Infektionen bei Geimpften gerade in den ersten Tagen der Infektion nicht so gut durch den Antigen-Schnelltest nachzuweisen sind. Leider ist die Studienlage dazu aber noch nicht ausreichend."

Auch Virologen Sandra Ciesek betont im NDR-Podcast, dass ein zusätzlicher Corona-Schnelltest Geimpften keine hundertprozentige Sicherheit böte. "Ungefähr die Hälfte der Infektionen wird übersehen." Ein tagesaktueller PCR-Test wäre laut der Direktorin der Medizinischen Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main ideal. Doch das sei bei den meisten Veranstaltungen kaum umsetzbar und schon gar nicht bei kleineren privaten Treffen.

"Bei Geimpften ist die Viruslast geringer"

Die Zuverlässigkeit der Antigen-Schnelltests im Vergleich zu PCR-Tests hat die Infektiologin Claudia Denkinger an der Uniklinik Heidelberg untersucht. "Bei Geimpften und Genesenen ist die Viruslast bei der Infektion insgesamt geringer", sagt sie dem SWR. "Sie braucht länger, bis sie ansteigt, sie fällt auch schneller wieder ab. Und insofern sprechen die Tests nicht so gut an." Das bedeute, dass die Schnelltests seltener Infektionen bei Geimpften und Genesenen frühzeitig erkennen. Aber: "Die Infektionen, die eine hohe Viruslast haben, die vor allem zu der Weitertragung der Infektionen beitragen, die werden detektiert."

Auch wenn die Tests also nicht so gut ansprechen wie bei ungeimpften Menschen: Die Infizierten, von denen aufgrund ihrer hohen Viruslast die höchste Ansteckungsgefahr ausgeht, werden demnach weiterhin zuverlässig identifiziert. Nun haben aber Geimpfte meist eher einen schwachen Krankheitsverlauf mit einer geringen Viruslast. Ob und wie sehr diese dann trotz negativem Schnelltest infektiös sind, sei derzeit noch nicht ausreichend erforscht, sagt Denkinger.

"Es gibt letztlich ein Intervall ganz zu Beginn der Infektion, wo die Viruslast im Ansteigen begriffen ist, wo die Antigentests auch noch nicht anschlagen", erklärt die Infektiologin. Sie ist der Meinung, wenn engmaschig getestet werde, böten auch Antigen-Tests bei Geimpften eine ausreichende Sicherheit. "Wenn wir uns regelmäßig testen, dann ist dieses Intervall für die Infektionskontrolle sehr wenig relevant, denn dann erkennen wir es beim nächsten Mal testen."

Schnelltests trotz der Mängel sinnvoll?

Somit können Schnelltests bei Geimpften und Genesenen helfen, das Infektionsgeschehen besser zu erfassen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte frühzeitig darauf hingewiesen, dass die Abschaffung der kostenlosen Schnelltests "zu einer Erhöhung der Untererfassung" in bestimmten Altersgruppen führen könnte. Tatsächlich konnte sich die vierte Corona-Welle weitgehend unbemerkt und schnell aufbauen, weil die Dunkelziffer an Infektionen so hoch war.

Einen regelmäßigen und breitflächigen Einsatz der Schnelltests hält auch Drosten trotz der Mängel für "absolut sinnvoll". Wenn man etwa in einer Firma immer wieder die gleiche Gruppe teste und im Falle eines erkannten positiven Falles diese Gruppe in eine Kurzquarantäne schicke, könne dies viel bewirken, sagt der Virologe der "Zeit". Bei Besuchen im Restaurant oder im Pflegeheim würde er sich allerdings nicht auf Schnelltests verlassen. Beim Schutz alter Menschen in Heimen reichten Tests allein nicht aus, sagt Drosten. Er fordert daher strenge Regeln: "Alle Bewohner müssen unbedingt geboostert und natürlich müssen auch alle Mitarbeiter geimpft sein - genauso wie alle Besucher."

Für ältere Menschen ist eine Infektion - mit oder ohne Impfung - nach wie vor deutlich gefährlicher als für jüngere. Daher gilt es weiterhin, sie besonders zu schützen. Die Partygäste um den Twitter-User sind mit dem Schrecken und Erkältungssymptomen davongekommen. Auch wenn die Wirksamkeit der Corona-Vakzine bei symptomatischen Infektionen mit der Zeit deutlich abnimmt, schützen sie laut aktueller Studienlage weiterhin ausreichend vor schweren Verläufen. Wer sich nicht anstecken möchte, sollte seine Kontakte reduzieren, rät Virologin Ciesek. Viele Menschen in einem geschlossenen Raum seien in der Pandemie immer noch ein Risiko - und Schnelltests nicht das Allheilmittel.

Quelle: ntv.de

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