Panorama

Deutscher Unglücksfrachter im Atlantik "Flaminia" nähert sich Europa

DI10264-20120830.jpg848293336053189379.jpg

Noch immer schwelt es an Bord: Die "Flaminia" Mitte August im Atlantik (Foto: NSB Reederei).

(Foto: dapd)

Für die Reederei und hunderte betroffene Unternehmen ist es ein nicht endender Albtraum: Seit Mitte Juli treibt ein halb ausgebranntes Containerschiff aus Deutschland mit den Resten seiner Fracht schwelend im Atlantik. Jetzt setzt sich der Schleppverband in Fahrt. Welche Container an Bord den Großbrand unbeschadet überstanden haben, bleibt weiterhin unklar.

DI30299-20120827.jpg3436607973360913184.jpg

Schwer beschädigt, aber strukturell intakt: Die Flaminia Ende August aus der Luft.

(Foto: dapd)

Die "MSC Flaminia" darf knapp sechs Wochen nach der ersten Explosion an Bord ihre Heimreise antreten: Die Fahrt des teilweise ausgebrannten Containerschiffs durch den Ärmelkanal ist aus Sicht der Reederei NSB und der beteiligten Bergungsexperten von Smit Salvage unbedenklich.

"Die Bergungsfirma hat von Deutschland und den Anrainerstaaten des Ärmelkanals die Erlaubnis erhalten, die Hoheitsgewässer von England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden zu passieren und in deutsche Gewässer einzulaufen", teilte das deutsche Havariekommando, eine gemeinsamen Einrichtung des Bundes und der Küstenländer, am Abend mit. Die Schleppreise werde voraussichtlich fünf Tage dauern. Damit dürfte die Flaminia ihren provisorischen Liegeort in der deutschen Bucht nicht vor kommenden Mittwoch erreichen.

Die Temperatur im besonders betroffenen Laderaum 7 sei auf 60 Grad gesunken, erklärte die Reederei NSB. Bergungskräfte müssten keine spezielle Schutzausrüstung tragen. Die Gefahrgüter an Bord seien bekannt und würden kontinuierlich von Fachleuten bewertet, bestätigte das Havariekommando. Es werde "ruhig, strukturiert Schritt für Schritt vorgegangen, um jedes Freisetzungsrisiko zu minimieren".

Die knapp 300 Meter lange und mit mehr als 2800 Containern beladene "Flaminia" befindet sich zurzeit vor der britischen Küste. Sie war Mitte Juli aus bislang unbekannten Gründen auf ihrer Reise von der US-Ostküste Richtung Europa mitten im Atlantik in Brand geraten. Mehrere schwere Explosionen erschütterten das Schiff.

Komplizierte Löscharbeiten

Ein Seemann starb, ein weiterer wird seit dem Ausbruch des Feuers vermisst. Der Kapitän ließ das Schiff räumen. Vor allem die Überführung der Schwerverletzten erwies sich aufgrund der großen Entfernung zum Festland als schwierig. Für mehrere Tage Frachter treibt im Atlantik .

Der Fall hatte in Fachkreisen Spekulationen ausgelöst, die Flaminia könnte womöglich falsch deklariertes Gefahrgut geladen haben. Genannt wurden unter anderem Industriechemikalien, die in früheren Fällen bereits ähnliche Brände ausgelöst hatten.

Erst nachdem Bergungskräfte aus Europa den noch immer brennenden Frachter erreicht hatten, konnten sich Experten ein Bild von der Lage machen. Besonders problematisch: Die Brandherde befinden sich offenbar im Inneren der Frachtcontainer, die auf herkömmlichem Wege etwa mit Löschschläuchen von außen kaum zu erreichen sind. Erst nach mehr als vier Wochen Kampf gegen die Flammen bekamen die Brandbekämpfer die Lage unter Kontrolle.

Zielort Wilhelmshaven

Schlepper sollen die Flaminia nun zu einem Liegeplatz in die deutsche Bucht bringen, wo Löschwasser und Betriebsstoffe abgepumpt werden sollen. Anschließend ist geplant, das havarierte Schiff in den JadeWeserPort nach Wilhelmshaven zu bringen. Dort soll die "Flaminia" vollständig entladen werden. NSB plant eine anschließende Reparatur.

Die Behörden in den Anrainerstaaten fürchteten zunächst schwer kalkulierbare Risiken für die Umwelt. Die Genehmigung zur Einfahrt in europäische Küstengewässer hatte sich immer weiter verzögert. Die wochenlange Hängepartie des havarierten Frachters hatte die Gerüchteküche über mögliche Gefahrenstoffe an Bord weiter angeheizt.

Gefahr für das Wattenmeer?

Die Reederei bemühte sich intensiv um eine möglichst schnelle Lösung. Bislang hat die Flaminia trotz ihrer schweren Schäden allen Witterungseinflüssen durch Wind und Wellen standgehalten. Immerhin befindet sie sich seit Mitte Juli in angeschlagenem Zustand auf hoher See. Zeitweise hatte das Schiff aufgrund des Löschwassers deutlich Schlagseite.

"Es liegt ein aktuelles Gutachten des Germanischen Lloyd vor, das die Stabilität und Schwimmfähigkeit der MSC Flaminia sowie die Festigkeit des Schiffskörpers bestätigt", teilte das Havariekommando mit. Damit scheint zumindest die Gefahr einer größeren Umweltkatastrophe gebannt.

Für die Eigentümer der Waren an Bord und ihre Versicherer ist der Fall allerdings noch lange nicht abgeschlossen: Aufgrund der großen Stückzahl der geladenen Container befindet sich Fracht von einer Vielzahl an Kunden unterschiedlicher Herkunft und Größenordnungen auf dem Schiff. Bislang unbestätigten Angaben zufolge sollen sich darunter industrielle Frachtsendungen ebenso befinden wie private Umzugsladungen und auch mehrere Container mit seltenen Oldtimern eines Auto-Sammlers. Wie die einzelnen Container die Odyssee der Flaminia überstanden haben, dürfte sich wohl erst nach dem Ausladen zeigen.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

Mehr zum Thema