Panorama

Ein Jahr Papst Franziskus, der Obama der Kirche

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"Super-Mario"? Die Fallhöhe beim Papst ist enorm.

(Foto: REUTERS)

Vor einem Jahr wird der argentinische Kardinal Bergoglio Papst. Ein frischer Wind weht seither im Vatikan, das Oberhaupt ist weit über die Kirche hinaus beliebt. Große Erwartungen ruhen auf seinen Schultern - viele davon wird der Papst enttäuschen.

Er ist ein Papst, der für Furore sorgt: Seit einem Jahr ist Franziskus bereits das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Und er hat es, glaubt man der medialen Aufmerksamkeit, geschafft, ein Papst der Herzen zu werden. Negative Berichterstattung gab es im vergangenen Jahr kaum, dafür umso mehr positive: Der argentinische Papst ist ein Mann der Gesten, ein Kirchenoberhaupt, das es versteht, durch seine Taten Symbole zu schaffen. Damit weckt er zugleich Erwartungen, die er eigentlich nur enttäuschen kann.

Das vergangene Jahr unter Franziskus war ein deutlicher Kontrast zu den acht Jahren unter seinem Vorgänger, dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Menschennah, aufgeschlossen und reformbereit zeigte sich Franziskus - von Anfang an. Schon sein erster Auftritt brachte ihm Anerkennung, als er im schlichten Gewand auf den Balkon am Petersplatz trat.

Weitere Signale des Aufbruchs ließen nicht lange auf sich warten: Er wusch straffällig gewordenen Jugendlichen die Füße, rief den ein oder anderen Gläubigen persönlich zurück, zeigte sich in Interviews als "barmherziger Sünder", der andere nicht verurteilen wolle. Gerüchten zufolge schleicht er sich hin und wieder aus dem Vatikan, um mit Bettlern und Obdachlosen die Eucharistie zu feiern. Auch wenn er selbst das bestreitet, spricht ein solcher Mythos für den Ruf des Kirchenoberhaupts. Nicht zuletzt stieß auch sein Reformschreiben "Evangelii Gaudium" auf große, überwiegend positive Resonanz.

"Wer bin ich, dass ich urteile?"

Von Beginn an zog der Argentinier auch große Hoffnungen auf sich, es war ein Aufatmen nach dem für viele befremdlichen Restaurationskurs seines Vorgängers. Zumal Benedikt XVI. - anders als nun Franziskus - zuweilen mit der Weltöffentlichkeit überfordert schien, in der seine Äußerungen als Papst wahrgenommen wurden. Nur ein Beispiel ist hier die Regensburger Rede im Jahr 2006, die in der muslimischen Welt auf viel Kritik stieß. Franziskus hingegen ist ein Papst, der sich gekonnt in dieser Öffentlichkeit bewegt, ganz bewusst Akzente in Worte und Taten setzt, die das Bild von ihm prägen. Dafür wird er geliebt und gefeiert.

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Ob Benedikt XVI. oder Franziskus - das Zentrum bleibt.

(Foto: dpa)

Aber Franziskus wird für herbe Enttäuschungen sorgen - und die Fallhöhe bei ihm ist enorm. Besonders deutlich wird dies etwa bei seinen Äußerungen zur Homosexualität und zu der Öffnung des Priesteramtes für Frauen. "Wer bin ich, dass ich urteile?" ist das Mantra, das Franziskus immer wieder in den Mund gelegt wird, nachdem er es in Bezug auf Homosexualität geäußert hatte. Es beschert ihm das Bild eines mächtigen, aber demütigen Mannes. Und ja: Franziskus nimmt sich selbst zurück, stellt seine eigene Meinung in den Hintergrund. Dahinter jedoch verbirgt sich weiter unverändert der Verweis auf die reformresistente Lehre der katholischen Kirche, die Homosexualität als Sünde ablehnt. Nicht er urteilt, aber das Dogma ist klar.

Von dieser Linie weicht Franziskus nicht ab. Und er wird es auch künftig nicht tun - dafür gibt es bislang keinerlei Signale. Der päpstliche Privatsekretär, der sowohl den deutschen Benedikt XVI. als auch den Argentinier Franziskus gut kennt, betonte dies erst vor einigen Wochen in einem Interview: "Trotz des Unterschieds in der Persönlichkeit, im Stil, in der Gestik, sehe ich einen nahtlosen Übergang in der Substanz, im Inhaltlichen." Die Reformvorhaben des Franziskus zielen nicht auf Inhalte ab, sondern auf Formen - und damit auf die Vermittlung von Inhalten.

Doch auch hier wird sich erst in der kommenden Zeit zeigen, was Franziskus tatsächlich bewegen kann. Viel hat er angekündigt - passiert ist bislang wenig. "Vorsichtig optimistisch" zeigt sich zum Beispiel die romkritische Pfarrerinitiative. Im Gespräch mit n-tv.de bringt es deren Vorsitzender, Helmut Schüller, auf den Punkt: "Er hat große Signale gesetzt. Aber wir sind zunehmend besorgt, dass es möglicherweise an der Umsetzung scheitern wird. Oder aber auch daran, dass sich seine Positionen vielleicht doch nicht wesentlich von denen unterscheiden, die wir bisher hatten."

Der Argentinier wird diejenigen enttäuschen, die darauf hoffen, dass sich nicht nur strukturell, sondern auch inhaltlich etwas bewegt. Freilich, an der einen oder anderen Stelle mag selbst Franziskus an Schrauben drehen, die schon lange festgerostet sind. Beim Zölibat etwa scheinen Gespräche mit Franziskus möglich, orientiert man sich an Äußerungen aus seiner Kardinalszeit oder in seinem Schreiben "Evangelii Gaudium". Bei anderen wesentlichen Reformen, wie zum Beispiel der Öffnung des Priesteramtes für Frauen, verweigert der Papst hingegen jede Diskussion.

Stillstand in der Bewegung

Ist Franziskus der "Obama der katholischen Kirche"? Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung der beiden Staatsoberhäupter finden sich Parallelen. Auch von dem US-Präsidenten wurde bei seinem Amtsantritt viel erwartet - zu viel. Nach einer Durststrecke unter dem Vorgänger blühten Hoffnungen auf einen Radikalumbruch. Bei nüchterner Betrachtung wurde schnell klar, dass Obama diesen Hoffnungen nicht gerecht werden konnte, Enttäuschung machte sich breit. Dieses Szenario droht auch bei dem beliebten Kirchenoberhaupt.

Doch es wäre falsch, die Schuld dafür nur bei der Person zu suchen, die vermeintlich versagt. Enttäuschung kann es nur dort geben, wo Erwartungen in jemanden gesetzt werden. Um nicht enttäuscht zu werden, müssen eigene Erwartungen realistisch sein. So auch bei Franziskus: Kann er wirklich leisten, was man sich alles von ihm erhofft? Es könnte helfen, ihn selbst beim Wort zu nehmen: "Der Papst ist ein Mann, der lacht, weint, ruhig schläft und wie alle Menschen Freunde hat. Ein normaler Mensch." Kein Superheld.

Der Bischof von Rom legte ein fulminantes erstes Jahr hin. Als ein Papst, der mit Reformwünschen für die Kirche überhäuft wird. Und es zeigt sich, dass er tatsächlich ein Reformer ist, der verkrustete Strukturen aufbricht. Ein Papst, der die Umgangsformen umkrempelt, menschlicher und demütiger macht; der den Fokus der Kirche darauf legt, niemanden auszugrenzen; der durch seinen Lebenswandel dafür sorgen kann, dass die Kirche glaubwürdiger wird.

Das sind wichtige Schritte, die die römisch-katholische Kirche zweifelsohne voranbringen werden. Aber Franziskus fährt zugleich eine klare, konservative Linie. Die Form mag sich verändern, der Inhalt aber bleibt gleich.

Quelle: n-tv.de

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