Folgt die Anklage?Französischer Professor erfindet "Sprach-Nobelpreis" und verleiht ihn sich selbst

Ein Franzose gewinnt den "Nobelpreis für Philologie", obwohl es den gar nicht gibt. Lange Zeit schöpft niemand Verdacht. Der Professor erhält eine Gehaltserhöhung und mehr Ansehen. Jetzt stehen Ermittler auf der Matte.
Französische Behörden ermitteln gegen den Literaturprofessor und Fantasyromanautor Florent Montaclair. Er soll eine Auszeichnung erfunden und sich dann selbst verliehen haben. Der Betrug liegt Medienberichten zufolge schon Jahre zurück, aber erst jetzt sind Ermittler dem Sprachexperten auf die Schliche gekommen.
2016 habe Montaclair die "Goldmedaille für Philologie Alfred Nobel, der Nobelpreis für Philologie" von der Internationalen Gesellschaft für Philologie erhalten. Unter Philologie versteht man die Wissenschaft von Sprache und Literatur. Montaclair sei der erste Franzose, dem diese Ehre zuteil werde, sagte der Professor bei einer Zeremonie in der französischen Nationalversammlung, an der Nobelpreisträger, ehemalige Regierungsmitglieder, Abgeordnete, angesehene Wissenschaftler und Akademiker teilnahmen, wie der "Guardian" berichtet. Dort hatte er nicht nur seinen vermeintlichen Erfolg feiern dürfen, sondern auch die Medaille der Nationalversammlung eingeheimst, wie Montaclair im Nachgang stolz auf Facebook mitteilte.
Ermittlungen ergaben jüngst jedoch, dass die Universität, der die Gesellschaft angehören soll, nur im Internet existiert. Ihre Adresse führte zu einem Juweliergeschäft in Lewes im US-Bundesstaat Delaware. Die Medaille selbst hatte Montaclair bei einem Juwelier in Paris gekauft, heißt es in dem Bericht. Damit seine Erfindung als solche nicht sofort auffliegt, verlieh der Professor den fiktiven Preis 2017 an einen US-Amerikaner und 2018 an einen Rumänen. Doch genau das wurde ihm zum Verhängnis.
"Strudel aus Lügen"
Noch bevor die Justiz dem Betrug auf die Schliche kam, spürten rumänische Journalisten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann. "Unser Team machte sich auf die Suche nach der Internationalen Gesellschaft für Philologie und geriet dabei in einen Strudel aus Lügen, Falschinformationen und Verdrehungen", schrieben vier Autoren des Portals "Scena9" bereits im Januar 2019.
Nun hatten auch französische Ermittler monatelang versucht, das "Lügengeflecht" des Professors zu entwirren, sagt Staatsanwalt Paul-Édouard Lallois aus Montbéliard in Ostfrankreich dem "Guardian". "Das war alles ein gigantischer Schwindel. Alle Spuren führen zu Monsieur Montaclair zurück. Daraus könnte man einen Film oder eine Fernsehserie machen."
Inzwischen ist klar, was es mit diesem Lügenkonstrukt auf sich zu haben scheint: 2018 soll sich Montaclair beim französischen Ministerium für Hochschulbildung um eine Beförderung beworben haben. Dabei legte er einen "staatlichen Doktortitel" einer amerikanischen Universität vor - seiner erfundenen Uni. Und obwohl dieser Doktortitel in Frankreich nicht anerkannt wird, soll Montaclair zum außerordentlichen Professor befördert worden sein und eine Gehaltserhöhung eingestrichen haben, berichtet die britische Zeitung.
Im Februar schließlich standen die Polizei und Staatsanwalt Lallois bei dem Literaturexperten auf der Matte. "Ich fragte: 'Monsieur Montaclair, wissen Sie, warum wir hier sind?' und er antwortete sofort: 'Es geht wohl um die Medaille.'" Montaclair gab zwar zu, die Medaille bestellt und bestimmte Webseiten betrieben zu haben. Ein Fehlverhalten sah er darin jedoch nicht. "Seiner Ansicht nach handelt es sich bei der Medaille nicht um eine Fälschung."
"Jeder kann eine Medaille kreieren. Man kann online Medaillen in Gold, Silber oder Bronze bestellen, sie sich selbst verleihen und zu Hause in aller Ruhe eine kleine Zeremonie bei einem Drink abhalten", erklärt Lallois. "Wenn Sie es hingegen Ihrem Arbeitgeber oder den Medien erzählen und dies zu einer gewissen beruflichen Anerkennung führt, dann hat es konkrete Auswirkungen, und genau da kann der Verdacht auf Betrug aufkommen."
"Drama aus dem wahren Leben"
In diesem Fall profitierte der Professor, der in seiner Freizeit gerne Fantasybücher geschrieben haben soll, viele davon über Vampire, von einem höheren Ansehen und einer deutlich höheren Bezahlung. "Dieses ganze System ermöglichte es ihm, einen akademischen Status zu erlangen, den er ohne die Schaffung und die mediale Berichterstattung über diese Medaille nicht erreicht hätte", sagt Staatsanwalt Lallois.
In der französischen Zeitung "Le Monde" bezieht Montaclairs Anwalt Jean-Baptiste Euvrard Stellung: Er spricht von einem "Drama aus dem wahren Leben". Die Erfindung eines internationalen Preises und der Gesellschaft, die ihn verleiht, sei "keine Straftat". Und weiter: "Die Leute sagen, dass vor zehn Jahren alle auf einen monströsen Schwindel hereingefallen sind, aber jeder hat das Recht, fantasievoll zu sein. Es liegt an der Person, mit der man spricht, ob sie es glaubt oder nicht."
In der nächsten Zeit soll Montaclair noch einmal von Ermittlern vernommen werden. Danach entscheidet sich, ob Lallois Anklage erhebt oder nicht. "Die Frage ist, warum dieser Mann seine gesamte Karriere dafür riskiert hat?"