Bei lockerem Spaß-TauchgangFreitauch-Legende verschwindet im Meer

Bestes Wetter, entspannte Stimmung, ein Ausflug unter Freunden: Als die vielfache Weltrekordhalterin im Apnoetauchen, Natalja Moltschanowa, am Sonntag ins Mittelmeer abtaucht, deutet nichts auf das bevorstehende Drama hin.
35 Meter waren für Natalja Moltschanowa eigentlich keine Herausforderung. Den Weltrekord im Freitauchen ohne Sauerstoffflasche hatte sie erst vor zwei Monaten mit 71 Metern erneuert - ohne Flossen. Mit Flossen knackte sie als erste Frau die magische 100-Meter-Marke. Genau 101 Meter tief tauchte die Russin vor vier Jahren ab.
Vor zwei Tagen ist sie verschwunden. Abgetaucht im Mittelmeer vor der Baleareninsel Formentera. Das Rätselhafte: Bisher wurde keine Leiche gefunden. Natalja Moltschnowa ist einfach weg. Ihr Sohn Alexej, ebenfalls ein erfolgreicher Apnoetaucher, hat sie aufgegeben und sagte der "New York Times": "Es sieht so aus, als würde sie im Meer bleiben. Ich denke, das würde ihr gefallen."
Die 53-Jährige hatte sich dem Bericht zufolge am vergangenen Sonntag wie immer mit Atemübungen auf den Tauchgang vorbereitet. Apnoetaucher, wie Freitaucher auch heißen, verlangsamen so ihren Herzschlag, um längere Zeit ohne neuen Sauerstoff auskommen zu können. Moltschanowa hielt auch hier den Rekord: Im Zeittauchen im Swimmingpool erreichte sie 2013 die Bestzeit von 9 Minuten und 2 Sekunden.
Bei bestem Wetter ging Moltschanowa in ihrem lilafarbenen Lieblingstauchanzug in die Tiefe. Sie hatte ein eigenes Label gegründet und verkaufte unter dem Markennamen "Molchanova" Spezialausrüstung mit besonders geringem Auftrieb. Sie nahm wohl ein oder zwei Gewichte mit, die beim Tiefergehen helfen. Doch das ist üblich.
Wurde sie bewusstlos?
Die "New York Times" zitiert den Präsidenten des Weltverbandes der Freitaucher mit den Worten: "Sie war ein Superstar im Freitauchen, wir dachten alle, nichts könne ihr etwas anhaben." Dann setzt er hinzu: "Aber wir spielen mit dem Ozean. Und wenn man mit dem Ozean spielt, weiß man, wer der Stärkere ist." William Trubridge, aktuell zweifacher Weltrekordhalter im Tieftauchen der Männer, bedauerte den Verlust: "Die Welt hat ihren großartigsten Freitaucher verloren. Ich denke, das wird niemand bestreiten."
Wie Natalja Moltschanowa gestorben ist, wird wohl nicht mehr herausgefunden werden. Erfahrene Taucher haben gelernt, den Atemreiz zu unterdrücken. Beim Tieftauchen kann es zu rauschhaften Zuständen kommen, es lauert aber auch immer die Gefahr einer plötzlichen Bewusstlosigkeit. Theoretisch könnte sich Moltschanowa auch den Kopf an einem Felsen angeschlagen haben und dadurch bewusstlos geworden sein.
Normalerweise gehen Apnoetaucher nicht allein unter Wasser. Moltschanowa, die frühere russische Leistungsschwimmerin, war mit ihrem Sohn und zwei weiteren Freunden unterwegs mit einem gecharterten Boot. Sie ging ohne Orientierungsseil auf ihren Tauchgang. Alle hielten die angepeilten 35 Meter für eine lockere Übung.