Panorama

Prof. Jelinek im Interview "Geimpfte sind geschützt und fast nicht ansteckend"

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Prof. Dr. med Tomas Jelinek ist Medizinischer Direktor des Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin und Lehrbeauftragter der Universität Köln am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene.

Der Inzidenzwert verliert schnell an Bedeutung, glaubt Tomas Jelinek. Der Berater der WHO ist davon überzeugt, dass die Situation im Sommer 2021 nicht zu vergleichen ist mit der Situation 2020. Die Impfungen, so Jelinek, zeigen eine erhebliche Wirkung. Eine verpflichtende Impfung für Kinder und Jugendliche lehnt Jelinek aber ab.

ntv.de: Gesundheitsminister Spahn mahnt, dass wir im Herbst eine Inzidenz von 800 haben könnten, wenn die Tendenz der Neuinfektionen so weitergeht. Was halten Sie von diesem Inzidenzwert?

Prof. Tomas Jelinek: Schwierig. Es ist schwierig, Inzidenzwerte zu raten für die Zukunft. Relativ klar ist, dass die Inzidenzen wieder ansteigen werden. Wie hoch sie dann gehen werden, das wird man sehen.

Welche Bedeutung haben steigende Inzidenzwerte eigentlich noch?

Nun, man darf nicht vergessen, dass wir in einer ganz anderen Situation sind als letztes Jahr. Weil zunehmend Menschen geimpft sind. Wer geimpft ist, ist weitgehend geschützt. Vor allen Dingen vor der Erkrankung, aber in den meisten Fällen auch vor der Infektion.

Aber wenn die Inzidenz steigt, gibt es ja auch eine Zunahme an Infektionen.

Ja, aber Inzidenzwerte sind natürlich nur die eine Sache. Sie zeigen nämlich Infektionen, aber das eigentlich Entscheidende sind ja die Erkrankungen. Und gerade bei der neuen Variante, der Delta-Variante, zeigt sich, dass die zwar ansteckender ist, also die Inzidenzen erhöht, aber die Erkrankungsrate tatsächlich niedriger ist.

Wir beziehen uns ja auch beim Reisen auf Inzidenzwerte, wenn es um Beschränkungen geht, um Einschränkungen. Glauben Sie, dass das noch der richtige Wert ist?

Ich glaube nicht, dass es gerechtfertigt ist, Geimpften weiterhin die Auflagen zu machen, die im Moment noch gelten. Insbesondere was Reiseeinschränkungen, beziehungsweise auch was Quarantäne nach Rückkehr angeht. Es gibt zunehmend Daten, und die sind wirklich alle einheitlich, da gibt es überhaupt keine Ausbrecher bei den Studien, die zeigen, dass Geimpfte gut geschützt sind und eben auch so gut wie nicht ansteckend sind, mit ganz wenigen Ausnahmen. Es gibt wissenschaftlich überhaupt keinen Grund für die Maßnahmen.

Und bei Nicht-Geimpften?

Bei Nicht-Geimpften sieht es natürlich ganz anders aus. Die sind weiterhin durch das Virus gefährdet und können auch erkranken. Nicht-Geimpfte sollten sich auch unbedingt weiterhin entsprechend schützen. Aber glücklicherweise wird die Quote der Geimpften ja immer größer.

Die Quote wird immer größer, es ist aber so, dass im Moment noch nicht mal die Hälfte der Bevölkerung komplett geimpft ist. Ist es also wirklich ratsam, dass wir sagen, wir schauen nicht auf die Inzidenzen, sondern auf die, die schwer erkranken? Ist denn nicht auch die Zahl der Neuinfektionen so etwas wie ein Frühwarnsystem?

Man kann argumentieren, dass die Inzidenzen natürlich das Erste sind, was wir sehen, dass die Erkrankungen dann später kommen. Aber gerade weil wir eben einen guten Teil der Bevölkerung haben, der geschützt ist, muss man schon die anderen Zahlen auch im Auge behalten. Man darf ja nicht vergessen, dass auch am Anfang der Pandemie das Narrativ war, dass wir die Krankenhäuser und das Gesundheitswesen vor Überlastung schützen müssen und diese Gefahr besteht ja immer weniger. Die Israelis haben gezeigt, bereits im April, dass bei einer Durchimpfungsrate von rund 50 Prozent - so wie wir sie jetzt in Deutschland haben - die Übertragungsraten um über 90 Prozent zurückgegangen sind. Ein signifikanter Effekt der Durchimpfung bei etwa der Hälfte der geimpften Bevölkerung. Das erwarte ich auch für Deutschland.

Trotz Delta-Variante?

Die neuen Varianten funkten da ein bisschen rein, weil sie auch ein bisschen ansteckender sind. Aber durchschlagende Effekte in Richtung plötzliches Ansteigen der Inzidenzen haben sie nun auch wieder nicht.

Der Anteil der Reiserückkehrer bei den Neuinfektionen liegt im Moment bei rund 20 Prozent. Reiserückkehrer sind oft junge Leute, junge Familien, und wir stehen ja noch lange nicht am Ende der Reisesaison. Womit rechnen Sie hier?

Ich rechne mit einem leichten Anstieg der Inzidenzen. Aber es ist die Frage, ob Reiserückkehrer wirklich das Geschehen so sehr treiben. Letzten Sommer wurde ja auch lange Zeit behauptet, dass Reiserückkehrer verantwortlich wären für die nächste Welle. Dies war dann überhaupt nicht der Fall. Und letzten Sommer waren wir eben nicht geimpft. Diesen Sommer sind es viele. Insofern ja, das wird sicherlich einen Einfluss haben, aber ich denke, keinen entscheidenden.

Welche Faktoren sind dann die entscheidenden?

Das Entscheidende ist weiterhin das Verhalten. Und das ist genauso Verhalten in Deutschland wie auch auf Reisen, nämlich das Aufsuchen von Örtlichkeiten, wo große Menschenmengen auf engem Raum zusammen sind, also die Superspreader-Events. Die sind gefährlich, die sollte man vermeiden, insbesondere Nicht-Geimpfte sollten dies. Das hat mit dem Reisen aber nur sehr bedingt was zu tun.

Wir haben im Moment die Situation, dass es zwar ausreichend Impfstoff, aber langsam nicht mehr genügend Impfwillige gibt. Mancherorts muss sogar Impfstoff entsorgt werden. Was läuft da schief?

Zunächst mal glaube ich, dass es auch ein Verteilungsproblem ist. Ich erlebe das im Moment überhaupt noch nicht bei uns. Wir haben jede Menge Impfwillige, die froh sind, dass sie einen Termin bekommen, dass sie geimpft werden können. Ich denke, man hätte einfach früher die Impfkampagne ausdehnen sollen auf die verschiedenen Praxen, um eben eine weite Streuung zu erreichen und nicht die Impfstoffe an einzelnen Orten so stark zu konzentrieren, wie das geschehen ist. Denn so kann es natürlich passieren, dass dort der Impfstoff liegen bleibt.

Aber es gibt ja auch Impfskeptiker, die man vielleicht mit Druck …

… da müssen wir Überzeugungsarbeit leisten. Überzeugungsarbeit, nicht Zwang, wie es ja sofort diskutiert wurde. Menschen müssen überzeugt werden, dass es sinnvoll ist, geschützt zu sein gegen dieses Virus. Aus Eigeninteresse, aber auch aus Allgemeininteresse. Und da können wir sicherlich noch ein bisschen was tun.

Gehen Sie davon aus, dass die bisher noch Ungeimpften mehrheitlich Impfskeptiker oder Impfverweigerer sind? Oder muss man auch sowas wie niedrigschwellige Angebote machen und den Impfstoff noch einfacher zu den Menschen bringen?

Ich glaube definitiv nicht, dass die Hälfte, die jetzt noch nicht geimpft ist, alles Impfskeptiker sind. So eine hohe Quote haben wir nicht in Deutschland. Da sind einige Menschen dabei, die jetzt erst kommen, die, die jetzt erst die Termine haben. Die Impf-Quote wird noch weiter steigen. Es ist aber richtig, niedrigschwellige Angebote sind eine ganz entscheidende Idee, wenn man vor allen Dingen junge Erwachsene, junge Menschen erreichen will, die einfach selten zum Arzt müssen und deswegen auch möglicherweise gar keinen Hausarzt haben und gar nicht unbedingt wissen, wo sie sich hinwenden können.

Wie könnte das aussehen?

Die Idee, wie es die Amerikaner ja praktiziert haben, das irgendwo in Shopping-Malls et cetera zu machen, ist eine sehr gute. Weil wir möglichst viele erreichen wollen mit möglichst wenig Aufwand. Und das ist sicherlich eine Strategie, die wir intensivieren sollten.

Möglichst viele erreichen, heißt das auch Kinder ab 12? Die werden ja nach den Ferien, möglicherweise nach dem Auslandsurlaub, alle, Stand jetzt, in den Präsenzunterricht zurückgehen.

Das ist eine anhaltende Debatte. Einer der Impfstoffe ist ab 12 zugelassen, weitere sind in der Prüfung. Das heißt, wir werden mehr Impfstoffe, auch für Kinder, bekommen, können aber jetzt schon Kinder und Jugendliche impfen. Der Impfstoff ist zugelassen, das geht, jeder Arzt kann Kinder und Jugendliche impfen, wenn er es für richtig hält und wenn eben die entsprechende Aufklärung erfolgt. Und ich halte es auch für richtig, es grundsätzlich anzubieten.

Auch eine Impfempfehlung für Jugendliche?

Eine allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder und Jugendlichen oder sogar eine Art von Impfauflage für die, die in die Schule sollen, muss man sich schon kritisch anschauen. Ich glaube nicht, dass jeder, der in die Schule geht, geimpft sein muss. Denn Kinder und Jugendliche sind überhaupt nicht so gefährdet durch Covid-19 wie Erwachsene, vor allem ältere Erwachsene.

Mit Prof. Tomas Jelinek sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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