Ildikó von Kürthy wehrt sichGeschnatter auf dem Damenklo - oder doch eher vom Pissoir?
Von Sabine Oelmann
Eine Autorin schreibt ein Buch. Ein Literaturkritiker bewertet es. Soweit, so normal. Es handelt sich um Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy und Literaturkritiker Denis Scheck, zwei sehr bekannte Namen der deutschen Literatur-Szene. Er hat ihr Buch verunglimpft. Sie wehrt sich. Nicht gegen die Kritik, sondern gegen die anmaßende Respektlosigkeit.
Aber von vorn. Ildikó von Kürthy hat, wieder, ein Buch geschrieben. Es ist, wieder, auf der "Spiegel"-Bestseller-Liste gelandet, und das ist die Liste, die Denis Scheck in seiner ARD-Sendung "Druckfrisch" nun mal, unter anderem, beackert. Sehr wahrscheinlich würde man von Kürthys Buch "Alt genug" in das Regal mit der Frauenliteratur stellen (gibt es eigentlich explizit Männer-Literatur?), aber das nur als Anmerkung für die, die gern in Schubladen denken. "Alt genug" wurde jedenfalls, Bestseller hin oder her, vom Literatur-Experten Scheck in die Tonne gehauen. Wortwörtlich, denn das gehört zum Prinzip seiner Sendung: Was in seinen Augen Müll ist, gehört in die (Papier)Tonne, bämm. Cool, dass inzwischen (vielleicht aus genau diesem Grund) noch mehr Bücher von "Alt genug" verkauft wurden, es ist mittlerweile auf Platz Eins.
Inge Meysel auf Ecstasy
Ein Literatur-Kritiker kann sich irren - das kann sich jede und jeder denken. Und dass die spannendsten Bücher dort gefunden werden können, wo einer sich anmaßt, sie für Müll zu halten, ist auch klar, oder? Dass es oft sehr erfolgreiche Bücher sind - geschenkt. Frau von Kürthys Bücher laufen auch ohne Rezension, ihre LeserInnen kaufen ihre Werke in der Sekunde, in der sie auf dem Markt erscheinen. Aber da Denis Scheck sich immer an der bereits erwähnten Bestseller-Liste abarbeitet, kam er an "Alt genug" nicht vorbei und erlaubte sich noch einen "besonderen Joke": Den über das "Geschnatter auf der Damentoilette". Ohne Frage, ein absoluter Fauxpas, die Gespräche von Frauen im Powderroom mit Geschnatter gleichzusetzen, dort wird manchmal Weltpolitik gemacht.
Ildikó von Kürthy schreibt auf Instagram: "Bisher habe ich mich immer über die Kritiken von Denis Scheck amüsiert." Er hätte mal über sie gesagt, sie schriebe wie 'Inge Meisel auf Ecstasy'. "Das hab' ich als Kompliment empfunden", lacht sie, "doch dieses Mal ist es anders. Dieses Mal verunglimpft er meine Leserinnen, (…) als würden die reinfallen auf (…) das läppische Gewäsch einer Frau, die nur um sich selbst kreist".
Bemüht bösartig
Viele finden nun, Frau von Kürthy solle darüberstehen: über einer dümmlichen Rezension, über frauenverachtender, lächerlich machender Sprache. Und dementsprechend die Klappe halten. Das zumindest fordern einige in den sozialen Medien, auch Frauen. Ildikó von Kürthy hat jedoch keine Lust dazu und wehrt sich: "(…) ich bin nicht verletzt und ich finde absolut, dass man meine Bücher schlecht finden darf. Doch mit einer nicht bedeutsamen Szene auf der Damentoilette die Abwertung eines ganzen Buches zu begründen - das ist irgendwie so bemüht bösartig, und ich weiß gar nicht, wie ich das einordnen soll." Millionen Leserinnen, die von Kürthy seit Jahrzehnten folgen und ihre Bücher lesen, können doch nicht irren. Die Autorin ist erfolgreich, trifft einen Nerv, und keiner, auch kein Literaturkritiker, hat das Recht, sich darüberzustellen mit verunglimpfenden Worten.
Die Frage, die sich hauptsächlich stellt, ist: Woher weiß Denis Scheck, wie es auf einer Damentoilette zugeht? Das "Geschnatter" – ein Wort, das nicht niedlich und mitnichten positiv zu bewerten ist, auch wenn jetzt wieder ein paar Unverbesserliche schreiben werden, dass selbst einige Frauen ihre Konversationen so nennen (und das sollen sie doch auch gern machen, aber damit dann einfach unter sich bleiben) – ist eine Herabwürdigung, Punkt.
Ich war mal auf einer Veranstaltung, auf der ein unglaubliches Gedränge auf einer Damentoilette herrschte, weil dort auch Iris Berben war. Nicht nur, weil sie sich die Nase pudern wollte, sondern weil sie ins Gespräch gekommen war mit den anderen Besucherinnen dieses Örtchens, die ihren Lippenstift auffrischten und die Haare vor dem Spiegel kämmten. Es war glamourös, die Frauen schick, niemand schnatterte, denn man beziehungsweise frau sprach miteinander oder hörte zu. Ich wäre gern noch geblieben, aber ich musste los. Draußen, vor dem WC, stand Iris Berbens Partner, er wartete. Ich sagte ihm, dass es noch ein bisschen dauern könne, seine Frau halte Hof. Er lächelte: "Das kenn’ ich schon", sagte er.
Scheck ist alt genug, um sich zu ändern
Doch zurück zu von Kürthy und Scheck. Viele mischen sich nun ein (ich ja auch). Es gibt anerkannte Kolleginnen der Autorin, die gar die Absetzung der Sendung Herrn Schecks fordern. Man kann alles übertreiben, finde ich. Frau von Kürthy übrigens auch. Sie sagt inzwischen: "Die Debatte, die ich durch meine Kritik an der Kritik von Denis Scheck ausgelöst habe, (...) nimmt (...) unschöne Formen an. Kommentare (...) verunglimpfen Denis Scheck als dicken, hässlichen, garstigen Gnom, als alten, weißen Mann. Das ist genau die verachtende Form von Kritik, die ich dem Kritiker vorwerfe. Ich schätze das nicht."
Literatur-Kollegin Elke Heidenreich fordert, dass die ARD den Kritiker absetzen solle, weg mit Scheck. "Das sehe ich anders", so von Kürthy", "eher so, wie es mein Freund Jörg Thadeusz in der Süddeutschen Zeitung schrieb: Denis Scheck ist alt genug, um sich zu verändern, und um etwas Neues auszuprobieren." Das klingt vernünftig, enttäuscht ist sie aber weiterhin: "Meine Stellungnahme, um die mich die 'Zeit' gebeten hatte, wurde leider um ihre Pointe gekürzt, und stattdessen überschrieben mit: 'In die Tonne, Denis Scheck! Die Nummer Eins schlägt zurück.' Was für eine übertriebene Kriegsrhetorik! So bin ich nicht."
"Was man ignoriert, das toleriert man"
Nun - man muss weder die Kürthy lesen noch sich den Scheck ansehen. Sicher, schade um die Rundfunkgebühren, aber davon wird ja noch ganz anderer Quatsch finanziert. Außerdem, die Sendung von Herrn Scheck läuft zu nachtschlafender Zeit, wer sieht das schon? Stimmt natürlich, es geht darum, was er gesagt hat und nicht zu welcher Uhrzeit. Und das ist Frau von Kürthy, zu Recht, aufgestoßen. Man darf ein Buch schlecht finden, einen Film, eine andere Person. Aber es muss respektvoll bleiben. Respektlosigkeit darf man nicht ignorieren, das sieht Ildikó von Kürthy vollkommen richtig. "Das habe ich viel zu lange getan."
Sie weist im Übrigen noch darauf hin, was Scheck über die Bücher von Sophie Passmann und Melanie Pignitter gesagt hat: "Sophies Kopf sei einer ohne echte Bildungsressourcen und ihr Buch entspränge einem trüben Bewusstsein. Melanies Buch nennt er einen hässlichen Homunculus. Warum sollte ich das ignorieren? Warum sollte ich milde lächelnd den Kopf schütteln und einfach weiterziehen? Ich bin nicht verletzt, ich bin nicht getroffen, aber ich möchte solche grobschlächtigen Äußerungen über Frauen und ihre Werke nicht lässig wegignorieren. Dann geht das nämlich immer so weiter. Was man ignoriert, das toleriert man."
Kürthy schlägt versöhnliche Töne an, hoffentlich liest Scheck das: "Ich finde die Sendung von Denis Scheck super. Sie sollte nicht monatlich, sondern wöchentlich laufen. Alles, was Büchern und lesenden Menschen dient, feiere ich! Mehr davon! Bücherliebe! Und auf diese Liebe sollte sich Denis besinnen, denn die vereint uns doch alle."
