Panorama

Haftstrafe für Tod der Tochter "Hab geglaubt, dass Gott sie gesund macht"

Ihre Tochter litt an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Doch statt ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, vertrauten die streng religiösen Eltern auf die Hilfe Gottes. Wegen Vernachlässigung mit Todesfolge verurteilt ein Gericht das deutsche Ehepaar nun zu einer Haftstrafe.

Es ist eine der entscheidenden Fragen der Richterin: Sie will wissen, ob aus der Sicht des Angeklagten die Menschen nicht in die Natur, in Gottes Pläne, eingreifen dürfen. Der 39 Jahre alte Mann vor ihr überlegt lange. Er ist in Österreich angeklagt - wegen Mordes durch Unterlassung an seiner eigenen Tochter, die unter schweren Schmerzen mit 13 Jahren starb.

Der Angeklagte ist streng gläubig, Mitglied einer Freikirche, er bezeichnet sich als Missionar und Prediger. Seine chronisch kranke Tochter brachte er auch am 17. September 2019, ihrem Todestag, nicht in ein Krankenhaus. Stattdessen betete und fastete er - und wartete auf eine wundersame Heilung. Vor Gericht machte er deutlich, dass er sich wegen seines Glaubens streng zur Wahrheit verpflichtet fühlt. Dann beantwortet er die Frage der Richterin: "Ja." Er habe bis zum Schluss auf Gott vertraut.

Der Deutsche, geboren in Usbekistan, musste sich gemeinsam mit seiner 35-jährigen, in Kasachstan geborenen Frau vor dem Landesgericht in Krems verantworten. Beide gaben zu, dass sie ihr Kind vernachlässigt und Hilfe unterlassen haben, ein Mord waren die Geschehnisse vor fünf Monaten ihrer Meinung nach aber nicht. Das Geschworenengericht folgte dieser Sicht und verurteilte beide letztlich nicht wegen Mordes, aber wegen grober Vernachlässigung einer unmündigen Person mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft. In dieser Beurteilung waren sich die acht Laienrichter einig.

Arzt: Kind hätte noch kurz vor Tod gerettet werden können

Das Mädchen starb nur zehn Tage nach seinem 13. Geburtstag. Laut Anklageschrift litt es an einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Ein Kinderarzt erklärte vor Gericht, dass das Mädchen hätte mit einer Infusionstherapie und mit Insulin gerettet werden können - auch noch kurz vor dem Tod. Die 13-Jährige hätte demnach zwar nicht völlig von der Bauchspeicheldrüsenentzündung geheilt werden können, aber die Erkrankung sei sehr gut behandelbar. "Kinder können damit gut überleben", sagte der Arzt.

Im Sommer 2017 war das damals schwer kranke Kind in lebensbedrohlichem Zustand auf Drängen des Jugendamtes im Krankenhaus gekommen. Dort wurde die Diagnose gestellt. Die Eltern gaben an, in den Tagen danach Kontrolltermine bei Ärzten wahrgenommen zu haben - danach sah das Kind keinen Mediziner mehr. Den Eltern zufolge solle es aber auch keine weiteren Gesundheitsprobleme gehabt haben. Laut einem Gutachter verläuft die diagnostizierte Krankheit "typischerweise schubweise".

Als das Mädchen im September 2019 über Bauchschmerzen klagte, brachten die Eltern das zunächst mit der ersten Periode des Mädchens in Verbindung. Doch der Gesundheitszustand der Tochter verschlechterte sich weiter - und das Ehepaar ließ das Kind entscheiden, ob es ins Krankenhaus will oder nicht. "Das war falsch", bekennt der Angeklagte. Er sagt das sehr oft, ein wenig wirkt es auswendig gelernt.

Mutter beschreibt Tochter als lebendiges Kind

"Sind Sie überzeugt, dass Gott Kranke heilen kann?", will die Staatsanwältin wissen. "Ja", sagt der Angeklagte, darauf habe er "bis zuletzt" gehofft und vertraut. Seine Frau formuliert es fast wortgleich. Bei der Aussage einer Ärztin, die einen Tag nach dem Tod mit den Eltern sprach, klingt das drastischer: "Entweder er (Gott) heilt sie oder nicht", zitiert sie den Vater. "Ich habe das Gefühl gehabt, das war richtig so für sie."

Zu Beginn des Prozesses wirken beide Eheleute mitgenommen, bei den einleitenden Worten der Rechtsanwälte kommen auch dem 39-Jährigen die Tränen. Der Anwalt seiner Frau betont, dass das Ehepaar voller Liebe und Zuneigung zur Tochter gewesen sei - und damit ganz anders empfunden habe als Mörder es für gewöhnlich für ihre Opfer tun. Auf diesen Aspekt stellen die Anwälte ihre Verteidigung: Kann der Tod des Kindes unter diesen Umständen ein Mord sein?

"Ich hab' mit ihr gesprochen, sie gestreichelt, ihr zu trinken gegeben. Ich hab' geglaubt, dass Gott sie gesund macht", sagt die 35-Jährige, die bei ihrer Aussage immer wieder zu weinen beginnt, über die Stunden am Sterbebett. Acht Kinder hat sie auf die Welt gebracht, als die Tochter starb, war sie gerade im neunten Monat schwanger. Die Kinder wurden zu Hause unterrichtet, deswegen war das Ehepaar vor acht Jahren von Deutschland nach Österreich umgezogen. In der Alpenrepublik gibt es keine Schul-, nur eine Bildungspflicht.

Die Mutter beschreibt ihre gestorbene Tochter als lebendiges Kind, das gerne Detektivgeschichten gelesen und vieles hinterfragt habe. Wie die Eltern habe auch die Tochter "alles mit Gott verbunden", um ältere Menschen habe sie sich gerne gekümmert. "Sie hat jedes Tier mit nach Hause gebracht und gepflegt. Sie war sehr hilfsbereit."

Quelle: ntv.de, Fabian Nitschmann, dpa