Panorama

Wissenschaftler*innen antworten Hat das Gendersternchen eine Zukunft?

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Einige öffentlich-rechtliche Sender rufen Unmut hervor - damit, dass sie gendern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dass bei einigen öffentlich-rechtlichen Sendern gegendert wird, stößt auf Ablehnung, auch von Sprachwissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen. Innerhalb der Zunft wird das Thema jedoch kontrovers diskutiert: Drei Fachleute sagen ntv.de, wie viel oder wenig sie vom Gendern halten.

Manche Formate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk tun es bereits: Sie sprechen ihr Publikum geschlechtergerecht an. Der Berliner Radiosender Fritz zum Beispiel. Er macht in seinen Nachrichten seit fast zwei Jahren das Gendersternchen hörbar - "Zuhörer*innen" heißt es da, mit gesprochener Pause. Das macht den Jugendsender in der deutschen Medienlandschaft zu einem Exoten. In den meisten Häusern, auch in der Mediengruppe RTL, zu der ntv gehört, wird nicht gegendert. Zumindest nicht mit Sternchen, Doppelpunkt oder Unterstrich.

Vielen Menschen aber ist das Gendern sehr wichtig: Menschen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass Frauen immer nur "mitgemeint" werden. Menschen, die sich in den "sehr geehrten Damen und Herren", die jeden Abend zur "Tagesschau" begrüßt werden, nicht wiederfinden - weil sie sich nicht entscheiden wollen, ob sie jetzt Dame oder Herr sind. Aber auch Menschen, die ihre Mitmenschen beim Reden nicht zu gesellschaftlichem Beiwerk degradieren wollen.

Auf der anderen Seite bringen vor allem die Sonderzeichen viele Menschen schwer in Wallung: Entertainer Harald Schmidt etwa behauptet, keine Texte mehr zu lesen, in denen Gendersternchen vorkommen. Die "Bild"-Zeitung arbeitet sich regelmäßig an "Gender-Wahnsinn", "Genderei" oder "Gender-Umerziehung" ab. Und CDU-Chef Friedrich Merz unterstellte im April 2021s auf Twitter, dass manche Menschen auf "Spielplätze für Kinder und Kinderinnen" hinarbeiten würden. Nur um anschließend zu fragen: "Wer gibt diesen Gender-Leuten eigentlich das Recht, einseitig unsere Sprache zu verändern?"

"Hörer*in" ist stärker weiblich konnotiert

In die oft hitzig und emotional geführte Debatte versucht eine Reihe von Fachleuten aktuell, eine sprachwissenschaftliche Perspektive einzubringen. Dass das sogenannte generische Maskulinum Menschen ausgrenze, weisen sie in einem offenen Brief zurück: Den Aufruf "Sprachwissenschaftler kritisieren Genderpraxis des ÖRR" haben mittlerweile mehr als 250 Fachleute unterschrieben. Sie werfen ARD und Co. vor, mit ihrer "ideologischen Sprachpraxis" gegen das Neutralitätsgebot zu verstoßen. Die Öffentlich-Rechtlichen verstießen gegen geltende Rechtschreibnormen und bewegten sich grammatikalisch auf dünnem Eis, meinen Experten wie der emeritierte Professor Peter Eisenberg oder die PEN-Generalsekretärin Claudia Guderian.

In der Sprachwissenschaft - unter den Menschen, die sich beruflich tagtäglich mit der Sprache befassen, sie erforschen, analysieren und erklären - gibt es aber in Teilen sehr widersprüchliche Auffassungen zum Thema: ntv.de hat drei von ihnen befragt. Sie ziehen aus ihrer wissenschaftlichen Perspektive auf die deutsche Sprache ganz unterschiedliche Schlüsse. Nur bei einer Frage herrscht so etwas wie Einigkeit.

Martin Neef, Professor für Germanistische Linguistik an der TU Braunschweig, hat den erwähnten Aufruf unterschrieben. Er versteht den Wunsch, möglichst alle Menschen anzusprechen: Frauen, Männer und sogenannte Non-Binäre - also Menschen, die sich keiner der beiden Kategorien eindeutig zugehörig fühlen. Dafür sei aber im Deutschen das generische Maskulinum die beste Lösung, erklärt Neef ntv.de. "Die Hörerin" bezeichne eine Person, die zuhört und zudem eine Frau sei. Im Wort "Hörerin" stecke das Wort "Hörer", diese sprachliche Basisform bezeichne zuerst einmal nur eine Person, die zuhört - ohne jede geschlechtliche Kennzeichnung. Das grammatikalische Geschlecht deute an vielen Stellen nicht auf ein biologisches Geschlecht hin: "Der Löffel, die Gabel oder das Messer sind da gute Beispiele", sagt Neef.

Die vom Radiosender Fritz verwendete Form "Hörer*in" dagegen werde überwiegend weiblich wahrgenommen. "Damit kommen wir der Gerechtigkeit nicht näher", findet Neef. Die Nachsilbe "in" sei ein klarer Hinweis auf eine Frau. Die deutsche Sprache schaue für eine Geschlechterinformation auf das Wortende. "Diese grundlegende Logik ist nicht umzudrehen", sagt der Professor.

"Kindergärtner streiken" ist falsch

Während Neef sich vor allem auf die Regeln der deutschen Sprache beruft, pocht seine Kollegin Helga Kotthoff eher auf das gesunde Sprachgefühl. Im Gegensatz zu Neef hat die Freiburger Professorin den offenen Brief an die Öffentlich-Rechtlichen nicht unterschrieben, aber auch sie hält den Genderstern für keine gute Lösung. Die Linguistin sagt im Gespräch mit ntv.de: "Die Eigenarten des Deutschen können wir nicht völlig wegbürsten." Es könne nicht im Sinne der Öffentlich-Rechtlichen sein, wenn Leute wegen einer überkomplizierten Sprache abschalteten. Sie wünscht sich einen stärkeren Pragmatismus: Das Problem gerechter Ansprache lasse sich beispielsweise mit Blick auf vollständige Texte und deren Zusammenhänge viel besser lösen als mit der Fokussierung auf das einzelne Wort. Eine Überschrift wie "Kindergärtner streiken" sei offensichtlich falsch, weil fast nur Frauen in Kindergärten arbeiteten. Von "Ministerpräsident*innen" zu reden, ist Kotthoffs Meinung nach überflüssig - die benannten Personen seien klar einem Geschlecht zuzuordnen.

Auch das generische Maskulinum sei nur im Singular so deutlich männlich geprägt. "Der Freiburger auf dem Münstermarkt" lasse klar an einen Mann denken. Auch in nachfolgenden Sätzen würde dieser Effekt weiterleben: "Er hat eine Tasche dabei", verdeutlicht Kotthoff. Im Plural dagegen sei das anders. Sie führe dazu gerade eine Studie durch, erzählt Kotthoff. Bei "den Freiburgern auf dem Münstermarkt" denke kaum jemand nur an Männer. Auch die erwähnten Anknüpfungsprobleme gäbe es hier nicht. Der Nachsatz, "sie haben Taschen dabei", vermittele schließlich kein eindeutiges Geschlecht. Das generische Maskulinum sei also im Plural unbedenklich, im Singular hingegen nicht.

Das generische Maskulinum wie Neef und die anderen Unterzeichner des Aufrufs in jeder Form für harmlos zu erklären, sei eher eine traditionelle Sichtweise. Sie repräsentiere nicht mehr die Mehrheit der Wissenschaft, sagt Kotthoff. Die Wissenschaftlerin wünscht sich mehr situationsabhängige Lösungen: Wenn nicht-binäre Menschen angesprochen werden sollen, seien etwa Oberbegriffe hilfreich. Statt von den "Mitarbeiter*innen" würde die Sprachforscherin lieber von der "Belegschaft" lesen, aus "Lehrer*innen" könnten gut "Lehrende" werden.

Gendersternchen als "Hyperkorrektur"

Für die Sprachforscherin und Unternehmerin Simone Burel ist das Gendern, auch mit Sternchen, durchaus sinnvoll. Es mache auf bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aufmerksam und sei zugleich eine Folge ihrer Korrekturen. Denn feminine und neutrale Formen habe es im Deutschen schon immer gegeben, sagt Burel: Sie würden aktuell nur vermehrt benutzt. Frauen und non-binäre Personen hätten in den vergangenen Jahren mehr Mitspracherecht erlangt, "darauf reagiert Sprache in ihrer Vielfalt", erklärt Burel.

Die Gendersternchen sieht sie in diesem Zuge als "Hyperkorrektur": "Orthografische Formen wie das Sternchen machen ein gesellschaftliches Missverhältnis deutlich", sagt Burel. Der so erzeugte Druck werde sich irgendwann in Richtung der neutralen Bezeichnungen verschieben, weil Sternchen und Co. sich höchstwahrscheinlich nicht durchsetzen könnten.

"Ich kann mir sogar vorstellen, dass irgendwann das generische Maskulinum wieder nutzbar ist", sagt die Unternehmerin, die Firmen und Institutionen bei der Verwendung geschlechtergerechter Sprache berät. Sie schiebt nach: "Wenn die gesellschaftlichen Missstände bereinigt sind." Sie selbst werde das aber wohl nicht mehr erleben. Bis dahin könne die deutsche Sprache ohnehin noch aus ganz anderen Richtungen geprägt werden: Anglizismen, Jugendsprache oder auch das Türkische nennt Burel als mögliche Einflüsse.

"Eher Generationenfrage als Geschlechterkampf"

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse nicht gendern, findet Burel. Den Verantwortlichen müsse nur bewusst sein, dass so bestimmte gesellschaftliche Gruppen nicht angesprochen würden. Zum Beispiel junge Menschen: "Das ist ohnehin eher eine Generationenfrage als ein Geschlechterkampf." In diesem Sinne leuchtet ihr die aktuelle Handhabe ein: Unterschiedliche Formate wählen ganz unterschiedliche Formen der Ansprache, je nach Publikum.

Grundsätzlich können auch Martin Neef und Helga Kotthoff für diese Praxis Verständnis aufbringen. Neef will die Medienschaffenden vor allem zum Nachdenken anregen, sagt er. Darüber, ob man wirklich gendern muss. "Viele wissen nicht, was sie genau tun, wenn sie bestimmte Formen des Genderns benutzen", so der Professor. Kotthoff kritisiert vor allem die Extreme. Die gedankenlose Verwendung des generischen Maskulinums einerseits und die von immer neuen Sonderformen andererseits: Sprechpausen innerhalb von Worten, Neuschöpfungen wie "Gästin", noch dazu laufend neue Zeichen wie etwa bislang das Sternchen und jetzt der Doppelpunkt - viele Menschen störe das enorm, sagt die Linguistin.

Burel, Neef und Kotthoff, die drei eint in ihren Ansichten nicht viel. Nur, dass sie dem Gendersternchen allenfalls geringe Überlebenschancen zubilligen, haben sie gemein. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin sieht das anders. Sternchen und Sprechpausen sind in seinen Augen Teil einer Art Befreiung: Die deutsche Sprache sei geradezu besessen davon, alles in Geschlechter einzuteilen. "Das Gendern ist ein Aufbrechen dieses Korsetts", sagte Stefanowitsch dem "Stern". Dieses Korsett enge am Ende alle ein, weil das Deutsche in einer sehr patriarchalen Gesellschaft entstanden sei. Deren Vorstellungen hätten sich in der Sprachstruktur abgelagert, so Stefanowitsch. Das Gendern ermögliche nun, entgegen dem traditionellen Sprachgebrauch anzuerkennen, "dass es neben Männern auch noch andere Menschen gibt".

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 14. August 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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