Panorama

Inzidenzen sinken und sinken Impfung wirkt schon vor der Impfung

Schutzimpfung gegen Covid-19 mit dem Wirkstoff von Biontech/Pfizer. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Wer seinen Impftermin schon hat, will sich ungern noch kurz vorher anstecken.

(Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild)

Fast die Hälfte aller Menschen in Deutschland hat bereits die erste Corona-Impfung bekommen. Die Infektionszahlen sinken stetig. Bei den Ursachen sind sich die Experten ziemlich einig. Offenbar gibt es jedoch einen Faktor, der auch die Fachleute überrascht hat.

Seit Ende April sinkt die Corona-Inzidenz in Deutschland kontinuierlich. Inzwischen liegt der bundesweite Wert bei 18,6, das war zuletzt am 7. Oktober 2020 der Fall. Damals markierte der Wert den Beginn der zweiten Welle. Inzwischen wächst die Hoffnung, dass die Zahl diesmal einfach nur ein weiterer Punkt im Abklingen der Infektionslage ist.

Zum stetigen Absinken der Infektionskurve hat vor allem die Tatsache beigetragen, dass inzwischen 47,5 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten haben. 24,8 Prozent verfügen sogar bereits über einen Vollschutz gegen das Coronavirus. Auch am Donnerstag wurden in Deutschland mehr als eine Million weitere Corona-Impfungen verabreicht. Dabei entfiel die Mehrheit der Impfungen - wie schon seit drei Wochen - auf Zweitimpfungen.

Die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation hat außerdem noch einen etwas ungewöhnlichen Grund für die sinkenden Zahlen ausgemacht. Sie habe bei ihren Prognosen einen Faktor unterschätzt, der offenbar erheblichen Einfluss habe, sagte sie im Deutschlandfunk. "Menschen, die einen Impftermin haben, stecken sich schon vor ihrer Impfung ganz wenig an, weil man in den zwei, drei Wochen nicht jetzt auf die letzten Meter noch mal krank werden möchte." Das sei ein Effekt, der in England bereits klar nachgewiesen wurde und "der die Fallzahlen auch zusätzlich noch mal runterbringt", so Priesemann.

Entwicklung bleibt fragil

Dem Anstieg im Oktober 2020 waren niedrige Zahlen in den Sommermonaten vorausgegangen. Priesemann vermutet, dass die Situation in diesem Jahr ähnlich sein könnte, zumindest was einige Risikofaktoren angeht. Denn im vergangenen Jahr seien mehrere Sachen zusammengekommen. In den Nachbarländern habe es die Anstiege der Infektionszahlen bereits einen Monat oder zwei früher gegeben. Die aus dem Ausland eingetragenen Fälle hätten dann auch hierzulande neue Infektionsketten gestartet, während parallel gelockert worden sei. "Und dann kommt noch etwas hinzu, was wir viel erforscht haben: Dieser Kipppunkt, wenn die Gesundheitsämter mit der Kontaktnachverfolgung nicht mehr hinterherkommen, wenn wir nicht mehr genug Tests haben, dann wird die Dunkelziffer größer und größer." Denn die echten Pandemietreiber seien Menschen, "die gar nicht wissen, dass sie das Virus verbreiten".

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Der Entwickler des sogenannten "Covid-Simulators", Thorsten Lehr, hat in verschiedenen Interviews das Sinken der Zahlen mit drei Faktoren in Verbindung gebracht - der Bundesnotbremse, den steigenden Impfzahlen und einer Saisonalität des Virus. Der Professor für klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes prognostiziert in seinen mathematischen Modellen für den weiteren Verlauf der Corona-Infektionen ein gewisses Plateau, auf dem sich die Zahlen vermutlich einpendeln werden. Dafür müsse man aber schon geringe Inzidenzanstiege ernst nehmen. Außerdem verwies er im DLF darauf, weiter die AHA-Regeln einzuhalten, die Corona-Warn-App zu nutzen und auch nicht zu glauben, dass die Impfung inzwischen weniger wichtig sei.

Aus der Sicht des Physikers Dirk Brockmann von der Berliner Humboldt-Universität spricht vieles dafür, dass Deutschland das Schlimmste hinter sich haben könnte. Man müsse aber weiter achtsam sein, sagte er dem DLF. Denn das Auftreten von Mutationen, die zu mehr Ansteckungen oder auch zu schwereren Krankheitsverläufen führen könnten, habe man bisher auch nicht vorhersehen können. "Man darf auch nicht vergessen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht geimpft werden können." Es gälten zudem noch Maßnahmen, wie die Maskenpflicht, deren Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen nicht unterschätzt werden dürften.

Quelle: ntv.de, sba

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