Panorama

Impfdosen ungleich verteilt "In Afrika wurden 25 Menschen geimpft"

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Eine Corona-Patientin kommt in Malawi in einem Krankenhaus an.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Der Westen hatte zugesagt, den armen Ländern der Welt Impfungen zukommen zu lassen. Der Tropenmediziner Maximilian Gertler von Ärzte ohne Grenzen schildert im Gespräch mit n-tv, warum die entsprechende Initiative der WHO bisher "ins Leere lief".

Herr Gertler, können Sie einen Überblick darüber geben, wie viele Menschen in den ärmsten Ländern der Welt geimpft worden sind?

Vor zwei Wochen hat die WHO von nur 25 Menschen gesprochen. Aus den afrikanischen Ländern, in denen Ärzte ohne Grenzen tätig ist, sind keine nennenswerten Impfzahlen bekannt.

Sind die Zahlen gesichert?

Leider gibt es kaum Berichte über Impfungen in Afrika - und wenn, dann aus den vergleichsweise wohlhabenden Ländern wie Marokko oder Algerien. Nach allem, was ich weiß, entspricht die Angabe der WHO in der Tendenz der Realität. In Zentral-, West- und Ostafrika wurden bisher so gut wie keine Menschen geimpft.

Woran liegt das?

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Gertler ist Facharzt für Innere Medizin, Notfallmedizin und Tropenmedizinische Ambulanz an der Berliner Charité.

(Foto: Sebastian Bolesch)

Pauschal kann ich es nicht beantworten. Die meisten Regierungen geben an, dass sie bisher keine Impfdosen auf dem international vereinbarten Weg, der COVAX-Initiative, erhalten haben und dass sie selbst bisher keine relevanten Mengen kaufen können.

Warum wird selbst in den bessergestellten Ländern nicht geimpft?

Ich erwähnte schon die im April 2020 ins Leben gerufene WHO-Initiative COVAX, mit der sichergestellt werden soll, dass alle Staaten - arme und reiche - genügend Impfstoff beschaffen und gerecht verteilen können. Auch die Bundesrepublik hat sich zu ihr bekannt. Parallel dazu haben sich aber die finanzstärksten Länder der Erde wie die USA, Kanada, Großbritannien sowie die EU in bilateralen Verhandlungen mit den Herstellern den Löwenanteil der Impfdosen für die ersten Monate gesichert. Weil die COVAX-Initiative dadurch ins Leere lief, versuchen jetzt einige afrikanische Regierungen ebenfalls, Impfdosen in bilateralen Verhandlungen zu bekommen. Sie haben es im Wettbewerb der Käufer allerdings schwerer.

Verpufft die COVAX-Initiative also völlig?

"Unterminiert" trifft es besser als "verpufft". Denn der Westen hat sich trotz seines Bekenntnisses zum gemeinsamen Handeln unsolidarisch gezeigt.

Was sagt das über die Welt?

Wir sprechen seit einem Jahr davon, dass wir zusammenstehen müssen, wenn wir diese Pandemie bestehen wollen. Tatsächlich aber wird wieder offenbar, dass eine Milliarde Menschen kaum Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung hat und auch die Corona-Welle nichts daran ändert.

Auch deutsche Politiker forderten ein solidarisches Miteinander der reichen mit den armen Staaten über Kontinente hinweg. Wie steht es darum?

Der Gedanke ist richtig. Es fehlt aber an entsprechendem Handeln. Wo bleibt das öffentliche Eintreten für die COVAX-Initiative, das über finanzielle Zusagen hinausgeht? Unsere Regierung sollte sich jetzt dafür einsetzen, dass die maßgeblich mit deutschen und europäischen Steuergeldern geförderten Impfstoffe rund um die Welt auf Hochtouren produziert und zu bezahlbaren Preisen verkauft werden. Da muss noch mehr passieren.

Würden Sie so weit gehen, von deutschem "Impf-Nationalismus" zu sprechen?

Aus meiner ärztlichen Sicht sollten zunächst die am meisten durch Covid gefährdeten Menschen - also Alte und Vorerkrankte - sowie medizinisches Personal und Pflegekräfte geimpft werden. Und zwar überall auf der Welt, vor allem aber in den Ländern, in denen Prävention besonders wichtig ist, da Schwerkranke kaum behandelt werden können, weil es schlicht an Möglichkeiten fehlt.

Können Sie Menschen verstehen, die "wir zuerst" fordern?

Ja, natürlich. Es geht für viele Menschen bei Covid um Leben und Tod oder zumindest Angst zu sterben. Es ist doch nur menschlich, dass sich viele so schnell wie möglich schützen wollen - egal ob in Berlin oder Burkina Faso. Der Kampf gegen die Pandemie kann jedoch nicht an der Landesgrenze aufhören. Sind Alte, Vorerkrankte und medizinisches Personal in Afrika weniger schützenswert? Es geht mir nicht darum, hier Menschen in Gefahr zu bringen, damit andere es besser haben, sondern um Gerechtigkeit. Covid bedroht uns alle - das Menschenrecht auf Gesundheit gilt ebenfalls für alle.

Afrika ist bisher scheinbar gut durch die Pandemie gekommen. Ist es nicht wichtiger, Europa mit seiner deutlich älteren Bevölkerung erst einmal durch Impfungen zu stabilisieren, um dann Afrika helfen zu können?

Seien wir ehrlich: Wir haben nur eine vage Idee davon, wie gut oder wie schlecht Afrika bisher durch die Pandemie gekommen ist. Es wird zu wenig getestet, Übersterblichkeitszahlen sind kaum bekannt. Langsam zeigen wissenschaftliche Daten, dass vermutlich bereits viel mehr Menschen in Afrika an Covid gestorben sind, als die bekannten Statistiken es zeigen. Lockdowns und andere Schutzmaßnahmen haben zur Folge, dass Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner täglich nicht arbeiten, also nicht das Notwendigste zum Überleben erwirtschaften können. Millionen Kinder können nicht zum Unterricht und müssen auf Schulessen verzichten. Impfprogramme wie für Polio und HIV-Behandlungen sind unterbrochen, lebenswichtige Behandlungen für Malaria oder Hilfen für sichere Geburten stehen oft nicht mehr zur Verfügung.

Weil es an Zugang zu sauberem Grundwasser und Medikamenten fehlt, sterben in Afrika jedes Jahr Hunderttausende an Diarrhö und anderen Krankheiten, die in der westlichen Welt kaum mehr eine Rolle spielen. Wäre es nicht wirkungsvoller, Afrika hier zu helfen?

Ich würde das eine nicht gegen das andere aufwiegen, beides ist lebensrettend. Aber unsere aktuell dringendste Herausforderung ist Covid. Ohne Zugang zu Impfstoffen weltweit wird die Pandemie mehr Menschenleben fordern, länger dauern und weitere Varianten begünstigen. Letzteres kann dazu beitragen, dass schon Geimpfte schlechter geschützt sind.

Mit Maximilian Gertler sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de

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