Panorama
Kinder Alleinerziehender sind häufiger arm.
Kinder Alleinerziehender sind häufiger arm.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 13. Juni 2018

Crowdfunding für Mütter: Internet kommt Alleinerziehenden zu Hilfe

Von Solveig Bach

Auch im reichen Deutschland gibt es Menschen, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Viele von ihnen sind alleinerziehend. Zwei Frauen klagen online ihr Leid. Die Antwort fällt überwältigend aus.

Mit einem traurigen Tweet beginnt eine der aktuell schönsten Geschichten im Internet. Auf Twitter stellt @Chaosundich am 9. Juni eine Liste zusammen: "350 Euro Schullandheim K2, 250 Schullandheim K1, 200 Euro Ferienbetreuung K3 und K2. Zahlbar bis nächste Woche. Zugestellt und informiert heute. Wann ist der richtige Zeitpunkt ihnen mitzuteilen, dass sie wohl zuhause bleiben müssen? Ich möchte weinen."

Die Rede ist von Kosten, die für vier Kinder im ganz normalen Schuljahresendalltag einer alleinerziehenden Mutter anfallen. 750 Euro, damit die Kinder mit zur Schulreise fahren können und in den Ferien betreut sind. Das überfordert die Frau, die nach eigenen Angaben mit einer Dreiviertelstelle als Kinderkrankenschwester in der Onkologie arbeitet.

In einer ähnlich schwierigen Lebenssituation steckt eine andere Mutter, die mit ihren beiden Kindern umziehen will. @Frau Hasenherz bloggt seit Jahren und berichtete in dieser Zeit unter anderem davon, dass sie sich nach häuslicher Gewalt vom Vater ihrer Kinder getrennt hatte. Sie blieb zunächst in der bisherigen Wohnung, dann aber entwickelte sich ein Streit mit dem Vermieter. Es fand sich eine andere Bleibe, aber ein Umzug kostet Geld und das hatte die alleinerziehende Mutter nicht.

Schockstarre im Alltag

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"Das sind oft ganz existenzielle Nöte. Sie merken, sie kriegen das, was für andere ganz normal ist, finanziell einfach nicht gestemmt", sagt Christine Finke n-tv.de über die Lebenssituation der beiden Frauen. Die Autorin ist selbst alleinerziehend mit drei Kindern und hat über ihre Schwierigkeiten und die vieler anderer Frauen das Buch "Allein, alleiner, alleinerziehend" geschrieben. Sicher gebe es Möglichkeiten und Fördertöpfe. "Aber oft müssen sie das sehr kurzfristig zahlen oder es überfordert die Frauen, sich dann zusätzlich zum Alltag auch noch um diese Dinge zu kümmern."

Finke selbst nutzte für ihre Kinder das Bildungs- und Teilhabepaket der öffentlichen Hand, das sicherstellen soll, dass auch Kinder aus Familien mit geringen Einkommen Mittag essen, Sport treiben, ein Instrument lernen oder zur Klassenfahrt fahren können. "Wenn man weiß, wie es geht und wenn man die Berechtigung durch Wohngeld oder Jobcenter hat, ist es relativ einfach." Aber wenn man neu in dieser Lebenssituation und das erste Mal mit so unvermittelten Geldforderungen konfrontiert sei, "dann verfallen viele in so eine Art Schockstarre".

Finke steckte vor vier Jahren in einer ähnlichen Situation. Ihre Tochter durfte an einem Schulaustausch nach Schottland teilnehmen. Die Kosten von 500 Euro drohten die Reise aber unmöglich zu machen. Auch Finke wollte beim Förderverein der Schule ihrer Tochter anfragen. Aber die Hilfe aus dem Internet kam schneller. "Ich nutze Twitter seit vielen Jahren als Ventil, wenn ich mich freue, aber auch wenn ich Kummer habe. Das hat damals jemand gelesen und fand, da müsste man etwas tun." Bei der Sammelaktion kamen binnen weniger Stunden nicht nur die 500 Euro, sondern auch noch etwas für die Reisekasse und Geld für ein Paar neue Gummistiefel zusammen. Auch nach mehreren Jahren erinnert sich Finke noch daran. "Ich konnte das gar nicht fassen. Wenn jemand unaufgefordert etwas Gutes für einen tut, das ist einfach ein wunderschönes Gefühl", sagt sie.

Ein unerwartetes Geschenk

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@FrauHasenherz hätte auch einen Kredit aufgenommen, um der schwierigen Wohnsituation zu entkommen. Das wird nun nicht nötig sein. Denn sowohl für sie als auch für @Chaosundich laufen derzeit Crowdfunding-Aktionen, bei denen binnen weniger Tage mehr als die benötigten Summen zusammenkamen. In einem Blogbeitrag schrieb @FrauHasenherz trotzdem darüber, wie sehr sie sich schäme, um Hilfe zu bitten. Die Entscheidung umzuziehen sei für sie und ihre Kinder die trotzdem die richtige.

@Chaosundich betonte, sie wolle nicht "betteln" und verweist auf das große Geschenk, das ihre vier Kinder für sie bedeuten. Schon allein die Anteilnahme, die ihre Familie nach dem Tweet erfahren habe, bedeute ihr viel. So bekomme sie das Gefühl, nicht allein zu sein.

Dass so viele Menschen kleine und auch größere Summen spenden, überrascht Finke nicht. "Crowdfunding funktioniert, wenn man es gut erklärt und glaubwürdige Personen dahinterstehen", sagt die Autorin. Und es gebe eine Filterblase, in der Menschen diese Aktionen weiterschicken, "die ähnlich eingestellt sind und die es gut mit einem meinen, obwohl sie einen nicht kennen".

Daran ändern auch die wenigen Kommentare nichts, die den Frauen unter anderem unterstellen, zu viele Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen oder ihre Finanzen nicht auf die Reihe zu bekommen. Der Alltag alleinerziehender Mütter und Väter ist häufig sehr auf die Kinder konzentriert, für das Sozialleben bleiben wenig Zeit und Geld.

Langfristig hat die Spendenaktion das Leben von Finke und ihren Kindern nicht verändert. "Aber das ist auch nicht so wichtig. Es ist wie ein Geschenk und verändert das Leben insoweit zum Besseren, weil man wieder an das Gute im Menschen glaubt." Und das wäre vielleicht das Beste, was @Chaosundich und @FrauHasenherz passieren kann.

Quelle: n-tv.de