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UN-Direktorin Kanem im Interview "Wir bitten Deutschland, noch mehr zu tun"

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Natalia Kanem ist die leitende Direktorin des UN-Bevölkerungsfonds.

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen stellt 50 Jahre nach seiner Gründung seinen jährlichen Bericht in Berlin vor. Die Direktorin Natalia Kanem sagt im Interview mit n-tv.de, was sich für Frauen und Mädchen ändern muss. 

n-tv.de: Der Bevölkerungsfonds besteht in diesem Jahr seit 50 Jahren - viel wurde für Frauen und Mädchen erreicht. Doch Sie sagen, Ihr Mandat sei so wichtig wie nie zuvor. Warum?

Kanem: Der Titel des Berichts zur Weltbevölkerung lautet "Eine unvollendete Aufgabe". Damit erkennen wir einerseits die riesigen Fortschritte an. Dass Frauen Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen haben, führte dazu, dass sie kleinere Familien haben konnten und erlaubte ihnen, voll am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Auch die Zahl der Todesfälle bei Geburten ist dramatisch gefallen. Aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Die Regierungen müssen Vereinbarungen auf dem Papier auch umsetzen, um Todesfälle bei der Geburt und sexuelle und auf Geschlecht basierende Gewalt zu beenden.

Über welche Weltregionen reden wir hier?

Ungleichheit ist überall auf dem Vormarsch. Meist sind es jedoch arme Frauen in armen Regionen wie Afrika, Asien und Lateinamerika, die besonders betroffen sind. Aber auch in sehr reichen Ländern gibt es marginalisierte Menschen, die nicht ihre sexuellen, Fortpflanzungs- und Gesundheitsrechte wahrnehmen können. Zum Beispiel auch Menschen mit Behinderungen. Es gibt also viel zu tun!

Warum sind für viele Frauen Verhütungsmittel nicht verfügbar?

In diesem Moment, heute, gibt es 214 Millionen Frauen, die Verhütungsmittel nutzen wollen, sie aber nicht bekommen können. Ein Teil des Problems betrifft Ressourcen und Logistik. Aber auch, dass Frauen verwehrt wird, selbst zu wählen, ist Teil des Problems.

Sind die Männer das Problem?

Männer sind Teil der Lösung, das ist ganz klar. Die Gleichberechtigung der Geschlechter wird auch das Leben vieler Männer besser machen. Wenn eine Frau das Recht hat, zu entscheiden, mit wem sie wann wie viele Kinder haben will, hat auch der Vater die gleichen Rechte. In vielen Ländern ist es aber für Väter nicht so einfach, eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen. Wir setzen uns zurzeit dafür ein, dass Väter sich auch über Töchter freuen und sich dafür einsetzen, dass diese Mädchen beschützt, gut behandelt und erzogen werden. Genauso wie Jungen.

Was sind die größten Schwierigkeiten für Mädchen?

Wir arbeiten sehr eng mit Unicef zusammen, um Kinderhochzeiten und Genitalverstümmelung zu beenden. Bis zum Jahr 2030 wollen wir es schaffen, dass Mädchen nicht mehr vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden. Unsere Befunde zeigen, dass sie ein größeres Risiko haben bei der Geburt zu sterben und außerdem verringert es ihre Bildungschancen. Das führt dann dazu, dass auch die nächste Generation in Armut lebt.

Hat es eine Signalwirkung, wenn Frauen wie zum Beispiel Angela Merkel in höchste Regierungsämter aufsteigen?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke da an eine Zwölfjährige in Tansania. Wenn sie sieht, dass Führungspersönlichkeiten und Präsidenten Frauen sein können, macht ihr das Mut. Sie denkt: Lass mich meine Ausbildung abschließen, auch ich kann das schaffen. Typischerweise beobachten wir aber das Gegenteil.

Gerade in Entwicklungsländern spielen religiöse Gemeinschaften eine wichtige Rolle - Christen wie Muslime räumen Frauen oft gerade nicht die gleichen Rechte ein. Inwiefern ist das ein Problem?

Der UN-Bevölkerungsfonds

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) wurde 1969 gegründet und kümmert sich heute vorrangig um die Gesundheit von Frauen und Mädchen. "Unsere Mission ist es, an einer Welt zu arbeiten, in der jede Schwangerschaft gewollt ist, jede Geburt sicher und das Potenzial jedes jungen Menschen sich erfüllt", heißt es auf der Internetseite. Ziel ist es, Frauen in die Lage zu versetzen, selbst zu bestimmen, wie viele Kinder sie wann mit wem bekommen möchten. Dabei spielt die Verbreitung von Verhütungsmitteln eine wichtige Rolle. In den vergangenen 50 Jahren sank so die Geburtenrate von 4,8 Kindern pro Frau auf 2,5. Auch die Todesrate von Schwangeren sank erheblich von 369 pro 100.000 Lebendgeburten auf 216. Im November 2019 wird es einen neuen Gipfel in Nairobi geben, um bereits 1994 in Kairo beschlossene Programme mit neuem Leben zu füllen.

Wir rufen Regierungen und Religionen dazu auf, gleiche Rechte für Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, voll zu unterstützen. Wir fordern zum Beispiel, Schwangerschaften unter Jugendlichen zu verhindern. Darauf können sich alle einigen. In Ländern wie Niger und Gambia haben wir mit Imamen zusammengearbeitet. Wir sagen, dass Familienplanung ein wesentlicher Bestandteil des Islams ist und dass sie gut ist. Es ist dabei sehr wichtig, dass Religionen sich gegen Dinge wie die Genitalverstümmelung aussprechen. Und das tun sie auch mehr und mehr.

Ein Bericht von Amnesty International zeigt, dass es in Skandinavien viel mehr sexuelle Gewalt gibt als gedacht. Jede dritte Frau soll diese dort schon erfahren haben. Irren wir uns, wenn wir glauben, wir seien sehr fortgeschritten in Europa?

Sexuelle Belästigungen und Übergriffe sind sehr weit verbreitet. Sie gehören zu den meistbegangenen Verbrechen. Wenn solche Vorfälle verschwiegen werden, liegt das an den Gender-Stereotypen. Es liegt am Zögern der Frauen. Sie fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie selbst verurteilt werden oder ihnen niemand die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Daher rufen wir auch beim Gipfel in Nairobi im November dazu auf, junge Menschen zu unterweisen, damit sie etwas sagen können, wenn etwas schief geht. Anstatt dass sie sie sich schämen oder gehemmt fühlen, zu sagen, was los ist.

Wie stehen Sie zu Abtreibungen?

Der UN-Bevölkerungsfonds setzt sich nicht für Abtreibung ein. Wir geben Regierungen keine Ratschläge in diese Richtung, das hat unser Vorstand so entschieden. Was hier in Deutschland passiert, kommentieren wir daher nicht. Da wo Abtreibungen schon legal sind, sagen wir, sollten sie sicher und verfügbar sein. Dort wo Abtreibungen nicht legal sind, tun wir nichts, um das zu ändern.

Tut Deutschland ihrer Meinung nach genug in der Welt für die Rechte von Mädchen und Frauen?

Deutschland war bislang sehr großzügig, besonders bei der Hilfe für Frauen auf der Flucht und in humanitären Situationen. Millionen von Verhütungsmitteln und auch andere Dienstleistungen wie Kaiserschnitte konnten wir dank deutscher Hilfe anbieten. In Nairobi werde ich alle Regierungen dazu aufrufen, ihre Ausgaben noch einmal zu verdoppeln und mehr zu tun. Wir werden also Deutschland dazu aufrufen, noch mehr zu tun, als es schon getan hat. So wollen wir sicherstellen, dass Mädchen und Frauen nicht zurückgelassen werden, sondern vorankommen.

Weltweit haben Frauen nicht die gleichen Rechte wie Männer. Besteht die Gefahr, dass es auch Rückschritte gibt?

Wir müssen tatsächlich wachsam sein, dass die Frauenrechte nicht zurückgedrängt werden. Neue Technologien können Gefahren darstellen. Wenn man zum Beispiel das Geschlecht des Babys auswählen kann, nimmt man dann einen Jungen oder ein Mädchen? So etwas kann die Gleichwertigkeit der Geschlechter begrenzen. Medizinische Fortschritte sollten für alle verfügbar sein. Behandlung von Unfruchtbarkeit ist etwa oft für viele ärmere Menschen nicht bezahlbar. Auch deswegen rufen wir zu einer neuen Agenda auf. Die Rechte für Mädchen und Frauen haben so viel Gutes bewirkt. Wir sollten jetzt nicht nachlassen.

Das Interview führte Volker Petersen.

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Quelle: n-tv.de

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