Sie verstehen nicht, was sie tunJunge Inderin trifft 100 Vergewaltiger

Warum vergewaltigen Männer Frauen und manchmal sogar kleine Mädchen? Nur Monster können so etwas tun, sagt sich eine junge Inderin und sucht nach Antworten. Drei Jahre trifft sie Dutzende Vergewaltiger im Gefängnis.
Madhumita Pandey war gerade 22 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal mit einem verurteilten Vergewaltiger traf. In den vergangenen drei Jahren hat sie 100 von ihnen gesprochen - für ihre Doktorarbeit an der Anglia-Ruskin-Universität in London.
Es begann alles im Jahr 2013, erzählt sie der "Washington Post". Einige Monate zuvor war eine junge Frau brutal von mehreren Männern vergewaltigt worden. Sie erlag 13 Tage später ihren schweren Verletzungen. Der Fall der 23-jährigen Medizinstudentin, die von der indischen Öffentlichkeit als "Nirbhaya" (die "Furchtlose") bezeichnet wird, zeigte einmal mehr, dass Frauen in Indien nicht sicher sind.
Pandey, die in jener Zeit in England studierte, fragte sich wie viele andere Menschen weltweit: "Warum tun diese Männer das? Das können doch nur Monster sein, die zu solchen Taten fähig sind." Die 26-Jährige, die selbst in Neu-Delhi aufwuchs, wollte wissen, was diese Männer antreibt. Warum die Männer so wurden, wie sie sind.
Ohne Scham und Schuldgefühle
Seitdem hat Pandey viel Zeit im Tihar Gefängnis in Neu-Delhi verbracht und sich mit verurteilten Vergewaltigern getroffen. Viele von ihnen sind ungebildet, sagt sie, nur eine Handvoll habe einen Schulabschluss.
"Als ich zu forschen begann, war ich überzeugt, dass diese Männer Monster sind. Aber als ich mit ihnen redete, merkte ich, sie sind nicht wirklich ungewöhnlich. Sie wurden einfach so erzogen." Pandey zufolge wachsen junge Männer mit falschen Vorstellungen über Männlichkeit auf. Frauen dagegen lernten schon sehr früh, unterwürfig zu sein. So würden viele Frauen, auch in gebildeteren Familien, ihre Ehemänner nicht beim Vornamen ansprechen.
Pandey stellte in ihren Interviews fest, dass es den Tätern in der Regel an Schuldgefühlen und an Scham über ihre Tat fehlt: "Sie verstehen nicht, dass das, was sie getan haben, eine Vergewaltigung ist." Unter allen Vergewaltigern gab es nur drei oder vier, die Reue zeigten. Alle anderen sahen sich im Recht oder schoben die Schuld dem Opfer zu.
Über einen Fall zeigte sich Pandey besonders betroffen. Ein 49-jähriger Mann, der sich an einer Fünfjährigen vergangen hatte, bereute seine Tat mit den Worten: "Ich fühle mich schlecht. Ich habe ihr Leben ruiniert. Nun ist sie keine Jungfrau mehr und niemand will sie zur Frau nehmen. Wenn ich aus der Haft entlassen werde, kümmere ich mich um sie und heirate sie." Pandey war so erschüttert, dass sie nach dem Mädchen suchte. Als sie ihre Familie besuchte, stellte sich heraus, dass dort niemand darüber informiert worden war, dass der Vergewaltiger im Gefängnis sitzt.
Pandey hofft nun, ihre Forschungen in den kommenden Monaten zu veröffentlichen, doch sie sieht sich großer Feindseligkeit ausgesetzt. "Sie denken, hier kommt eine Feministin, die die Männer schlecht darstellen will. Wo fängt man mit solchen Menschen an?", fragt sie.