Panorama

Glaube für die Massen Käßmann bleibt "Bischöfin der Herzen"

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Käßmann 2016 auf einem Kongress in Hannover.

(Foto: dpa)

Wie kaum eine andere Persönlichkeit hat sie der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Gesicht gegeben. Margot Käßmann war Theologin und Mutter, Bischöfin und Mensch. Nun feiert sie Geburtstag und beginnt einen neuen Lebensabschnitt.

Die zierliche Frau mit dem markanten Kurzhaarschnitt lässt einfach nicht locker: Unermüdlich wirbt Margot Käßmann für den Glauben und spricht dabei aus persönlicher Überzeugung statt in theologischen Floskeln. Damit erreicht sie ein breites Publikum abseits der Kirchenbänke, das ist ein Grund für ihre anhaltende Popularität. Nun wird Deutschlands wohl bekannteste Theologin 60 Jahre alt. Nur vier Wochen später wird die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Hannovers Ex-Bischöfin in den Ruhestand verabschiedet.

Nach der spektakulären Wahl der vierfachen Mutter zur jüngsten deutschen Bischöfin 1999 avanciert die mediengewandte und charmante Käßmann schnell zu einem Aushängeschild der evangelischen Kirche. Sie wolle eine fröhliche, lebensnahe Kirche, "die sich auch einmischt in die Fragen dieser Zeit", sagt sie. Kinderarmut, Pflegenotstand oder der Umgang mit Flüchtlingen - zu allen drängenden Themen bringt Käßmann die kirchliche Position auf den Punkt. Von der Kanzel aus tut sie dies ebenso überzeugend wie in TV-Talkshows, ihre Ansichten sind im öffentlichen Diskurs gefragt.

Als Person verbirgt sie sich nicht hinter ihrem Amt. Auch schwere Krisen wie eine Krebserkrankung und ihre Ehescheidung versteckt sie nicht, eine Zeitschrift bestimmt sie zur "Frau des Jahres 2006". 2009 steigt die Theologin mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung zur EKD-Chefin auf. Kritik erntet sie für ihre Einschätzung: "Nichts ist gut in Afghanistan".

Alkoholfahrt in Hannover

Dann der tiefe Fall: Im Februar 2010 wird Käßmann nach dem Überfahren einer roten Ampel in ihrem Dienstwagen gestoppt, sie ist angetrunken. Um Glaubwürdigkeit und moralischen Anspruch zu wahren, tritt Käßmann als Bischöfin und EKD-Chefin zurück, nimmt sich eine Auszeit in den USA, obwohl etliche die "Bischöfin der Herzen" zurückwollen.

2012 kehrt Käßmann dann als Botschafterin der EKD für das 500-jährige Reformationsjubiläum zurück, das im vergangenen Jahr groß gefeiert wurde. Ihre Aufgabe und die Themen, zu denen sie weiterhin das Wort führt, sind in diesen Jahren klar umrissen. Ihren Nachfolgern im Bischofsamt und an der EKD-Spitze soll sie nicht in die Parade fahren, es wird etwas ruhiger um die nimmermüde Theologin.

Allerdings erreicht Käßmann parallel als Autorin dutzender populär-theologischer Bücher ebenfalls ihr Publikum. Auf evangelischen Kirchentagen bleibt sie ein gefeierter Publikumsmagnet. Und auch wenn so manchen in der auf Pluralität bedachten evangelischen Kirche der Personenkult um Käßmann störte, an ihre Strahlkraft kommen ihre Nachfolger in Spitzenämtern kaum heran. "Mit Integrität und missionarischer Begabung füllt sie wie weiland Martin Luther Kirchen und Vortragssäle und versucht, in den Menschen die Fackel evangelischer Frömmigkeit zu entzünden", heißt es im Klappentext eines ihrer Bücher zum Phänomen Käßmann. Darauf angesprochen, weist sie den Vergleich aber lachend von sich - das geht nun doch zu weit.

Zeit für Enkel und zum Schreiben

Nun nutzt die Theologin die Möglichkeit des niedersächsischen Beamtenrechts, ab dem 60. Geburtstag mit Abzügen in Pension zu gehen. Mehr Ruhe zum Lesen und Schreiben erhofft sie sich vom Ruhestand, wie sie vor Monaten sagte, und vor allem mehr Zeit für ihre Enkelkinder. Seit ihrem Weggang aus Hannover lebt Käßmann in Berlin und auf Usedom.

Die im oberhessischen Marburg geborene Käßmann studierte an Universitäten in Tübingen, dem schottischen Edinburgh, Göttingen und Marburg. Gemeinsam mit ihrem Ehemann versah sie sieben Jahre lang das Pfarramt im nordhessischen Frielendorf und war unter anderem Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. In ihrer Doktorarbeit an der Universität Bochum widmete sie sich dem Thema "Armut und Reichtum als Anfrage an die Einheit der Kirche".

Quelle: n-tv.de, Michael Evers, dpa

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