Panorama

Drei Tote und viele Fragen Kapitän verhaftet und verhört

Bei dem Schiffsunglück vor der Westküste Italiens sind mit Sicherheit drei Menschen ums Leben gekommen. Noch werden zahlreiche Menschen vermisst. Die Überlebenden berichten von einer mit der Situation völlig überforderten Mannschaft. Die Polizei vernimmt den Kapitän und behält ihn anschließend in Gewahrsam.

Der Kapitän des vor Italien havarierten Kreuzfahrtschiffs ist offenbar in Haft genommen worden. Er muss sich möglicherweise wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Ihm werde zudem der Untergang der "Costa Concordia" zu Lasten gelegt sowie vorgeworfen, das Schiff verlassen zu haben, bevor alle Passagiere gerettet worden seien, berichteten italienische Medien. Diese Vorwürfe würden auch dem ersten Offizier Ciro Ambrosio gemacht.

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Kapitän Grosseto wird von einem Polizeibeamten ins Auto begleitet.

(Foto: dpa)

Der Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio, erklärte vor Journalisten, Kapitän Francesco Schettino habe sich mit dem Luxusliner "Costa Concordia" "sehr ungeschickt" der Insel Giglio genähert und einen Felsen gerammt, der sich in die linke Seite des Schiffs gebohrt habe. Dadurch sei das Schiff auf die Seite gekippt, innerhalb von "zwei, drei Minuten" sei eine riesige Menge Wasser durch den 70 bis 100 Meter langen Riss eingedrungen.

Schettino war zuvor mehrere Stunden lang verhört worden. Er hatte in einem italienischen Fernsehsender gesagt, die "Costa Concordia" habe einen Felsvorsprung gerammt. Laut seinen Seekarten hätte aber genug Wasser zwischen dem Luxusliner und dem Felsen sein müssen.

Bei dem Unglück vor der Westküste Italiens kamen mindestens drei Menschen ums Leben, zwei französische Touristen und ein peruanisches Besatzungsmitglied ertranken. Etwa 40 Menschen werden noch immer vermisst.

Mehr Opfer befürchtet

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Die "Costa Concordia" liegt komplett auf der Seite.

(Foto: REUTERS)

Mindestens zwölf Menschen wurden offiziellen Angaben zufolge verletzt. Unter den Touristen an Bord brach Panik aus. Einige Passagiere sprangen ins kalte Wasser, um an Land zu schwimmen.Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes ging davon aus, dass Deutsche unter den Verletzten sind. Mitarbeiter der deutschen Botschaft seien vor Ort, um sich gegebenenfalls um Verletzte zu kümmern.

Augenzeugen berichteten von Passagieren, die von dem eindringenden Wasser in Fahrstuhlschächte gespült wurden. Vor allem ältere Reisende hätten der Wucht des Wassers kaum etwas entgegen setzen können. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Opfer gefunden werden, sagte ein Sprecher der Feuerwehr.

 Offenbar hatten die Einsatzkräfte keinen Überblick über die Passagierlisten. "Das ist ein komplexer Einsatz", sagte der Polizeichef der nahegelegenen Stadt Grosseto, Giuseppe Linardi. "Vielleicht sind einige Passagiere ins Wasser gesprungen und wurden nicht von den Rettern aufgegriffen, andere haben vielleicht Schutz bei Privatleuten gefunden und sind deswegen noch nicht identifiziert."          

Todesangst und keine Schwimmwesten

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Einige Passagiere trugen Verletzungen davon.

(Foto: dpa)

Inzwischen kritisierten mehrere Passagiere das Krisenmanagement an Bord. Es habe geheißen, die Passagiere sollten sich ruhig verhalten, es wäre nichts geschehen, berichteten sie. Es gäbe nur ein elektrisches Problem oder irgendeinen Stromausfall. "Die Mannschaft war absolut nicht darauf vorbereitet, die ihnen dabei zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen", berichtete die Journalistin Mara Parmegiani Alfonsi dem TV-Sender SkyTG 24.

"Es waren apokalyptische Szenen, und bei alledem haben wir wenig vom Bordpersonal gesehen", klagt Giuseppe Romano im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ansa. Andere Passagiere berichteten, die Crew sei in Panik verfallen, man habe sich Schwimmwesten selbst besorgen müssen.

Auch Peter Honvehlmann aus dem Ruhrgebiet berichtete bei n-tv, die Rettung sei chaotisch gewesen: "Das war die erste Kreuzfahrt in meinem Leben und sicherlich auch die letzte." Andere Passagiere sprachen von "Null Organisation" und einem viel zu spätem Handeln. Sie hätten sich wirklich an die "Titanic" erinnert "und geglaubt, wir müssten in diesem Alptraum sterben."

Acht Tage "Duft der Zitrusfrüchte"

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Zahlreiche Schiffe hatten sich an der Rettung der Passagiere beteiligt.

(Foto: REUTERS)

Das schwimmende Hotel mit mehreren Pools, Kinos und einer Diskothek kenterte auf der ersten Etappe der Kreuzfahrt, die unter dem Motto "Duft der Zitrusfrüchte" von Civitavecchia bei Rom nach Savona führen sollte. Die "Costa Concordia" kippte auf die Seite, nachdem sie Stunden zuvor mit mehr als 4200 Personen an Bord in ruhiger See nur wenige hundert Meter vor der Insel Giglio auf eine Sandbank gelaufen war. Die Feuerwehr teilte mit, das Kreuzfahrtschiff habe Risse auf beiden Seiten.

Nach Angaben des Schiffsbetreibers waren 566 Deutsche an Bord. Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse sei keiner von ihnen ums Leben gekommen, sagte Werner Claasen, Sprecher von Costas Deutschland. Möglicherweise seien aber einige von ihnen leicht verletzt. Die Überlebenden seien auf dem Weg nach Rom und würden von dort in ihre Heimat ausgeflogen.   

Viele Deutsche an Bord

Die Gruppe der Deutschen war nach seinen Angaben eine der größten an Bord. Knapp ein Drittel der rund 3200 Passagiere stammten dem Veranstalter zufolge aus Italien, etwa 160 Gäste aus Frankreich. Bei Deutschlands größtem Reisekonzern TUI hatten nach Angaben eines Sprechers 14 Touristen aus der Schweiz Plätze auf der "Costa Concordia" gebucht. Die Gäste der TUI-Marke Vögele Reisen seien an Land und wohlauf, sagte der Sprecher. Auf dem Schiff arbeiteten zudem rund tausend Besatzungsmitglieder.          

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Den Passagieren steht die Angst noch ins Gesicht geschrieben.

(Foto: AP)

In der Nacht waren Rettungsboote, Hubschrauber und Schiffe stundenlang mit der Evakuierung des 290 Meter langen Schiffes beschäftigt. Die Feuerwehr habe 40 Helfer im Einsatz, sagte ihr Sprecher Luca Cari weiter. "Wir warten noch auf Teams aus Spezialtauchern, die alle Innenräume des Schiffs absuchen sollen."     

Aufnahmen zeigten einen riesigen Riss an der Seite des Schiffes. Es lag auf der Steuerbordseite und etwa zur Hälfte unter Wasser, ohne dass der Schornstein die Meeresoberfläche berührte. Die "Costa Concordia" werde nicht weiter sinken, betonte die Küstenwache.

Schock beim Abendessen

Nach Angaben von Passagieren ereignete sich das Unglück während des Abendessens. "Wir hatten uns gerade zu Tisch gesetzt, als wir diesen lauten Knall hörten", sagte Maria Parmegiano Alfonsi im italienischen Fernsehen. "Ich denke, wir sind auf einen Felsen aufgelaufen. Es herrschte große Panik, Tische kippten um, Gläser flogen durch die Gegend und wir sind an Deck gerannt, um unsere Schwimmwesten anzulegen." Ein anderer Gast sagte: "Der Strom fiel aus und alle schrien laut auf. Alle rannten auf und ab und dann zu ihren Kabinen, um herauszufinden, was passiert ist."

Als weitere Stationen waren Marseille, Barcelona, Palma de Mallorca, Cagliari und Palermo geplant. Das Schiff wird von der in Genua ansässigen Reederei Costa Cruises betrieben, einer Tochtergesellschaft des Kreuzfahrtkonzerns Carnival. Das US-Unternehmen zählt zu den Branchenriesen und besitzt unter anderem den deutschen Marktführer Aida.

Quelle: n-tv.de, rts/dpa/AFP

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