Panorama

Luftmine und Fliegerbombe entschärft Koblenzer dürfen nach Hause

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Der Held von Koblenz: Horst Lenz, Chef des rheinländ-pfälzischen Kampfmittelräumdienstes.

(Foto: REUTERS)

Am Rhein geht die umfangreichste Evakuierungsaktion seit 1945 glücklich zu Ende: Sprengstoffexperten können eine tonnenschere Luftmine und eine kleinere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg ohne Zwischenfälle entschärfen. Ein drittes Kriegsrelikt wird kurzerhand gesprengt. Um 16.47 gibt die Koblenzer Feuerwehr grünes Licht. Die Menschen kehren zurück in ihre Wohnungen.

Experten des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz haben zwei Weltkriegs-Bomben bei Koblenz entschärft. Für die Entschärfung der 1,8 Tonnen schweren britischen Luftmine und einer weiteren 125 Kilogramm schweren US-Fliegerbombe im Rhein mussten rund 45.000 Koblenzer im Umkreis von 1,8 Kilometern um den Fundort ihre Wohnungen verlassen.

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Sprengung in Steinwurfweite: Das Nebelfass fliegt in die Luft - wenige Meter neben dem Fundort der Luftmine.

(Foto: dpa)

Am späten Nachmittag kam die Entwarnung: "Die Entschärfung aller 3 Kampfmittel wurde erfolgreich durchgeführt!", hieß es auf der Internetseite der Koblenzer Feuerwehr. "Alle evakuierten Bürgerinnen und Bürger können in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren." Eine sogenannte "Ereignisampel", mit der die Behörden im Internet über den Stand der Evakuierungsbemühungen und der eigentlichen Entschärfungsaktion informiert hatten, wechselte am späten Nachmittag von Rot auf Grün. Damit waren alle Absperrmaßnahmen aufgehoben.

Nach Abschluss der Arbeiten an den beiden Sprengkörpern hatten Fachleute noch ein unweit der Luftmine entdecktes Tarnnebelfass aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht. Das Fass enthielt Chemikalien, die bei Kontakt mit Wasser einen dichten Säurenebel erzeugen können. Da sich der Behälter aus Wehrmachtsbeständen nicht sicher bergen ließ, sollte es durch eine gezielte Explosion an Ort und Stelle zerstört werden. Die Behörden hatten im Vorfeld eine "geräuschvolle Sprengung" angekündigt.   

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Rettungswagen am Rande der Sperrzone: Die Behörden waren auf fast alles vorbereitet.

(Foto: dapd)

Auch nach dem lauten Knall blieb die Sperrzone zunächst bis zur Auswertung von "Schadstoff-Messungen durch eine ABC-Erkundungseinheit der Feuerwehr" bestehen. Die Behörden gaben das Evakuierungsgebiet in der Koblenzer Innenstadt erst frei, nachdem bei der Messungen keine besonderen Schadstoffe in der Luft gefunden worden waren.

Der Kampfmittelräumdienst konnte die Arbeiten an den Zündern der Luftmine früher als geplant in Angriff nehmen. Bei einer letzten Kontrolle durch die Stadt mit insgesamt 106.000 Einwohnern hatten am Sonntagvormittag noch rund 1000 Einsatzkräfte geprüft, ob die Sperrzone wirklich menschenleer war. Dabei musste die Feuerwehr vier verschlossene Türen öffnen. Eine demenzkranke Frau wurde so noch in Sicherheit gebracht. In drei Fällen war der Verdacht allerdings unbegründet - Zeitschaltuhren hatten das Licht in den Wohnungen brennen lassen. Die Behörden hatten zuvor ausdrücklich darum gebeten, solche automatischen Einrichtungen auszuschalten, um unnötige Verzögerungen zu vermeiden.

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Der Verkehr ruht: Ein Wachposten der Bundeswehr fotografiert die leere Rheinbrücke.

(Foto: REUTERS)

Die Räumungsanordnung der Behörden galt ab 9.00 Uhr und ausnahmslos für alle Einwohner der Sperrzone. Sicherheitshalber standen den Behörden mehrere Schlüsseldienste und auch 30 Notfallseelsorger zur Verfügung. "Wir klingeln an jeder Tür", hatte Heinz-Peter Ackermann vom "Pressezentrum Luftmine" erklärt. Der Straßenverkehr rund um die Koblenzer Innenstadt wurde weiträumig abgesperrt. Der Rhein war für den Schifffahrtsverkehr gesperrt, der Zugverkehr kam ebenfalls zum Erliegen.

Koblenz war schon öfter Schauplatz spektakulärer Entschärfungen, weil die Stadt im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert worden war. Bei der bislang umfangreichsten Evakuierung in der Nachkriegsgeschichte hatten am Pfingstmontag 1999 rund 15.000 Koblenzer ihre Häuser räumen müssen.

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Alle Rollläden geschlossen und dann warten: Mehr konnten Hausbesitzer nicht tun.

(Foto: REUTERS)

Diesmal nahmen sich die insgesamt acht Experten des Kampfmittelräumdienstes unter der Leitung von Horst Lenz zunächst die 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine vor, bevor sie sich um die kleinere, 125 Kilogramm schwere US-Fliegerbombe kümmern konnten. Die Entschärfung des vergleichsweise kleinen Sprengkörpers wurde von den Experten zunächst als kompliziert eingeschätzt, da er sich in keinem guten Zustand befand.

Anschließend sollte das sogenanntes Tarnnebelfass mit seinen giftigen Chemikalien aus Wehrmachtsbeständen unschädlich gemacht werden. Spaziergänger hatten die britische Luftmine am 20. November im Rhein entdeckt. Bei der Nachsuche im Umfeld der Bombe waren Taucher auf die beiden übrigen Kriegsrelikte gestoßen. Der Fluss führt Niedrigwasser. An mehreren Stellen im Stromverlauf hatte die Trockenheit Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg ans Tageslicht befördert.

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Nur eine dünne Schicht rostigen Stahls trennten fast 1800 Kilogramm Sprengstoff von der Außenwelt.

(Foto: dpa)

Vor der Entschärfung der britischen Bombe hatten Hefler rund um die Fundstelle das Rheinwasser abgepumpt. Dazu war in den vergangenen Tagen ein Damm aus Sandsäcken um den riesigen Sprengkörper errichtet worden. Pumpen der Feuerwehr senkten den Wasserspiegel schließlich ab. Die Luftmine verfügt über mehrere Zünder, von denen jeder einzelne die tonnenschwere Sprengladung im Inneren der Bombe zur Explosion bringen kann.

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Der technische Leiter des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz, Horst Lenz (r.), neben der Bombe: Ein Kollege nimmt den Zustand der Zündvorrichtungen in Augenschein.

(Foto: dpa)

Luftminen zählen zu den größten Sprengkörpern, die von den Briten im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Allein durch die gewaltige Druckwelle der Detonation sollten sie großflächige Zerstörungen im Zielgebiet anrichten. Über Wohngebieten wurden derartige Luftminen in Kombination mit Brandbomben abgeworfen. In abgedeckten Dachstühlen, aufgeschlagenen Türen und zerborstenen Fenstern sollten die Brandsätze dann zusammen mit der Zugluft ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Nahe der Flugmine war im Rhein zudem eine 125 Kilo schwere US-Fliegerbombe und ein Tarnnebelfass aus Weltkriegs-Zeiten entdeckt worden, die ebenfalls am Sonntag entschärft beziehungsweise gesprengt werden sollen.

Seit dem Abend vor dem großen Entschärfungstag glich Koblenz in weiten Teilen einer Geisterstadt: Die Räumung der Sperrzone in der Stadt sei problemlos angelaufen, hatte Feuerwehrsprecher Manfred Morschhäuser erklärt. Viele Bewohner hatten ihre Häuser und Wohnungen bereits am Samstag verlassen und waren abgereist. Die bereitgestellten Notunterkünfte waren nur spärlich belegt. Insgesamt war es dennoch die größte Evakuierung wegen eines in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Stadtverwaltung Koblenz hat für betroffene Anwohner eine Telefon-Hotline eingerichtet. Unter 0261 / 4040410 und 0261 / 4040420 können Bürger Fragen zur Bombenentschärfung stellen oder sich melden, wenn sie Hilfe benötigen.

Fliegerbombe in Karlsruhe

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Apokalyptisch anmutende Ansage: Passiert ist glücklicherweise nichts.

(Foto: dapd)

Der historisch niedrige Wasserstand im Rhein bringt auch an anderen Stellen gefährliche Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges ans Tageslicht. In den vergangenen Tagen häufen sich die Berichte über zufällig entdeckte Blindgänger am Rhein. Zeitgleich zu den Arbeiten in Koblenz mussten sich am Sonntag auch in Karslruhe Experten des Kampfmittelräumdienstes mit einem jahrzehntealten Sprengkörper auseinandersetzen. Dort waren allerdings nicht Spaziergänger am Rheinufer, sondern Bauarbeiter bei Arbeiten an einem ufernahen Park auf eine US-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen.

Der 500 Kilogramm schwere Blindgänger sei auf einem Hofgut Maxau nahe der Rheinbrücke mit der Bundesstraße B10 auf der sogenannten Südtangente entdeckt worden, berichtete eine Stadtsprecherin. Die Spezialisten hätten die Bombe innerhalb einer Viertelstunde entschärft. "Es gab keine Probleme und inzwischen fährt auch wieder alles", sagte eine Sprecherin der Stadt am Mittag.

Für die Entschärfung waren die Rheinbrücke und die Bundesstraße 10 komplett gesperrt worden. Es habe nur Staus von wenigen hundert Metern Länge gegeben, sagte die Sprecherin. Auch die Schiffe auf dem Rhein mussten stoppen. Eine groß angelegte Evakuierung wie im rheinland-pfälzischen Koblenz sei allerdings nicht nötig, da im näheren Umfeld der Bombe nur ein einziges bewohntes Haus stehe.

Kleinere Bombe in Nürnberg

In Nürnberg haben Experten unterdessen eine 70 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Der Sprengmeister brauchte dafür nur 15 Minuten, teilte die Stadt mit. Etwa 200 Anwohner in einem Umkreis von bis zu 300 Metern konnten danach in ihre Häuser zurückkehren. 170 Einsatzkräfte waren im Einsatz. Der Sprengkörper war am vergangenen Freitag bei Kanalarbeiten entdeckt worden.

"Da der Zünder der Bombe relativ gut erhalten war, konnte er herausgeschraubt werden. Damit kann die Ladung der Bombe nicht mehr ausgelöst werden", erklärte Einsatzleiter Thomas Schertel von der Feuerwehr Nürnberg. Während der Entschärfung waren mehrere Straßen und die Bahnstrecke Nürnberg-Ansbach gesperrt.

Quelle: ntv.de, mmo/AFP/dpa/rts