Panorama

DIY-Wohnboxen aus Holz Kölner schenkt Obdachlosen eine Bleibe

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Eigentlich ist Sven Lüdecke Hotelfotograf.

(Foto: picture alliance / Marius Becker)

Sven Lüdecke ist eigentlich Hotelfotograf. Doch in seiner Freizeit baut der Kölner seit sechs Monaten drei Quadratmeter große mobile Wohnboxen für Obdachlose. So ein Little Home ist viel mehr als ein Dach über dem Kopf.

Mit einem Akkuschrauber in der Hand kniet Patrick in Jeans und grauem Kapuzenpullover auf dem Boden. Auf seiner Brust leuchtet das grüne Logo von Little Home. Aus Europaletten, Rollen, Spanplatten, Leisten, Dämmmaterial und Dachpappe baut er gemeinsam mit Sven Lüdecke in der Nähe von Berlin eine drei Quadratmeter große mobile Wohnbox für Obdachlose. Patrick hat den Überblick verloren. Er weiß nicht mehr, an dem wievielten Haus er inzwischen schraubt. Dabei hat der 36-Jährige vor nicht allzu langer Zeit noch selbst in einem der 1,60 Meter hohen und 1,20 Meter breiten Häuschen gewohnt.

Lüdecke erinnert sich dafür genau. Im vergangenen November hat der Initiator von Little Home seine erste Wohnbox fertig gestellt. Inzwischen hat der 40-Jährige, der eigentlich als Hotelfotograf arbeitet, in seiner Freizeit 17 DIY-Hütten gebaut - 11 davon stehen in Köln, 6 in Berlin. Inspiriert dazu wird er durch einen TV-Beitrag über den kalifornischen Innenarchitekten Gregory Kloehn, der in den USA mit einer ähnlichen Aktion ein Zeichen gegen Armut und Obdachlosigkeit gesetzt hat. "Ich hätte niemals gedacht, dass in so kurzer Zeit, so viele Häuser entstehen würde. Ich bin davon ausgegangen, alle zwei oder drei Monate eine Wohnbox zu bauen" sagt Lüdecke im Gespräch mit n-tv.de. Inzwischen stehen 1045 Obdachlose auf seiner Warteliste. "Wenn ich höre, dass so viele Leute ein Häuschen brauchen, weil sie nirgends anders unterkommen, bekomme ich echt Panik."

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Der Bau eines Häuschens kostet 650 Euro.

(Foto: picture alliance / Marius Becker)

Nirgends anders untergekommen war auch Patrick lange. 14 Jahre hat er insgesamt auf der Straße gelebt. Als er damals sein Zuhause verlor, beginnt seine Reise durch Deutschland. "Ich bin durch den ganzen Ruhrpott gezogen, Vorpommern oben, Hamburg. Du ziehst durch die Gegend. Du denkst gar nicht. Willst einfach nur deine Ruhe haben", sagt Patrick nachdenklich. Während er von früher erzählt, muss er immer wieder innehalten. Die Zeit auf der Straße hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Irgendwann strandet der gebürtige Thüringer in Köln. Monatelang schläft er in einem Zelt am Rhein. Am Hauptbahnhof lernt Patrick über einen Kumpel von der Straße eines Tages Lüdecke kennen. Er beschließt, ihm bei dem Bau der Wohnboxen zu helfen. Ganz ohne Hintergedanken. "Ich wollte einfach wieder etwas zu tun haben und nicht doof rumgammeln", sagt Patrick.

Kein Alkohol, keine Drogen, keine offenen Haftbefehle

Als Dankeschön für seine Hilfe überrascht Lüdecke Patrick wenig später mit seinem eigenen Little Home. "Wie eigentlich alle unsere Bewohner war auch Patrick zu Tränen gerührt", erinnert sich der 40-Jährige. Seit Jahren schläft Patrick das erste Mal von da an wieder in so etwas wie seinen eigenen vier Wänden. "Dann hat es bei Patrick eine krasse Entwicklung gegeben. Er hat sich nicht ausgeruht, sondern richtig Gas gegeben", sagt Lüdecke. In den darauffolgenden vier Monaten habe er täglich den Unternehmer, der die Häuschen an ihre Standorte fährt, angerufen und nach einem Job gefragt. Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Nach einem Praktikum hat Patrick jetzt einen unbefristeten Arbeitsvertrag und eine eigene Wohnung. Viel hat sich seit dem für ihn verändert. Zwischen den beiden Männern ist etwas gewachsen. "In der Woche gehe ich arbeiten. Samstag und Sonntag bauen wir die Häuschen. Egal ob in Köln, Berlin oder irgendwo anders. Wenn Sven meine Hilfe braucht, nehme ich mir auch schon mal einen Tag Urlaub", sagt Patrick.

*Datenschutz

In Köln teilen schätzungsweise 6.000 Obdachlose ein ähnliches Schicksal wie Patrick. Im Winter ist in den Notunterkünften aber nur Platz für 2.000 von ihnen. Lüdecke selbst hat im vergangenen Winter im Selbstversuch probiert, dort einen Platz zu ergattern. Er ist vier Mal gescheitert – weil der Andrang so groß war. Obdachlose mit Hund werden nur aufgenommen, wenn sie ihren Vierbeiner draußen lassen. Das tut kaum jemand. Alkoholiker und Junkies haben von vornherein keine Chance.

Damit Obdachlose von Lüdecke und seinem inzwischen zehnköpfigen Team ein kleines Häuschen bekommen, müssen sie lediglich drei Voraussetzungen erfüllen: Keinen Alkohol, keine Drogen, keine offenen Haftbefehle. "Richtig überprüfen tun wir das aber nicht." Sie seien nicht naiv und wüssten, dass viele ihrer Anwärter rauchen, kiffen und Bier trinken würden. Für das Team von Little Home zähle aber nur, dass Obdachlose, wenn sie mit ihnen sprächen, nüchtern und dazu bereit seien, an ihrem neuen Zuhause mitzubauen.

Ein komplettes Häuschen kostet 650 Euro

"Zu Beginn gab es große Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit der Stadt, weil wir etwas Neues gemacht haben, was es so vorher noch nicht gegeben hat", sagt Lüdecke. Von Seiten der Behörde heißt es, sein Projekt werde nicht gebraucht. Die Pressesprecherin der Stadt Köln wirft Lüdecke Profitgier vor. Er würde von den Obdachlosen eh nur Miete verlangen oder die Häuschen verkaufen wollen. Dem widerspricht Lüdecke. Bis heute trägt er die Kosten zu einem Großteil selber. Ein komplettes Häuschen ausgestattet mit einer Matratze, einem Regal, einem Erste-Hilfe-Set, einem Feuerlöscher, einer Campingtoilette, einem Waschbecken und eine kleinen Arbeitsfläche kostet ihn 650 Euro. Damit Lüdecke in Zukunft Spenden annehmen kann und die Häuschen nicht mehr aus der eigenen Tasche bezahlen muss, will er gemeinsam mit seinem Team den Verein "Little Home Köln e.V." gründen.

Nach sechs Stunden bohren, schrauben, sägen, hämmern und lackieren nimmt die Wohnbox langsam Gestalt an. Patrick legt den Akkuschrauber aus der Hand. Er hat es geschafft, sein Leben komplett umzukrempeln. "Er ist mega engagiert und für diese Entwicklung und das Durchhalten, habe ich mir mit dem Team überlegt, Patrick in den Verein als Gründungsmitglied aufzunehmen", erzählt Lüdecke. Für den ehemaligen Obdachlosen sei das eine zusätzliche Wertschätzung seiner Arbeit.

Von der Straße in ein Little Home, zu einem Praktikumsplatz über einen unbefristeten Arbeitsplatz in eine eigene Wohnung. Patrick ist auf dem richtigen Weg. Seine eigene Wohnbox braucht der 36-Jährige nicht mehr. Er hat sie an ein junges Mädchen weiter verschenkt, das er noch aus seiner Zeit auf der Straße kennt. Nikki ist 22 Jahre, so alt wie Patrick, als er obdachlos wurde.

Quelle: ntv.de