Panorama

Publikum geteilter Meinung Komische Oper spielt "Fidelio"-Urfassung

Der erste Versuch war ein Flop, erst beim dritten gelang Beethoven mit "Fidelio" 1814 ein Erfolg. Am Sonntag war an der Komischen Oper Berlin Premiere mit der Urfassung von 1805 - das Publikum ist geteilter Meinung.

Ein abgewrackter «Fidelio» hatte an der Komischen Oper Premiere.

Ein abgewrackter "Fidelio" hatte an der Komischen Oper Premiere.

Abfall türmt sich auf dem Container, Sessel werden durchsägt, Schlagbohrer nerven: Statt "Leonoren"-Ouvertüre gibt es beim "Fidelio"-Auftakt an der Komischen Oper Berlin zunächst das große Abwracken. Bevor ein Ton aus dem Orchestergraben aufsteigt, wird das Theater abgewickelt. Und dann verläuft sich Beethovens Freiheitsepos zweieinhalb Stunden lang zwischen Plastiksäcken und Kostümfetzen. Regisseur Benedikt von Peter sucht in seiner "Fidelio"-Neuproduktion den Weg zwischen konservativem Opernverständnis und zeitgenössischem Regietheater - in seiner Abrechnung landet er erst mal im Sperrmüll.

An "Fidelio" und seine Botschaft glaube sowieso niemand mehr, Beethovens Utopie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit diene heute bestenfalls als Schmuck zum tatenlosen Leben und der Resignation, beschreibt von Peter seinen Regieansatz und schreitet zur Tat: Das Stück, wie es Generationen von Opernfans gesehen haben, soll zusammen mit den Requisiten entsorgt werden. Und ob das alles Theater im Theater ist oder doch im spanischen Gefängnis spielt - bei von Peter sind die Grenzen fließend.

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Die in Deutschland einmalige Bestuhlung in der Komischen Oper Berlin ...

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Hoffnung auf die Befreiung, wie sie Beethoven in Gestalt Napoleons sah, oder die Idee der Solidarität, wie sie sich im Gefangenenchor ausdrückt sie landen im Müllhaufen. Der k.u.k.-Adler und die Trikolore kommen ebenso auf den Schutt wie die Fahne der Sandinistas und die Transparente der Republikaner in Madrid. Die Häftlinge pfeifen auf die Freiheit und folgen dem erstbesten Kommandanten, der ihnen ein etwas besseres Leben verheißt, um dann im Kugelhagel zu sterben.

Auch Beethoven haderte mit seinem "Fidelio". Die erste Fassung wurde am 20. November 1805 am Theater an der Wien uraufgeführt - und fiel durch. Die Vorlage des Mozart-Librettisten Emanuel Schikaneder galt als hölzern und gewollt modisch, auch die Bearbeitung des Beethoven-Freunds Sonnleithner passte nicht in die Zeit. Der Meister hatte auch Pech mit der Politik. Napoleon hatte sich im Mai zum König Italiens im Mailänder Dom krönen lassen, Österreich schloss sich dem Bündnis gegen Bonaparte an.

Grober Pinselstrich und Agitprop-Theater

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... ermöglicht den Besuchern, die gesungenen Texte auf kleinen Tafeln in der Rückenlehne des Vordermannes mitlesen zu können.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der 32-jährige von Peter, der zum zweiten Mal an der Komischen Oper inszeniert, geht mit grobem Pinselstrich zu Werk, Nuancen sind seine Sache nicht. 2008 wurde er mit dem Götz-Friedrich-Preis für seine Inszenierung von Hans Zenders "Chief Joseph" in Heidelberg ausgezeichnet. Im Theater Basel hat er Poulencs "Dialog der Karmeliterinnen" genauso wie den Berliner "Fidelio" auseinandergenommen.

Doch es sieht eher nach Agitprop-Theater aus, wenn sich etwa der gesangmächtige Chor (Leitung: Thomas Riefle) mit wehenden Flaggen auf den Weg in die Freiheit begibt. Und während sich das Orchester unter Chefdirigent Carl St. Clair einen eigenen Raum schafft, bleiben die Darsteller nur schwach konturiert.

Jens Larsen gibt mit beeindruckend-bebendem Bass den Gefängnischef Rocco als grobschlächtigen Untertan, seine Tochter Marzelline (Maureen McKay) zickt mit Kostümpuppen, bevor sie ihre Liebe zu Fidelio offenbart. Leonore (manchmal zu stimmgewaltig: Ann Petersen), die als Mann (Fidelio) verkleidet ihrem Gatten im Kerker beistehen will, liegt für ihre Schlüsselarie auf einem Netz über dem Orchestergraben. Und immer meldet sich der Gefangene Nummer eins, Florestan (geschmeidig: Will Hartmann), mit Schlägen gegen die Gitter aus dem Keller. Doch Florestan ist nicht wirklich in der Zelle. Er liegt verschüttet im Gerümpel, eine Taschenlampe weist ihm den Weg in die Freiheit.

Quelle: n-tv.de, Esteban Engel, dpa

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