Panorama

Soldatin Olya Yehorova"Man muss da durch. Bis es zu Ende ist!"

21.02.2026, 20:09 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Olya mit "ihren" vier Jungs: Roma, Sashko, Mishka und Vlad (v.l.n.r.) (Foto: Second Wind)

Keine Frage - Olya Yehorova kämpft bis zu dem Tag, an dem die Ukraine wieder ein freies Land ist. Dass sie zwei Mal lebensgefährlich verletzt wurde, spielt bei dieser Entscheidung keine Rolle, wie sie ntv.de im Interview erzählt. Sie ist die Heldin - nicht nur dort - in der spannenden Doku "Second Wind".

Olya Yehorova trat am Tag des Einmarschs der Russen in die ukrainischen Streitkräfte ein und stieg von einer einfachen Büroangestellten in der Armee zur Scharfschützin zweiten Ranges auf. Sie kämpfte in zahlreichen Schlachten und erlitt 2023 zwei schwere Kampfverletzungen. Ihr Spitzname: "Summit" (Gipfel). Im Film "Second Wind" von Masha Kondakova steigt sie mit vier Soldaten, alle mit Beinprothesen, auf den Kilimandscharo. Im Rahmen der Sicherheitskonferenz in München traf ntv.de Olya Yehorova bei der Präsentation des Films vor ausgewähltem Publikum.

ntv.de: Sie sind eine der mutigsten Personen, die ich kenne.

Olya Yehorova: Ich mache eigentlich nur meine Arbeit.

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Olya Yehorova bei einer Veranstaltung auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2026. (Foto: privat)

OK, und eine der bescheidensten. Was haben Sie vor dem Krieg gemacht?

Ich war Profisportlerin und Trainerin.

So sportlich zu sein, ist sicher hilfreich an der Front ...

Auf jeden Fall. Ich wurde bereits zwei Mal verwundet, und ich bin trotzdem immer wieder zurück an die Front gegangen.

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"Second Wind" ersetzt Mitleid durch Bewunderung, Kriegsmüdigkeit durch menschlichen Triumph und Resignation durch Tatendrang. (Foto: Second Wind)

Jetzt, wo wir hier so gemütlich in München sitzen - reizt es Sie nicht, zu bleiben?

(lächelt) Nein. Darüber denke ich keine Sekunde nach. Ich freue mich sehr, dass ich hier sein kann, ich genieße das. Nicht an der Front zu sein, in Sicherheit, interessante Menschen um mich herum. Aber ich werde selbstverständlich zurückgehen, ich werde meine Arbeit machen, und zwar, bis sie erledigt ist. Daran besteht zu keiner Zeit auch nur der geringste Zweifel.

Auch nicht, nachdem Sie zwei Mal wirklich schwer verletzt wurden, das eine Mal ein Bauchschuss. Ihre Freunde waren in großer Sorge.

Das verstehe ich, ich mache mir auch immer Sorgen um die anderen. Aber nein, mein Platz ist in der Ukraine, ich werde mein Land verteidigen, meine Heimat. Wenn wir den Krieg gewonnen haben, komme ich mit meinen Freunden wieder her. Ich möchte unbedingt reisen. Aber erst, wenn der Krieg vorbei ist.

Haben Sie zu Beginn des Krieges nie darüber nachgedacht, zu fliehen?

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Fünf ukrainische Soldaten liefern mit diesem Film und dieser Leistung eine Geschichte von Hoffnung, Widerstandskraft und dem unbezwingbaren Willen, für den die Ukrainer gerühmt werden.

Nein. Ich hatte ein wirklich normales, schönes Leben, ich war Personal Trainerin. Aber alle, die ich kannte und die gesund waren, haben keine Sekunde gezögert und sind in die Armee gegangen. Die Frage stellte sich eigentlich nicht, denn unter der Besatzung Russlands zu leben, war von Anfang an keine Alternative. Also kämpft man für seine Heimat. Es gab insofern keine Wahl.

Waren Ihre Kollegen neidisch auf die Reise nach Afrika und jetzt nach Deutschland?

Nein. Ich habe mich für dieses Abenteuer beworben, wurde genommen, und das akzeptieren alle. Die Solidarität in der Armee ist groß. Alle helfen sich gegenseitig, egal, woher man kommt oder wer man davor war.

Und unter Frauen?

Unter Frauen ist es genauso. Frauen in der Armee stehen sich bei und helfen sich in allen Lebenslagen. Das sollte uns ein Beispiel für Friedenszeiten sein. Natürlich, man muss sich seinen Platz erobern, man muss auch beweisen, dass man was kann und in der Lage ist, zu kämpfen. Aber wenn das geklärt ist, gibt es keine weiteren Fragen mehr (lacht).

Was ist das Schlimmste, was Sie sich, neben einem unvorstellbar schlimmen Krieg, vorstellen können?

Dass es Leute gibt, die Profit daraus ziehen. Dass es Fake-Leute gibt, Menschen, die den Krieg benutzen, um sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Das passiert ständig.

Die Reise auf den Kilimandscharo – Sie sind sicher eine Berge-Liebhaberin …

(lacht) Ich war zuvor noch nie auf irgendeinem Berg! Der Kilimandscharo ist mein erster Berg, wenn man von dem Training, das wir davor in den Karpaten durchgeführt haben, mal absieht. Ich hatte aber schon immer das Gefühl, dass ich eine "Berg-Person" bin.

Und das Gefühl hat sich bestätigt ...

Definitiv. Wenn der Krieg vorbei ist, will ich unbedingt wieder in die Berge. Ein paar der Männer überlegen, ob sie auch andere Gletscher besteigen wollen. Das muss für mich nicht unbedingt sein.

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Von den Schlachtfeldern über Einblicke in ihr Privatleben, über ihre Schmerzen und Tränen bis auf das Dach Afrikas definieren diese fünf Helden das, was unmöglich erscheint, neu.

Wie war es, nach dem harten Aufstieg, endlich auf dem "Dach Afrikas" zu sein?

Es war auf der einen Seite unbeschreiblich, auf der anderen Seite aber war ich so erschöpft, dass ich es gar nicht richtig realisieren konnte. Erst, als wir wieder unten waren. Der Abstieg war auch sehr hart, es musste noch schneller gehen. Wir hatten nur zwei Tage dafür. Viele haben uns für verrückt erklärt, auch dass wir so wenig Vorbereitung hatten. Ich kann meine Gefühle eigentlich noch immer nicht in Worte fassen, denn wenn man an einem Tag noch sieht, wie die Freunde im Krieg sterben und man am anderen Tag mit Massai tanzt, dann kann man das nicht wirklich verstehen. Es war – bisher – auf jeden Fall die Reise meines Lebens!

Haben Sie sich, die zwar auch schwer verwundet wurde, aber noch alle Gliedmaßen hat, manchmal verantwortlich gefühlt für Ihre Kameraden, die alle amputierte Unterschenkel haben und mit Prothesen gelaufen sind – obwohl Sie sie vorher ja noch nie gesehen hatten?

Das war merkwürdig. Ja, irgendwie schon, unbewusst vielleicht. Denn ich hatte auch immer im Hinterkopf, dass wir es unbedingt schaffen müssen! Wir wurden schließlich ausgewählt! Beim Casting hatten sich so viele für diese Expedition beworben, also wollte ich unbedingt alles dafür tun, dass es auch klappt! Dazu gehörte auch, anscheinend instinktiv, dass ich mich um die anderen kümmere. Dass ich warte, nachfrage. Es hat mich manchmal hart wirken lassen, denke ich, und ich hatte auch Angst, dass ich mich unbeliebt bei den Jungs mache (lacht), denn sie wollten auf keinen Fall bemitleidet werden. Aber sie haben es irgendwann akzeptiert, dass man neugierig auf sie und ihre Geschichten ist. Als wir wieder unten waren, war ich sehr erleichtert. Und stolz. Und voller Glück! Es ist aber letztendlich so gewesen, wie es im Moment immer ist: Man muss da durch. Bis es zu Ende ist!

Was glauben Sie, wie es sein wird, wenn endlich wieder Frieden ist? Welches Bild haben Sie im Kopf?

Keine Ahnung. Wir müssen aus den Erfahrungen lernen, die uns andere nach anderen Kriegen übermitteln. Dieser Krieg ist sehr speziell, schon allein deswegen, weil wir so eine fortgeschrittene Technik haben. Ich hoffe, dass alle, die es brauchen, Hilfe bekommen, auch psychologische Unterstützung. Denn auch das werden wir der Welt beweisen: Nicht nur, dass wir mit den jetzigen Anforderungen klarkommen, sondern auch, dass wir danach wieder ein blühendes, fortschrittliches Land sein können. Wir werden wieder viele Möglichkeiten haben. Ukrainer sind sehr fleißig und innovativ. Momentan werden sehr viele Start-ups gegründet. Wir denken jetzt natürlich bereits über den Aufbau nach, einfach, weil wir keine Opfer dieses Krieges sind.

Fühlen sich die Ukrainer, vor allem an der Front, manchmal verlassen vom Rest der Welt?

Es gibt schon einen Unterschied zwischen dem Anfang des Krieges und jetzt. Zu Beginn waren alle so hilfsbereit. Das ist weniger geworden. Aber das ist natürlich. Und es liegt an mir, wie ich das betrachte: Ich fokussiere mich auf die, die uns helfen, und nicht auf die, die uns nicht helfen. Es ist normal und menschlich, dass andere mit ihrem Leben fortfahren. Man kann es den Leuten nicht vorwerfen, wenn sie nicht immer gleich stark engagiert sind.

Was haben Sie vom Berg mitgebracht, an Erkenntnissen?

Wir haben alle Antworten auf unsere persönlichen Fragen bekommen: Die Jungs haben teilweise sehr gezweifelt, sich gefragt, warum ich? Warum musste mir das passieren, warum musste ich mein Bein verlieren? Aber letztendlich konnten wir alle das machen, was wir auch mit zwei Beinen schaffen können: Einen wirklich hohen Berg besteigen. Vor allem aber ist uns bewusst geworden, dass wir das niemals allein geschafft hätten, sondern nur in der Gemeinschaft.

Mit Olya "Summit" Yehorova sprach Sabine Oelmann bei der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2026

Quelle: ntv.de