Politik

Kreml führe "Krieg gegen Kinder"Hilfsorganisation: Ukraine erlebte fünfeinhalb Monate Luftalarm

19.02.2026, 09:38 Uhr
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Schüler lernen in einer unterirdischen Bunkerschule, die Ende Januar in einer U-Bahn-Station in Charkiw eröffnet wurde. (Foto: picture alliance / abaca)

Die russischen Angriffe auf die Ukraine gehen trotz aller Friedensbemühungen weiter. Der Leiter der Hilfsorganisation "Save the Children" befürchtet, dass die psychischen Kriegsfolgen übersehen werden. Er berichtet über das Trauma einer ukrainischen Familie.

Die Kinderrechtsorganisation Save the Children hat den Krieg in der Ukraine als "Krieg gegen Kinder" angeprangert. "Die Kinder leiden seit vier Jahren unter einer Dauerkrise", sagte der Geschäftsführer der Nichtregierungsorganisation, Florian Westphal. In der Ukraine gebe es etwa 1,5 Millionen Kinder, bei denen es ein Risiko für Depressionen, Traumata, Angstzustände und Ähnliches gebe, sagte Westphal.

Es bestehe in dem Krieg die Gefahr, "dass man zuerst auf die physischen Verletzungen achtet, weil die viel sichtbarer sind und viel deutlicher zum Ausdruck kommen, und die psychischen Verletzungen darüber vergisst". Kleine Kinder wüssten nicht, was passiert. Sie würden für immer mit den Erfahrungen des Kriegs leben, der vor vier Jahren am 24. Februar mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine begonnen hatte.

Bei einem Besuch in den ostukrainischen Regionen Charkiw und Sumy traf Westphal Ende Januar ein siebenjähriges Mädchen, wie er berichtete. Die Familie des Mädchens baue ihr Haus, das im vergangenen Jahr durch fünf russische Geschosse zerstört worden sei, mit Unterstützung von Save the Children wieder auf. "Das Mädchen hat mir das ganz stolz gezeigt, wo ihr Zimmer sein wird und strahlend erzählt, dass sie mit ihrem Vater das Dach repariere."

Gleichzeitig habe die Mutter der Siebenjährigen ihm erzählt, "dass ihre Tochter nach dem Angriff jedes Mal, wenn es eine Explosion gab, am ganzen Körper gezittert habe", sagte Westphal. Die Familie sei bei einer psychologischen Beratung gewesen und mache nun gemeinsam Atemübungen, wenn es Explosionen gebe, das helfe ein bisschen.

Westphal: Ukrainer leben im Hier und Jetzt

"Die Geschichte des Mädchens zeigt, wie häufig Kinder diese optimistische Weltsicht, diesen Blick nach vorn haben. Aber der Krieg bleibt allgegenwärtig." Was mit Blick auf Erwachsene in der Ukraine auffalle, sei, dass sie "im Hier und Jetzt leben und versuchen, nicht zu sehr über die Zukunft nachzudenken", sagte Westphal weiter. "Die Menschen sprechen zum Beispiel kaum über Friedensverhandlungen oder Politik - nicht, weil es sie nicht interessiert, sondern weil sie vom Krieg in Beschlag genommen sind." Sie würden alles versuchen, um das Leben ihrer Kinder so normal wie möglich zu gestalten.

In sogenannten Bunkerschulen in der Nähe der ukrainischen Front wird versucht, ein Stück Normalität aufrechtzuerhalten. Westphal hat eine solche Schule in der ostukrainischen Stadt Charkiw besucht: "Das ist wirklich beeindruckend, man geht eine Treppe herunter, durch eine schwere Stahltür und dann ist man in einer Schule sieben Meter unter der Erde." Dort gebe es 20 Klassenzimmer, eine kleine Cafeteria und ein Lehrerzimmer - "wie in einer normalen Schule, nur dass es keine Fenster gibt". In normalen Schulen über der Erde müssen Kinder und Lehrkräfte sich bei jedem Luftalarm in einen Schutzraum zurückziehen.

4000 Stunden Luftalarm seit Februar 2022

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 haben die Menschen in der Ukraine laut Save the Children mehr als 4000 Stunden lang Luftalarm erlebt. "Das entspricht etwa fünfeinhalb Monaten", betonte Westphal. Auch Westphal erlebte bei seinem Besuch in der Ukraine einen Luftalarm. Er sei mit Kollegen in einem Außenbezirk von Charkiw unterwegs gewesen. "Der Alarm ging los und die Menschen vor Ort haben uns auf einen Schutzraum im nächsten Hochhaus hingewiesen."

Was ihm nach vier Jahren Krieg Hoffnung mache, sei, dass in Deutschland weiter ein großes Interesse an der Lage der Menschen in der Ukraine bestehe, betonte Westphal. "Ich finde, dass es nach wie vor eine relativ große Solidarität mit den Menschen und den Kindern in der Ukraine gibt." Er glaube, dass "viele Menschen hier in Deutschland wissen, dass die Ukraine nicht weit weg ist" und viele hätten in ihrem Umfeld Ukrainer, die seit Februar 2022 hier Schutz gesucht hätten.

Quelle: ntv.de, Marie Sophie Hübner, AFP

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