Panorama

Leben unter Beschuss Meine Oma bleibt in Charkiw

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Da war die Welt noch in Ordnung: Mein Bruder, meine Oma und ich (v.l.) vor mehr als 20 Jahren in einem Zug von Charkiw nach Minsk.

(Foto: privat)

Die Russen werfen ihre Bomben auf Wohnhäuser, Geschäfte und Kinderspielplätze. Charkiw, vor Kurzem noch eine lebendige Großstadt, liegt in Trümmern. Dort lebt auch heute noch meine Großmutter Nina Dawidowa. Fliehen? Kommt für sie nicht infrage. Die Begründung ist sehr einfach.

Die Frau auf dem Foto, das ist meine Großmutter Nina Iwanowna Dawidowa. Meine Oma, meine "Babusja Nina". Sie ist 81 Jahre alt und lebt schon ihr ganzes Leben in Charkiw. Auch jetzt bleibt sie in ihrer Heimatstadt und wird dort auch bleiben. Denn das ist ihr Zuhause.

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Meine Oma und ihre Katze in ihrer Wohnung in Charkiw.

(Foto: privat)

Im vergangenen Juni habe ich sie besucht. Zwei Stunden mit einem Billigflieger aus Berlin, schon ist man in der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Wir spielten Domino - gegen eine so versierte Spielerin hatte ich keine Chance. Wir alberten mit ihrer Katze herum und gingen im wunderschönen Schewtschenko-Park spazieren. Wir waren auch in Mali Prokhody - dem Dorf, in dem meine Babusja aufgewachsen ist, wo ihre Eltern begraben sind, zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Heute ist das Dorf besetzt und abgeschnitten von der Außenwelt. Der Schewtschenko-Park liegt in Trümmern, genauso wie das ganze Zentrum von Charkiw, Bilder davon gingen um die Welt. Die Katze schläft die ganze Zeit, wenn sie nicht gerade von Schüssen aufgeschreckt wird. "Sie spürt, dass etwas nicht stimmt", sagt meine Oma am Telefon.

Rakete auf dem Kinderspielplatz

Babusja ist gut drauf, den Umständen entsprechend. Sie will sich nicht im Bunker verstecken, schließlich gibt es auch keinen in der Nähe. Sie geht jeden Tag spazieren, "um die Lage zu erkunden", so erklärt sie es mir, wenn wir per Whatsapp telefonieren. Die Lage ist schlimm. Die Stadt wird jeden Tag bombardiert, mindestens 400 Hochhäuser seien inzwischen zerstört worden, erklärte der Bürgermeister von Charkiw, Igor Terechow, bereits am 10. März.

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Mein Bruder war für den Spielplatz vielleicht schon zu alt, fotografieren ließ er sich trotzdem.

(Foto: privat)

Eins davon ist das Haus, aus dem meine Oma vor einigen Jahren ausgezogen ist. Die Wohnung, in der auch meine Mutter wohnte, bevor sie meinen Vater kennenlernte und mit ihm nach Belarus zog, war ihr zu groß und zu weit von der U-Bahn entfernt. Auf dem Spielplatz vor dem langen, grauen Plattenbau habe ich als Kind mit meinem großen Bruder gespielt, wenn wir unsere Babusja in den Sommerferien besuchten. Vor ein paar Tagen schlug auf diesem Spielplatz eine Rakete ein, jetzt gibt es ihn nicht mehr. Kinderlachen wird hier noch lange nicht zu hören sein.

Zu Hause sicherer als auf der Straße?

Meine Oma bleibt trotz allem in Charkiw. Sie ist eigensinnig, sie lässt sich von niemandem etwas vorschreiben. Als wir ihr anboten, für sie eine Mitfahrgelegenheit an die polnische Grenze zu finden, wussten wir von vornherein, dass sie ablehnt. Auch die Hilfe von Freiwilligen, die ihr Lebensmittel und Medikamente nach Hause bringen könnten, lehnt sie ab. "Noch habe ich alles. Zudem gehe ich lieber selbst einkaufen", erwidert sie. Darauf zu bestehen, dass sie zu Hause bleiben soll, weil es dort angeblich sicherer ist, wage ich nicht. Zum einen verstehe ich, dass es unerträglich ist, allein in eigenen vier Wänden zu sitzen. Zum anderen - wer kann sagen, dass es zu Hause tatsächlich sicherer ist als draußen?

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Letzten Sommer im Schewtschenko-Park. Jetzt liegt er in Trümmern.

(Foto: privat)

Wie eigenwillig meine Oma ist, durfte ich im vergangenen Sommer mal wieder erleben. Ich fand, ihr mindestens 30 Jahre alter Kühlschrank sollte durch einen neuen ersetzt werden. Sie ließ sich zwar überreden, mit mir in den Elektromarkt bei ihr um die Ecke zu gehen. Dort angekommen, lehnte sie den Kauf jedoch kategorisch ab: Der alte sei ihr lieber, sie würde sich selbst einen neuen kaufen, wenn der alte kaputtgeht. Das wird sie jetzt nicht mehr machen können, zumindest nicht in dem Geschäft auf dem Gagarin-Prospekt (der übrigens nach einem russischen Kosmonauten benannt ist), denn es wurde durch einen Raketenangriff zerstört.

"Sie sollen einfach nach Hause gehen"

Meine Oma kam während des Zweiten Weltkrieges zur Welt, ihr Vater kämpfte zusammen mit den Russen gegen die Nazis. Obwohl sie in der Ukraine geboren wurde, bezeichnete meine Oma sich stets als Russin. Sie spricht Russisch, genauso wie 95 Prozent der Charkiwer. Wovon die russische Armee sie "befreien" will, dürfte in Charkiw niemand verstehen. Und doch, wenn ich in diesen Tagen mit meiner Oma spreche, höre ich keinen Hass gegen die Besatzer in ihrer Stimme. Ich sage, "sie sollen verrecken", sie erwidert: "Sie sollen einfach nach Hause gehen". Ich nenne die Angreifer "Mistkerle", sie rechtfertigt sie: "Sie handeln auf Befehl". Wie weise diese Einstellung gegenüber dem Feind ist, werde ich vielleicht eines Tages begreifen. Aber nicht jetzt. Jetzt lasse ich meiner Wut freien Lauf - aber auch der Angst.

Wobei, das mit der Angst - das ist so eine Sache. In den ersten Tagen griff ich nach jedem Bericht über Angriffe in Charkiw in Panik zum Telefon, mittlerweile bin ich da etwas entspannter. Raketeneinschläge in anderen Stadtteilen lassen mich natürlich nicht kalt, und doch bin ich für einen Moment erleichtert, dass es nicht das Haus meiner Oma getroffen hat.

Was ich niemals verzeihen werde

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Und was die Wut angeht - schon ein Jahr vor dem Krieg, nach den Protesten gegen ihn, ließ Putins Vertrauter Alexander Lukaschenko die Grenzen zwischen Belarus und der EU sowie der Ukraine schließen. Zehntausende Familien wurden getrennt, darunter auch meine. Meine Mutter musste zwei Monate lang Briefe an die Behörden schreiben und Anträge stellen, um eine Sondererlaubnis zu bekommen, ihre alte, kranke Mutter in Charkiw einmal besuchen zu dürfen. Diese Erniedrigung werde ich niemals verzeihen. Dass meine Babusja jede Sekunde um ihr Leben bangen muss, ganz allein mit ihrer Katze, dass ihre Heimat vernichtet wird - auch das werde ich niemals verzeihen.

Und doch will meine Oma Charkiw nicht verlassen. Warum sollte sie auch? Das ist ihr Zuhause. Und ich bin mir sicher, ich werde sie bald wieder besuchen. Dann spielen wir wieder Domino und ich werde für eine Revanche bereit sein.

Quelle: ntv.de

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