Panorama

Tödliche Gefahr für wenige Euro Messer - hochgefährlich und frei erhältlich

1a6e9bb1b90cb824eb4525045cfaf381.jpg

Ein Polizist präsentiert in der Polizeiinspektion in Miltenberg ein beschlagnahmtes Faustmesser.

dpa

Mit schweren Verbrechen bringen die meisten Menschen Schusswaffen in Verbindung, immer öfter ist die Tatwaffe aber ein Messer. Der kalte Stahl fasziniert viele und wird im Konfliktfall zur tödlichen Gefahr.

Gefühlt gibt es täglich neue Angriffe mit Messern - auch wenn unklar ist, ob die Taten häufiger werden. Im westfälischen Lünen wird Anfang der Woche ein 14-jähriger Mitschüler erstochen, wohl von seinem ein Jahr älteren Mitschüler. In Cottbus in Brandenburg gehen deutsche und syrische Jugendliche aufeinander los, nach Messerstichen fließt Blut. Im pfälzischen Kandel stirbt Ende Dezember eine 15-Jährige, nachdem der Täter mit einem Messer zustach. Vom Berliner Alexanderplatz gab es im vergangenen Herbst wöchentlich Berichte über Messerstechereien zwischen Gruppen junger Männer. Die Anlässe sind meist nichtig. Trotzdem stechen die Täter zu.

Polizeigewerkschaften, manche Polizeibehörden, Richter und Politiker schlagen seit Jahren immer wieder Alarm. Wenige Stunden nach dem tödlichen Angriff auf den Schüler in Lünen am Dienstag sah die Gewerkschaft der Polizei (GdP) "zunehmende Messerangriffe hierzulande". Der GdP-Bundesvorsitzende Oliver Malchow erklärte: "Die Verunsicherung der Bürger ist regelrecht spürbar, weil kaum noch ein Tag vergeht, an dem nicht Polizeimeldungen über gefährliche oder sogar tödliche Messerattacken bekannt werden."

Malchow erzählt, Streifenpolizisten berichteten ihm und seinen Kollegen, dass gerade junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren immer öfter ein Messer dabei hätten. "Es gibt eine Gruppe, die Konflikten nicht aus dem Weg geht und sagt: Das mache ich zur Not auch mit dem Messer", sagt Malchow. In Problemstadtteilen spiele das eine größere Rolle als in bürgerlichen Gegenden. Ob möglicherweiser junge Männer aus eingewanderten Familien eine größere Rolle spielten, wisse er nicht. "Aber unabhängig davon muss klar sein: Es geht hier nicht um Männlichkeitsrituale, sondern um Straftaten."

Jeder hat ein Messer dabei?

Der NRW-Landesvorsitzende der GdP, Arnold Plickert, sagte, Jugendliche bewaffneten sich auch zum Selbstschutz. Sie gingen davon aus, dass "jeder ein Messer dabei hat". Der Bielefelder Jugendrichter Carsten Nabel sagte im vergangenen Jahr der "Neuen Westfälischen" zum Thema Jugendkriminalität: "Möglicherweise haben Jugendliche heute häufiger als früher ein Messer dabei, das dann auch aus nichtigen Anlässen eingesetzt wird. Das kommt meiner Ansicht nach - bei aller Vorsicht - heute häufiger vor." Sogar erklärte Messer-Fans geben auf der Internetseite knife-blog.com zu: "Selbst Menschen mit einer positiven Grundhaltung zum Werkzeug Messer können die Zunahme der Fallzahlen nicht leugnen."

Messer sind hochgefährliche Waffen - und trotzdem überall zu kaufen. Küchenmesser gibt es für ein paar Euro im Haushaltsladen. Beliebter bei jungen Männern sind Klappmesser, die in jede Hosentasche passen und im Internet oder Waffengeschäften offeriert werden. Der Laden "Soldier of Fortune" in Berlin-Neukölln wirbt mit dem Satz: "Der kalte Stahl hat eine faszinierende Wirkung auf viele Menschen." Neben Schreckschuss- und Gaspistolen, Macheten und Schwertern werden Hunderte Jagdmesser, Wurfmesser, Taschenmesser und Klappmesser angeboten - der Preis reicht von 2,50 Euro bis 1700 Euro.

Zahlreiche einzelne Messerangriffe und eine große Verbreitung der Waffen ergeben aber noch keinen statistischen Trend. Anders als Schusswaffen werden Messer als Tatwaffe in den meisten Statistiken der Polizei in den Bundesländern und beim Bundeskriminalamt (BKA) nicht erfasst. Eine Ausnahme ist die Berliner Kriminalpolizei. Seit 2008 führt sie das "Tatmittel Messer" bei den Delikten Mord, Totschlag, Sexualtaten, Raub sowie gefährliche und schwere Körperverletzung in der jährlichen Kriminalstatistik auf. Die Zahlen zeigen aber keineswegs eine Zunahme. 2008 gab es knapp 2500 in Berlin erfasste Taten, bei denen ein Messer eine Rolle spielte. In den nächsten Jahren waren es mal rund 2400 Taten, dann stieg die Zahl auf 2700 und sank wieder auf ungefähr 2600 Taten. In den ersten drei Quartalen 2017 wurden 1974 Fälle erfasst - ein geringfügiger Rückgang von 0,8 Prozent.

Die vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung durch junge Männer mit Messern ist allerdings kein neues Thema. Schon 2003 wurden sogenannte Butterflymesser und Springmesser, bei denen die verborgene Klinge herausklappt oder -springt, verboten. Seit 2008 ist es nicht mehr erlaubt, Messer in der Öffentlichkeit bei sich zu tragen, die man mit einer Hand ausklappen kann (Einhandmesser) oder die eine feste Klinge mit mehr als zwölf Zentimetern Länge haben. Ausnahmen gelten für Angler, Grillfreunde und Köche.

Angesichts der komplizierten Gesetzeslage fordert die GdP keine weiteren Verbote, sondern vor allem eine genauere Erfassung der Messerangriffe in allen Polizeistatistiken. Gerade bei Bedrohungen und Angriffen mit Messern müsse die Justiz intensiver ermitteln und härter durchgreifen, verlangt der GdP-Chef Malchow. Das gefällt sogar den Messerfreunden vom knife-blog, die sich sonst nicht immer auf der Seite der Polizei sehen. Der GdP stimmen sie zu, weil sie versuche, "zwischen gesetzestreuen Bürgern und Straftätern zu unterscheiden".

Sind Messer eine unterschätzte Gefahr? Diskutieren Sie mit auf unserer Facebook-Seite.

Quelle: n-tv.de, Andreas Rabenstein, dpa

Mehr zum Thema