Panorama

Werke in geheimer Grabkammer?Michelangelos verlorener Schatz wird zum Kunstkrimi

28.02.2026, 11:46 Uhr A. Affaticati 1Von Andrea Affaticati, Mailand
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Giada Damen vom Auktionshaus Christie's mit der Zeichnung eines Fußes von Michelangelo. (Foto: picture alliance/dpa/CHRISTIE’S IMAGES LTD. 2025)

Bruderschaften, komplizierte Schlüsselsysteme und eine Reise durch 500 Jahre Kunstgeschichte könnten neues Licht auf die Hinterlassenschaft des Bildhauers und Malers Michelangelo werfen. Eine Auktion in London scheint die These einer römischen Forscherin zu bestätigen.

Hat Michelangelo Buonarroti, der Meister der Renaissance, der wusste, wie man Marmor in lebendige Materie verwandelt (siehe sein David in Florenz) … also noch einmal von vorn: Hat Michelangelo kurz vor seinem Tod am 18. Februar 1564 in Rom wirklich unzählige seiner Werke verbrannt? Oder war das nur eine falsche Fährte, um die Geier, die in seinen letzten Jahren über ihm lauerten, in die falsche Richtung zu locken? Und was hat es mit der geheimen Grabkammer auf sich, in der ein Teil seiner Arbeiten versteckt worden sein könnte?

Fragen, die die Kunstwelt gerade sehr interessieren und die vielleicht Dan Brown, Autor des Bestsellers "Sakrileg", inspirieren könnten. Als Verbündete sollte man ihm die Literaturforscherin Valentina Salerno empfehlen. Sie stellt die bislang unbestrittene Erzählung über den Nachlass von Michelangelo in Zweifel. Eine Auktion in London stützte ihre These indirekt. Dabei ging es um eine kleine Skizze, 10 mal 13 Zentimeter groß, die Michelangelo zuzuordnen ist.

In der Künstlerbiografie "Vite" von Giorgio Vasari heißt es, Michelangelo Buonarroti, der ein Freund des Autors war, habe seinen Nachlass verbrannt, weil er nicht wollte, dass die in seiner römischen Atelierwohnung aufbewahrten Werke in falsche Hände geraten. Es handelt sich um Bilder, Skizzen, Rötelzeichnungen, Wachsstudien und Skulpturen - um einen Schatz von unermesslichem Wert.

"Indiana Jones der Archive"

Salerno, eine lebhafte Römerin Mitte 40, erzählt ntv.de, dass sie sich von klein auf für historische Hinterlassenschaften interessiert hat. Als Kind war sie sich sicher, eines Tages Archäologin zu werden. Und eine Zeit lang hat sie Archäologie studiert, bevor sie sich gewisser Dynamiken bewusst wurde, die ihr missfielen. So schwenkte sie zuerst auf Jura um, später auf Literaturwissenschaft. "Meine größte Leidenschaft nach der Archäologie war schon immer das Theaterwesen. Vor allem das Schreiben für die Bühne, die Dramaturgie. Das habe ich auch gemacht, bis ich eines Tages den Wunsch hatte, ein Buch über Michelangelo zu schreiben."

Es sollte ein Roman sein, der aber auf belegten Fakten und Ereignissen fußte. Sie begann also, in den Archiven in Rom herumzustöbern. Michelangelo hatte 30 Jahre in der Ewigen Stadt gelebt. Doch es dauerte nicht lange, da fiel ihr auf, dass es vor allem über seinen letzten Lebensabschnitt auffällig wenig Material gab. Auch was die Vernichtung der Werke betraf, waren die Belege spärlich.

In Vasaris "Vite" liest man, Michelangelo habe nur seinen engsten Freunden und von ihm geschätzten Schülern Zugang zu seinen Arbeiten gewährt. Aber gerade wegen seines sehr ausgewählten Freundeskreises erschien Salerno die Erzählung, Michelangelo habe alles verbrannt, mehr als fragwürdig.

Und da Zweifel der Anstoß zum vertieften Forschen sind, begann sie nicht nur in 500 Jahren Geschichte, sondern physisch auch in Kellerarchiven von Klöstern und Kirchen zu graben. In Rom und im Ausland. "Einige dieser Kellergeschosse waren geschätzt seit zwei Jahrhunderten nicht mehr betreten worden. Für meine Freunde wurde ich zu 'Indiana Jones der Archive'" fügt sie lächelnd hinzu.

Der Schlüssel zum Tresor

Anfangs war ihr bei der Arbeit der Literaturwissenschaftler und Professor Michele Rak sehr behilflich. "Er hat mir gezeigt, wie man Recherchen in Archiven organisiert, durchführt, verfeinert. Meine Latein- und Griechisch-Kenntnisse kamen mir auch sehr zugute." Außerdem wurde sie von den Augustiner-Chorherren vom Lateran unterstützt. Mittlerweile sind fast zehn Jahre verstrichen und ein wissenschaftlicher Beirat international renommierter Experten begleitet ihre Arbeit.

Je mehr sie sich in die Vergangenheit vertiefte, umso mehr tauchte sie auch in die Welt und die Gesellschaft zu Michelangelos Zeit ein. Und das wiederum lieferte ihr den Schlüssel zur schon erwähnten Grabkammer, in der ein Teil der Werke aufbewahrt worden war. Die Kammer konnte nur von jenen geöffnet werden, die über das komplizierte Schlüsselsystem Bescheid wussten. Also wieder Michelangelos engste Vertraute, darunter Daniele da Volterra.

Aber warum dieser ganze Aufwand, fragt man sich. "Wir stellen uns diese Genies, egal ob Michelangelo, Leonardo da Vinci oder Raffael, immer in ihren Künstlerroben vor, wie sie friedlich vor sich hin werkeln", erzählt Salerno. "In Wirklichkeit lebten sie in einer äußerst gefährlichen Zeit, wo es von Spionen und Heuchlern nur so wimmelte. Wo sogar während des Konklaves ein Kardinal ermordet werden konnte."

Geheime Bruderschaften

Wie die Recherchen mittlerweile ergeben haben, ging zumindest ein Teil des Plans dank der Bruderschaft des Allerheiligsten Gekreuzigten auf. "Die Bruderschaften kann man mit den Freimaurern vergleichen. Und wie diese agierten auch sie zum Teil im Untergrund", erklärt Salerno. Es handelte sich also um verborgene Machtzentren, zu denen Politiker, Geistliche, Künstler und Handelsleute zählten. "In manchen Fällen waren es aber auch eng verbundene Freundschaftskreise" hebt sie hervor, die sich, wie im Fall Michelangelos, schützend vor seinem Nachlass stellten.

Die Entdeckung, dass der Maestro und seine Freunde alle derselben Bruderschaft angehörten, ermöglichte eine wichtige Wende in der Recherche. Entscheidend war dabei die Figur des Notars. "Er war es, der das Inventar nach Michelangelos Tod beglaubigte, später dann das Testament von Daniele da Volterra, der 1566 starb. Und er selbst arbeitet 30 Jahre lang für die Bruderschaft", erklärt Salerno. Weiter fand sie im Staatsarchiv in Rom zwei Dokumente zu dem Öffnungsmechanismus der besagten Grabkammer, die auch der Notar unterzeichnet hatte.

Wie Salernos Recherchen ergaben, führte die Kammer zu Daniele da Volterra genauso wie die kleine Skizze, von der am Anfang die Rede war und die am 5. Februar bei Christie's in London für umgerechnet 27 Millionen US-Dollar versteigert wurde. Dargestellt war der Fuß der Libyschen Sybille.

Das renommierte Auktionshaus hatte Sachverständige mit der Untersuchung beauftragt. Und diese waren zu dem Schluss gekommen: Die kraftvolle Linienführung konnte nur von Michelangelo sein. Und auch sie stießen bei der Rückverfolgung der Besitzer auf Daniele da Volterra.

Für Salerno war das einerseits natürlich eine wichtige Bestätigung ihrer weitaus detaillierteren Spurensuche. Andererseits überlässt sie wiederum den Experten die Stilanalysen. Jetzt heißt es abwarten, ob weitere Werke des Maestros wieder ans Tageslicht kommen.

Quelle: ntv.de

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