Panorama

Immer mehr Opfer an OdenwaldschuleMissbrauch mit System

17.12.2010, 18:02 Uhr
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Der Bericht kann nur ein vorläufiger sein. Immer wieder meldeten sich Opfer, heißt es. (Foto: dapd)

An der für ihre Reformpädagogik bekannten Odenwaldschule gab es über Jahrzehnte hinweg sexuellen Missbrauch - und zwar mit System, wie zwei unabhängige Aufklärerinnen meinen. Ihr Abschlussbericht nennt Zahlen und beschreibt das Leiden der Opfer.

Ein Ende der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule scheint nicht in Sicht. Ein Abschlussbericht zweier Juristinnen nennt inzwischen 132 Betroffene. Ende November war noch von 125 Opfern die Rede gewesen. "Es werden sich immer noch Betroffene melden", sagte die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller bei der Vorstellung eines vorläufigen Abschlussberichts im Heppenheim (Hessen). Die sexuellen Übergriffe von einigen Lehrern auf Schüler hätten "System" gehabt.

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Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller bei der Vorstellung des Berichts. Im Hintergrund Brigitte Tilmann. (Foto: dpa)

Der Skandal war Anfang März erneut an die Öffentlichkeit gekommen, als die Schule ihre Feiern zum 100. Geburtstag vorbereitete. Der Missbrauch liege zwar meist Jahrzehnte zurück. Das für seine Reformpädagogik bekannte Elite-Internat sei aber "ein Nest von Pädophilen gewesen, die sich die Klinke in die Hand gegeben haben. Es gab eine Art Staffelübergabe", sagte Burgsmüller. Den früheren Schulleiter Gerold Becker, der von 1969 bis 1985 an dem Privatinternat arbeitete, bezeichnete sie als "einen Weltmeister der Vernebelungsstrategie". Der inzwischen gestorbene frühere Schulleiter wird mit rund 90 Opfern in Verbindung gebracht.

Tatzeitraum seien vor allem die Jahre 1965 bis 1985 gewesen, sagte die frühere Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, Brigitte Tilmann. Von den Betroffenen seien 115 Jungen gewesen, meist im Alter zwischen 11 und 14 Jahren, sowie auch 17 Mädchen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen etwa ein Dutzend Lehrer, stellte die Verfahren aber meist wegen Verjährung ein.

Schule will eine Stiftung gründen

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Das Image der Odenwaldschule ist schon lange nicht mehr unbefleckt. (Foto: dpa)

In den vergangenen neun Monaten hatte die Reformschule heftige Turbulenzen erlebt. Es gab Streit und Rücktritte im Vorstand, unter anderem wegen der Frage, wie die Opfer entschädigt werden sollen. Nun soll eine Stiftung gegründet werden. Die Odenwaldschule will dabei auch mit der Betroffenen-Organisation "Glasbrechen" zusammenarbeiten.

Die Odenwaldschule zählt zu den bekanntesten Einrichtungen der Reformpädagogik in Deutschland. Auf der Liste ihrer ehemaligen Schüler stehen bekannte Namen. Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, die TV-Moderatorin Amelie Fried, der Schriftsteller Klaus Mann und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Quelle: dpa

Sexueller MissbrauchOdenwaldschule