Panorama

Der blutrote Rio DoceOpfer der Mariana-Tragödie klagen an

05.11.2016, 11:37 Uhr
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Die Spuren der Katastrophe sind noch immer sichtbar. (Foto: dpa)

Vor einem Jahr wird Brasilien von seiner wohl schlimmsten Umweltkatastrophe erschüttert. In einem Eisenerzbergwerk bricht ein Damm, 19 Menschen sterben, der Rio Doce kontaminiert. Ein Jahr später wächst vor Ort die Wut - weil das versprochene Geld nicht fließt.

Welidas Montero hat die Bilder nicht vergessen. Er kam gerade zurück in sein Dorf Bento Rodrigues im Bundesstaat Minas Gerais, als er eine riesige Schlammlawine sah, die sich durch den Ort wälzte. "Ich flüchtete diese Straße entlang", erzählt der 32 Jahre alte Bauer ein Jahr später, mit der Hand gestikulierend. Für seine fünfjährige Nichte kam jede Hilfe zu spät. Emanuelly Vitoria ist eines von 19 Todesopfern der wohl schlimmsten Umweltkatastrophe in Brasiliens Geschichte.

Was war passiert an jenem 5. November 2015? Bei der "Tragödie von Mariana" kommt es in einem Eisenerzbergwerk zu einem Dammbruch in einem Rückhaltebecken. Eine riesige Welle mit Schlamm und schädlichen Stoffen ergießt sich in angrenzende Ortschaften und kontaminiert den Fluss Rio Doce ("Süßer Fluss") auf 650 Kilometern Länge, bis in den Atlantik fließt die Brühe. Die Farbe: Blutrot. Insgesamt sollen 35 Milliarden Liter an Rückständen abgeflossen sein. Das Bergwerksunternehmen Samarco gehört dem brasilianischen Konzern Vale und dem australisch-britischen Konzern BHP.

Jüngst wurden 21 Anklagen gegen verantwortliche Manager erlassen. Ihnen drohen bis zu 54 Jahre Haft. Der Hauptvorwurf: In den Vorjahren habe es Probleme und Warnungen gegeben, dass der Damm instabil sei. Die damalige Staatspräsidentin Dilma Rousseff wetterte: "Das unverantwortliche Handeln eines Unternehmens hat die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens verursacht". Es wurde ein Schadenersatz von ca. 5,5 Milliarden Euro vereinbart. Doch viel ist noch nicht geflossen.

Gift floss kilometerweit

Die Schlammmassen zerstörten die Felder in Bento Rodrigues und raubten die Lebensgrundlage. Heute ist es eine Geisterstadt, hier lebt niemand mehr. Die ganze Dimension wird klar, wenn man sich mit dem Fischer José de Fátima unterhält, der hunderte Kilometer weiter flussabwärts lebt. "Nachdem wir von dem Dammbruch gehört hatten, waren wir sofort sehr besorgt", erinnert er sich. "12 bis 15 Tage später kam das Ganze bei uns an. Der Fluss hatte praktisch die Farbe von Blut." Er weint, als er bei einer Veranstaltung der "Bewegung der Betroffenen" wieder davon erzählt. Tausende verloren hier alles - bis heute. Häuser und Arbeit.

Samarco musste die Arbeit einstellen. Das Problem: Die Region war in hohem Maße davon abhängig. "Über 80 Prozent unserer Wirtschaft hingen bisher von der Minenindustrie ab", sagt Geraldo Gonçalves, Präsident der örtlichen Unternehmervereinigung ACIAM - die 300 Händler und Unternehmer zählende Vereinigung fordert: "Bleib hier Samarco". So sind trotz des Desasters in der strukturschwachen Gegend auch Slogans zu sehen wie: "Samarco ja, Arbeitslosigkeit nein." In Mariana, wo das Bergwerk steht, sind von 60 000 Einwohner 12 000 als arbeitslos registriert, berichtet Gonçalves - über 20 Prozent. Zugleich betont er mit Blick auf die Verwüstungen und Opfer, dass Samarco seiner finanziellen Verantwortung gerecht werden muss. Aber bisher gibt es keine Pläne, hier bald wieder Erz zu fördern.

Immerhin bekommen dutzende Fischer und Bauern inzwischen monatliche Ausgleichszahlungen und die Bewohner von Bento Rodrigues wurden temporär nach Mariana umgesiedelt. Aber Viele gehen auch leer aus - daher der Vorwurf, Samarco stehle sich aus der Verantwortung. "Im Vorfeld wurde viel geredet, dass Entschädigungen geleistet werden, aber sie kommen in der Basis nicht an", kritisiert der Brasilien- Vertreter des deutschen Hilfswerks Misereor, Stefan Kramer. "Es werden große Versprechungen gemacht, die nicht umgesetzt werden", meint Kramer.

Einer dieser leer Ausgegangenen ist Manoel Marcos Munize, 53 Jahre. Sein Haus in Bento Rodrigues gibt es nicht mehr. Sein Arbeitgeber für 29 Jahre: Samarco. Ein Jahr vor der Tragödie ließ er sich pensionieren, jetzt kämpft er um sein Recht. Vielleicht hätten sie ihn nicht berücksichtigt, weil er noch ein zweites Haus in Mariana habe. Aber er kann Samarco nach einem Jahr der immer neuen Ausreden und Entschuldigungen einfach nicht mehr glauben. "Sie lügen zu viel."

Quelle: ntv.de, Isaac Risco, dpa

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