Panorama

Oktoberfest in Pandemie-Zeiten Wie Volksfeste die Corona-Zahlen anheizen

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Feiern wie früher ohne Abstand und Maske: Blick in eines der 17 Festzelte auf dem Münchner Oktoberfest.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Die Münchner Wiesn läuft, in den Bierzelten auf dem Oktoberfest wird ausgelassen gefeiert - ohne Abstand, Masken und Corona-Sorgen. Ist die Pandemie in Bayern schon vorbei? Das weltgrößte Volksfest mutiert zum riesigen Corona-Feldversuch.

Nach zwei Jahren pandemiebedingter Zwangspause wird auf der Münchner Theresienwiese wieder gefeiert. Trotz des schwelenden Infektionsgeschehens findet das Oktoberfest, das größte Volksfest der Welt, in diesem Jahr wie geplant ohne pandemiebedingte Einschränkungen statt. Verbindliche Vorsichtsmaßnahmen für Besucher gibt es nicht, auch nicht im Inneren der 17 Festzelte, wo erfahrungsgemäß das größte Gedränge herrscht.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach im Vorfeld der Eröffnung am 17. September von einem Fest der "Freude und der Freiheit", räumte zugleich aber ein, dass mit anziehenden Fallzahlen zu rechnen sei. "Wahrscheinlich wird die Zahl der Infektionen steigen, das ist die Erfahrung der bisherigen Feste", erklärte der CSU-Chef vor dem Auftakt am vergangenen Wochenende.

Hinweis: Die ntv.de Infografiken werden laufend aktualisiert.

Zur 187. Münchner Wiesn werden bis zum 3. Oktober wieder Millionen von Gästen aus aller Welt erwartet. Über allem jedoch schwebt die Sorge, das sich das ausgelassene Treiben zu einem riesigen Super-Spreading-Event entwickeln könnte. Söder versuchte diese Sorge zu zerstreuen: "Gleichzeitig messen wir aber zum Glück nirgends eine übermäßige Belastung der Krankenhäuser", betonte er. "Das spricht dafür, dass wir bei Corona in einer neuen Phase sind."

In den offiziellen Corona-Fallzahlen für München sind etwaige Ansteckungen im Zusammenhang mit dem Oktoberfest naturgemäß noch nicht erkennbar. Bei einer mittleren Inkubationszeit von etwa vier Tagen wäre mit größeren Ausschlägen in den Pandemie-Daten erst dann zu rechnen, wenn die von Festbesuchern ausgehenden Infektionsketten ins weitere persönliche Umfeld vorgedrungen sind - und sich Familienangehörige, Bekannte und Arbeitskollegen angesteckt haben.

Corona-Testlauf Rosenheim

Außerdem zeigen die offiziellen Daten nur die amtlich bekannt gewordenen und per Labortest nachgewiesenen Coronavirus-Infektionen. Bekanntermaßen entwickelt längst nicht alle Infizierten Symptome. Und nicht alle Erkrankten lassen sich auch testen. Mit dem weitgehenden Wegfall der Testpflichten ist die Fallerfassung noch lückenhafter geworden als zuvor. Und noch wichtiger: Ansteigende Inzidenzwerte führen nicht mehr zwangsläufig zur Überlastung des Gesundheitssystems. Entscheidender sind Anzahl der schweren Verläufe und Todesfälle.

Mit seiner optimistischen Einschätzung zur Corona-Lage kann sich CSU-Politiker Söder tatsächlich auf gewisse Erfahrungswerte stützen. In den vergangenen Wochen und Monaten fanden bereits an verschiedenen Orten in Bayern größere Volksfeste statt. Ohne Corona-Auflagen gefeiert wurde unter anderem bereits auf der Bergkirchweih in Erlangen Ende Mai oder auf dem Gäubodenfest in Straubing und dem Herbstfest in Rosenheim Ende August.

An all diesen Orten schnellten die Fallzahlen anschließend steil in die Höhe - in Rosenheim zum Beispiel setzte der Anstieg rund eineinhalb Wochen nach dem Beginn der "stillen Wiesn" ein. Stadt und Landkreis wiesen kurz darauf Inzidenzwerte von weit über 1000 auf, die Zahl der schweren Covid-Fälle stieg jedoch nicht annähernd so steil an wie in den Pandemiewellen der Vorjahre. Auch Straubing und Erlangen verhielt es sich ähnlich: Die Lage in den Kliniken blieb beherrschbar. Probleme bereiteten jedoch die Ausfälle durch infiziertes Personal.

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Ist die Zeit also reif für sorgenfreies Feiern? Liefert das Oktoberfest der deutschen Pandemiepolitik ein Beispiel, wie sich "mit dem Virus leben" lässt? Experten sehen den Drang nach Normalität und "Freiheit" skeptisch. Kein einziges der von Söder als Beispiel genannten Volksfeste reicht bei den Besucherzahlen auch nur annähernd an die Münchner Wiesn heran. Und kein anderes Volksfest zieht so viel Publikum aus dem Ausland an.

"Eines ist klar", gab Florian Geyer, der Leiter des Gesundheitsamts Miesbach in Oberbayern, im "Münchner Merkur" mit Blick auf das Münchner Oktoberfest zu bedenken: "Ein Bierzelt kann man nicht ausreichend belüften. Und es ist ein internationaler Treffpunkt - beste Voraussetzungen also für das Virus, sich zu verbreiten, zu mutieren und sich zu verändern. Ob und wie es das tun wird, können wir nicht vorhersehen."

Quelle: ntv.de

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