Panorama

Austauschschüler erschossen Prozess um Tod von Diren D. beginnt

Als Schüler in den USA wollte Diren D. Sprache und Kultur des Landes kennenlernen. Bei dem unter Jugendlichen beliebten "Garagen-Hopping" erschießt ihn ein Nachbar. Ob Vorsatz oder kalkulierter Mord entscheidet jetzt ein Gericht.

Für die einen war es kalkulierter Mord, für die anderen Notwehr: Sieben Monate nach den tödlichen Schüssen auf einen deutschen Austauschschüler im US-Bundesstaat Montana muss sich ein Hausbesitzer vor dem Bezirksgericht von Missoula verantworten. Die Anklage gegen den 30-jährigen Markus K. lautet auf vorsätzliche Tötung. Er soll den 17-jährigen Hamburger Diren D. in der Nacht zum 27. April in seine Garage gelockt und ihn willkürlich erschossen haben. Der Prozess ist auf drei Wochen angesetzt. Der Ausgang ist völlig offen.

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Die Anwälte des Angeklagten wollen sich auf die Castle- Doktrin berufen: Demnach dürfen Hausbesitzer tödliche Gewalt anwenden, sobald sie um ihr Leben fürchten.

(Foto: picture alliance / dpa)

In der fraglichen Nacht war Diren D. zusammen mit einem anderen Austauschschüler aus Ecuador zu Fuß in der Nachbarschaft unterwegs. Sie hätten sich gelangweilt, und Diren sei auf der Suche nach etwas zu trinken in die offene Garage gegangen, sagte Robby P. der Polizei. Der Hausbesitzer und seine Lebensgefährtin hatten eine Videokamera installiert, mit der sie den Eindringling beobachteten. Markus K. nahm seine Schrotflinte und feuerte viermal, während Robby P. zum Haus der Gasteltern von Diren D. rannte, um sie zu benachrichtigen.

Beliebtes Garage-Hopping

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft lauerte K. geradezu darauf, einen Eindringling zu erwischen. Das Klauen von Bier, auch als Garage-Hopping bekannt, war bei Teenagern in Missoula ein beliebter Zeitvertreib, und auch Diren D. war nach Angaben von Robby P. schon mit von der Partie gewesen. Nachdem bei K. mehrfach eingebrochen worden war, soll er beim Frisör erklärt haben, er brenne darauf, auf eines der Kids zu schießen. Mittlerweile hat ein 18-Jähriger gestanden, dass er einen der Einbrüche beging und dabei zusammen mit einem 16-Jährigen den Marijuana-Vorrat von K. und eine Brieftasche aus der Garage stahl.

K. bestreitet, dass er Wertsachen in der Garage deponierte, um einen Eindringling anzulocken. Statt kühl zu kalkulieren, sei er verängstigt gewesen, sagt sein Anwalt Paul Ryan. "Er schoss, weil er glaubte, nur so sich selbst und potenziell seine Familie schützen zu können." Mittlerweile hat K. fünf Anwälte unter Vertrag, die Diren D.s Vergangenheit durchleuchtet haben. Sollte die Staatsanwaltschaft den Schüler als Unschuldslamm darstellen, dann werde die Verteidigung dagegen halten, sagt Ryan. "Aber eigentlich tut das nichts zur Sache, denn ob Chorknabe oder Verbrecher, wir wussten ja in der fraglichen Nacht nicht wer der Eindringling war."

Verwandte kommen zur Hauptverhandlung

Die Anwälte wollen sich im Prozess auf die Castle-Doktrin berufen, laut der Hausbesitzer in Montana und vielen anderen US-Bundesstaaten tödliche Gewalt anwenden dürfen, sofern sie vernünftigerweise um Leib und Leben fürchten. Sie sind dann nicht verpflichtet, erst die Polizei zu rufen. Die Staatsanwaltschaft betrachtet die Castle-Doktrin in diesem Fall allerdings als irrelevant.

Der Vorsitzende Richter Ed McLean führte das Verfahren bisher mit harter Hand. Dreimal lehnte er Gesuche der Verteidiger ab, den Prozess an einen anderen Ort zu verlegen. Die Universitätsstadt Missoula mit 70.000 Einwohnern ist als liberales Pflaster bekannt. McLean strafte auch die Lokalzeitung dafür ab, berichtet zu haben, dass K. in seiner Heimatstadt Seattle wegen Körperverletzung aktenkundig ist. Der Prozess beginnt mit der Geschworenenauswahl. Zur Hauptverhandlung werden auch Familienangehörige von Diren D. und Markus K. sowie eine Vertreterin des Generalkonsulats von San Francisco erwartet.

Quelle: ntv.de, jki/AFP