Täter, Opfer, viele FragenPsychologische Abgründe
Das Martyrium von Elisabeth F. und ihren Kindern im österreichischen Amstetten hinterlässt bei vielen Menschen ein Gefühl des Grauens und der Ratlosigkeit. Selbst Psychologen suchen nach Erklärungen für eine solch monströse Tat und nach Wegen, den Opfern in ein neues Leben zu helfen.
Das Martyrium von Elisabeth F. und ihren Kindern im österreichischen Amstetten hinterlässt bei vielen Menschen ein Gefühl des Grauens und der Ratlosigkeit. Die Menschen sind wütend und stellen immer wieder die gleiche Frage: Wie konnte es geschehen, dass der inzwischen 73-jährige geständige Vater seine Familie, Nachbarn und Behörden 24 Jahre lang über den wahren Aufenthaltsort seiner Tochter täuschen konnte? Warum hat niemand etwas gemerkt? Hat sich wirklich niemand außer dem Täter etwas zuschulden kommen lassen? Was ist der Täter nur für ein Mensch?
Psychologe Peter Gross gibt bei n-tv zu bedenken: "Man muss hier mit Blinddiagnosen sehr vorsichtig sein." Beim Täter Josef F. habe es aber offenbar eine brisante Mischung gegeben, "nämlich auf der einen Seite eine Aggressivität und eine mangelnde emotionale Kontrolle, die bei ihm vorliegt und ein mangelhaft kontrollierter Sexualtrieb." Diese Mischung habe dann zu einer solch unvorstellbaren Tat geführt. "Der Täter wird uns ja auch als dominant geschildert, sozusagen als Patriarch innerhalb der Familie. Er hat ja nun wirklich in der Tat eine Groß-Familie zu managen gehabt."
Nicht nur Psychologen haben erhebliche Zweifel an der Darstellung, dass weder die heute 69 Jahre alte Ehefrau, noch die sechs Geschwister von Elisabeth F. oder Nachbarn nichts von dem jahrelangen Missbrauch mitbekommen haben. Gross verweist in diesem Zusammenhang auf die Fähigkeit des Täters, ein Doppelleben zu inszenieren: "Dazu gehört erstmal eine gewisse Intelligenz und Organisationstalent. Das hat er offensichtlich, das ist ja wirklich eine schwierige Aufgabe, die er da gelöst hat."
Josef F. hatte sich ein Netz aus Lügen und Tricks gewoben, aus dem es für ihn keinen Ausweg mehr gab. "Das war natürlich auch für ihn eine enorme Belastung, aber er hat es ja offensichtlich hingekriegt. Es zerreist ihn in gewisser Weise, also muss er innere Strukturen schaffen, sich innerlich rechtfertigen, damit er das überhaupt aushalten kann und sich nicht verplappert. Er muss sich natürlich auch gegenüber seiner Tochter rechtfertigen, die ihn sicherlich häufig gefragt hat: 'Warum machst du das mit uns?' Und da legt er sich mit der Zeit sozusagen einen Schutzmantel zu, mit dem er das dann alles durchhält und aushält."
Elisabeth F. und fünf ihrer Kinder sind seit Samstagabend in der Obhut von Psychologen und werden medizinisch betreut. Noch ist vollkommen unklar, welche körperlichen und seelischen Schäden sie erlitten haben und welches Leben sie künftig führen können. Isabella Heuser Psychotherapeutin an der Charite Berlin, vermutet, dass eine Therapie nicht für alle Opfer gleichermaßen heilsam sein wird. "Der Erfolg hängt etwas von dem Alter derjenigen ab, die hier betroffen sind," sagte Heuser bei n-tv. "Ich glaube, die Mutter, also die 42-Jährige, die über 24 Jahre dieses Martyrium ertragen musste, wird es sehr schwer haben, wieder in das normale Leben zurückzukommen. Der fünfjährige Sohn wird es vielleicht etwas leichter haben, weil er eben nur -in Anführungsstrichen- fünf Jahre in dieser Isolation leben musste. Die 18- und 19-jährigen Töchter werden ebenfalls sicherlich Jahre brauchen bis sie bei behutsamer Psychotherapie und Wiedereingliederung zurückfinden in ein einigermaßen normales Leben."
Heuser ermutigt angesichts der Medienpräsenz des Falles Eltern auch mit ihren Kindern über ein solches Verbrechen zu sprechen: "Kindern sollte man einfach sagen: Ja, es gibt böse Menschen. Die haben die Kinder einfach eingesperrt über viele, viele Jahre. Das ist natürlich schrecklich. Stell dir vor wie das wäre, wenn du nicht Fußball spielen könntest, wenn du nicht Skateboard fahren könntest, wenn du nicht zur Schule gehen könntest, nicht mit deinen Freunden spielen könntest. Aber jetzt sind die Kinder in Sicherheit, jetzt wird denen geholfen werden. Jetzt wird alles gut."