Panorama

Epidemiologe Ulrichs bei ntv "Risiko ist geringer, aber nie bei null"

2f9b198c4ac11228ed0e74107f844079.jpg

Noch gilt die Maskenpflicht an vielen Orten in Deutschland auch im Freien.

(Foto: imago images/Ralph Peters)

Ist Corona "vorbei"? Umfragen belegen, dass ein großer Teil der Deutschen dies annimmt. Dass sich die Menschen bei sinkenden Infektionszahlen sicher fühlen, kann Epidemiologe Timo Ulrichs verstehen. Doch die Gefahr sei noch nicht gebannt. Auch auf die Maske sollte man derzeit noch nicht ganz verzichten.

ntv: Laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Risikoforschung steigt bei sinkenden Infektionszahlen das Sicherheitsgefühl der Deutschen. 62 Prozent der Befragten denken, sie können das Ansteckungsrisiko jetzt kontrollieren. Steckt da auch eine Portion Leichtsinn drin?

Timo Ulrichs: Nein, das ist ja eine völlig normale Geschichte, dass man, wenn der Infektionsdruck sinkt, ein Sicherheitsgefühl hat - was völlig berechtigt ist. Denn das Risiko, dass man sich noch ansteckt, wird tatsächlich geringer. Aber man muss ja immer noch bedenken: es ist nie bei null. Die Viren, die noch zirkulieren, können auch jetzt in dieser abklingenden Phase immer noch krank machen oder weiter übertragen werden. Aber das Gefühl trügt ja nicht, denn wir sehen an den Zahlen, dass wir jetzt so langsam aus dieser dritten Welle herauskommen und die Lage jetzt allmählich wieder gut in den Griff bekommen.

Glauben Sie, dass durch dieses Sicherheitsgefühl die Impfmüdigkeit zunimmt?

ulrichs.PNG

Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Das ist ein generelles Phänomen, das man beim Impfen beobachtet, auch bei klassischen Impfungen im Kindesalter - also Masern, Mumps und Röteln. Dass man das weniger stark nachhält, weil man diesen Druck gerade nicht verspürt. Die Krankheiten sind ganz gut unter Kontrolle durch die Durchimpfung in der Bevölkerung. So etwas könnte hier auch auftreten, aber es gibt ja sehr viele Argumente und äußere Umstände, die doch dazu führen werden, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Wir haben ja alle gelernt in diesen letzten Monaten, wie schlimm die Krankheit ist und dass man mit dem Impfschutz wieder Stück für Stück Normalität zurückbekommen kann.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Menschen sagen: Corona ist jetzt so gut wie vorbei, ich lasse meine Zweitimpfung sausen?

Das könnte sein. Das wäre sehr gefährlich und würde uns weit von dem Ziel der Herdenimmunität wegbringen. Erst dann wird es richtig sicher und wir können ausschließen, dass wir nochmal in einen weiteren Lockdown gehen müssen. Erst die zweite Impfung bringt den vollständigen Immunschutz. Wir sehen das auch an den ersten Daten bezüglich der Delta-Variante.

Viele Menschen wünschen sich, gerade bei diesen hohen Temperaturen, dass sie nicht weiter Maske tragen müssen. Können wir schon auf Masken verzichten?

Da lohnt ein Blick nach Großbritannien: Dort hat man etwas früher die dritte Welle beenden können und ist dann in Lockerungen gegangen. Dann kam aber eben die Delta-Variante aus Indien und hat sich ziemlich schnell ausgebreitet. Deswegen sollte man noch ein Minimum an Sicherheitsmaßnahmen durchhalten, das gilt vor allen Dingen auch dann, wenn man die Abstände nicht richtig einhalten kann, also auch in Innenräumen. Da wäre das Tragen von Masken weiterhin sehr sinnvoll.

Und im Außenbereich?

Das kann man ganz gut und sicher sagen, dass im Außenbereich die Masken durchaus nicht getragen werden müssen. Wobei man auch dort unterscheiden muss: Bei Spaziergängen oder Bewegung im Freien ist es sehr ungefährlich. Wenn man allerdings im Außenbereich der Gastronomie sitzt, möglicherweise in einem halboffenen Partyzelt, also der Luftaustausch behindert ist, dann ist es fast so wie im Innenbereich. Da sollte man auch etwas vorsichtiger sein.

In einigen Bundesländern müssen Schülerinnen und Schüler im Unterricht jetzt keine Maske mehr tragen. Kommt das zu früh?

Es hängt auch ein bisschen von dem Hygienekonzept ab, das die Schule hat. Wenn immer gut dafür Sorge getragen wird, dass die Gruppen zusammenbleiben und man sich auf den Gängen wenig begegnet, ist das gut. Wenn die Lehrkraft dann auch schon geimpft ist, hat man noch eine zusätzliche Sicherheit. Denn die spricht ja in der Regel am meisten und bringt Aerosole aus. Und wenn dann noch das Lüftungskonzept in Ordnung ist, kann man das riskieren. Denn um die Schulen herum herrscht jetzt ja eine gewisse Sicherheit, weil wir so niedrige Fallzahlen haben und wir immer noch vorsichtig sind in den anderen Bereichen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.