Panorama

"Gesicht zeigen!" Schröder stellt überfälliges Projekt vor

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"Gesicht zeigen!": Eine Ausstellung in den S-Bahnbögen am Bahnhof Bellevue in Berlin.

Alltagsrassismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, meint Altkanzler Schröder. Die Initiative "Gesicht zeigen!" will helfen, das zu ändern.

Die Züge, die in kurzen Abständen über die Köpfe der Anwesenden hinwegdonnern, erinnern daran, dass man sich in den S-Bahnbögen am Bahnhof Bellevue in Berlins Stadtteil Tiergarten befindet. Die Deutsche Bahn als Eigentümerin hat die Ausstellungsräume kostenlos zur Verfügung gestellt. Für eine Initiative, die eigentlich unbezahlbar ist: Jugendlichen soll der Zugang zu einem Geschichtsverständnis ermöglicht werden, das sie die Gegenwart verstehen und die Zukunft meistern lässt.

Schirmherr, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, weist darauf hin, dass Antisemitismus und Alltagsrassismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Es geht den Initiatoren darum, anhand der Darstellung von heutigen Alltagssituationen deutlich zu machen, was der deutsche Faschismus bedeutete. Dieses "bislang ambitionierteste Projekt der Stiftung" (Schröder) sei keine museale Ausstellung, sondern ein "Trainingsplatz für Toleranz, Zusammenhalt und Respekt".

Abschreckende Methoden der Nazis

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Sport ist gesund, aber nicht auf diese Weise. 15.000 Berliner Schüler 1936.

Die Ausstellung, die keine sein will, erstreckt sich über sieben spartanisch eingerichtete Räume, in denen Methoden bloßgestellt werden, die der Faschismus nutzte, um sich Menschen gefügig zu machen. So ein Foto, das eine Massensportveranstaltung zeigt, auf der insgesamt 15.000 gleich gekleidete Jungen Liegestütze machen. Sport ja, so ergaben Testbesuche von Schülern, aber als Ausdruck von Freude, nicht zur Einordnung in eine graue Masse.

Eindrucksvoll der Film, der über diese Besuche gedreht wurde. Da wird ein völlig verwüstetes, zeitgenössisches Jugendzimmer gezeigt. Dazu die Erklärung, dass so ein Zimmer eines Mädchens aussah, nachdem die Nazis die Wohnung ihrer kommunistischen Eltern auf Waffen durchsucht hatten. Frage der Moderatorin: Was würdest Du dazu sagen, wenn Dein Zimmer so aussähe?

Initiative für andere Städte überfällig

Die Ausstellung wird bis Oktober in Berlin gezeigt. Ex-Kulturstaatsminister und jetziger Chefredakteur des Politmagazins "Cicero" hofft, dass Schulen möglichst regen Gebrauch von diesem kostenlosen Angebot machen. Uwe-Karsten Heye, erster Vorstandsvorsitzender der 2000 aus der Taufe gehobenen Stiftung, will, dass die Initiative auch in anderen Städten gezeigt wird. Er räumt ein, dass die Stiftung nicht ein Bildungssystem ersetzen kann, das die Lernenden offensichtlich nur unzureichend zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit befähigt. Schön wäre es, sagt der frühere Regierungssprecher, wenn Berlins Bildungssenator nach einem Besuch in den S-Bahnbögen am Bellevue auf der nächsten Kultusministerkonferenz eine entsprechende Initiative einbringen würde. Es wäre nicht nur schön. Es ist überfällig.  

Quelle: ntv.de

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