Panorama

Die Funk-Chronik der Katastrophe in Duisburg So eskalierte die Loveparade

32824354.jpg

Tausende Raver drängen sich in und vor dem Tunnel in Duisburg, in dem sich die Massenpanik ereignet hat.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zehntausende brechen am Morgen des 24. Juli 2010 auf. Sie wollen Spaß haben und zu elektronischer Musik feiern. Doch die Loveparade in Duisburg gerät zur Tragödie, 21 Menschen sterben. Die Funksprüche der Polizei dokumentieren nun, wie es zu dem Unglück kommen konnte.

Als alles beginnt, herrscht noch "Friede, Freude, Eierkuchen". Genau so heißt das Motto jenes Umzugs im Juli 1989, als etwa 150 Feierlustige über den Berliner Kurfürstendamm ziehen. Die Loveparade feiert eine überschaubare Premiere. Jahre später besuchen mehr als eine Million Menschen die Technoparade. Doch seit 2010 ruht die Geschichte des bis dahin meist jährlich stattfindenden Musikfestivals. Seit der Katastrophe in Duisburg ist die Loveparade auf unbestimmte Dauer ausgesetzt. Die Ereignisse, die sich damals auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs abspielten, sind bis heute unvergessen. Bei einer Massenpanik starben 21 Menschen, weitere 500 wurden verletzt.

Die Veranstalter stehen bis heute massiv in der Kritik, sie hätten das Musikfestival schlecht vorbereitet und die Ordnung der Besucherströme nicht professionell organisiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 15 Beschuldigte. Drei Jahre nach dem Unglück veröffentlicht die "WAZ" nun erstmals die Funksprüche der Polizisten. Die Auszüge dokumentieren die Hilflosigkeit der Sicherheitskräfte und den chaotischen Ablauf der Veranstaltung.

Großer Andrang an den Schleusen

Die Probleme zeichnen sich schon am Morgen des 24. Juli ab, kurz vor Beginn der 19. Loveparade. Um 9.54 Uhr bemerken die Beamten den eingeschränkten Funkverkehr. "Das ist interessant für den Notfallplan, also innerhalb des Tunnels ist keine Verbindung möglich" funkt 001 an Wedau 15. Bei den Ermittlungen stellt sich später heraus, dass die Organisatoren aus den Verständigungsproblemen jedoch keinerlei Konsequenzen gezogen haben.

22711524.jpg

Polizisten am 24. Juli 2010 in Duisburg auf der Loveparade an dem gesperrten Tunnel, in dem es eine Massenpanik gab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Laufe des Vormittags wächst der Zulauf am Haupteingang des Loveparade-Geländes. Doch während immer mehr Menschen herbeiströmen, verzögert sich der Einlass. Um 11.31 Uhr funkt Wedau 11: "Zugang zum Gelände verschiebt äh verzögert sich noch. 11 Uhr sollte Zugangszeit sein, offensichtlich gibt's da noch Probleme auf dem Gelände, wann jetzt endlich Zugang sein wird, ist noch nicht bekannt." Um 13 Uhr, eine Stunde nach dem Einlass, kommt es an einer Rampe bereits zu Schwierigkeiten. "Die Einlässe werden derzeit vom Ordnungsdienst geschlossen, weil der Andrang auf der Rampe zurzeit zu groß ist", teilt Jupiter 14/07 um 12.52 Uhr an Wedau 15 mit.

Mit der Schließung wollen die Sicherheitskräfte den Druck an der Rampe reduzieren. Kurz später werden die Eingänge wieder geöffnet, teilweise jedoch mit gedrosseltem Zustrom an den sogenannten Beeinflussungsanlagen. Um den Zugang zu begrenzen, wird der Einlass hier auf 120 Personen pro Minute reduziert. Das hat Folgen: Der Andrang nimmt zu. Weil der Druck der nachkommenden Besucher so groß wird, drohen einzelne Einlassstellen überrannt zu werden. Aus dem Einsatztagebuch der Polizei geht später außerdem hervor, dass mindestens acht Schleusen nicht besetzt waren.

"An der Sperrstelle Ost knallt es gleich"

41135549.jpg

Denkmal an der Unglücksstelle auf dem ehemaligen Loveparade-Gelände in Duisburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Um 13.49 Uhr sind die Probleme offenbar noch ungelöst. "Wir haben hier erheblichen Druck, die sollen alle Schleusen öffnen und nicht mehr kontrollieren", funkt Jupiter 2 an einen Kollegen. An der Westseite des Geländes fallen deshalb die ersten Zäune. Um kurz vor drei Uhr verschlimmert sich die Lage. Ursache dafür sind Rettungskräfte, die den Zugang erschweren, weil sie an den Menschenmengen vorbei zu verletzten Personen fahren. "Die müssen sich einen anderen Rettungsweg ausdenken", gibt ein Beamter um 14.47 Uhr über Funk durch. Minuten später fordert ein Kollege einen neuen Rettungswagen an. Der Grund ist "eine hilflose Person, unregelmäßiger Puls". Wegen des großen Andrangs schließen die Sicherheitskräfte kurze Zeit später wieder eine Einlassstelle. "Wir müssen hier den Druck rausnehmen, damit wieder der Kreuzungsbereich leerlaufen kann."

Immer wieder kommt es im Tunnel zu Staus, die ersten Besucher brechen zusammen. Um die Lage zu entspannen, sollen die Zulaufstellen Ost und West jeweils für zehn Minuten gesperrt werden. Doch die Strategie geht nicht auf. Während der Zugang stark frequentiert wird, wächst das Gedränge an den Schleusen. Mehrere Besucher reißen Zäune ein, klettern auf Mauern und versuchen sich so den Weg in Richtung Veranstaltungsgelände zu bahnen. Einige fliehen auf die nahe gelegene A59. "Verletzte Person, Fuß durchstochen beim Überklettern des Zauns", meldet ein Aufpasser. Um 15.58 Uhr warnt Jupiter 1/10: "An der Sperrstelle Ost knallt es gleich, wenn die Polizei nicht eingreift."

Das Problem mit dem Hubschrauber

Die Lage spitzt sich allmählich zu. "Wir brauchen jetzt unbedingt Sanitäter", funkt die Einsatzkraft mit der Nummer 31 um 16.01 Uhr und fordert: "Im vorderen Bereich muss unbedingt geöffnet werden, dass der Druck aus dem Kessel, aus dem Trichter abfließen kann." Doch die Versuche, den Zustrom zu dem Gelände zu entschärfen, schlagen fehl. Der Tunnel ist total überlaufen. Der Druck auf die Polizeiketten ist in einigen Bereichen so groß, dass die Sperren nicht gehalten werden können.

Über Funk gibt es jetzt immer mehr Meldungen von kollabierten und verletzten Besuchern. "Im Tunnel zur Rampe kommt es zu lebensbedrohlichen Situationen auf Grund des Drucks. Die Menschen werden an die Mauer gedrückt", meldet Jupiter 12/07 um 16.35 Uhr. Ein Krisenstab berät inzwischen. "Wir können den Zugang leer bekommen, wenn die Loveparade unterbrochen wird in dem südlichen Bereich", sagt der verantwortliche Polizeiführer. Über einen Polizeihubschrauber sollen Durchsagen an die Besucher gegeben werden. Die Feuerwehr schlägt vor: "Wenn da Panik entsteht, dann lieber die Autobahn aufgeben."

Doch die Musik ist zu laut, die Durchsagen sind nicht zu hören. Alle Hilfe kommt zu spät. Um 17.01 ruft ein Polizist den Notruf: "Wir haben hier eine tote Person, vielleicht auch zwei." Zwanzig Minuten später sind es schon 20 Tote. Einen der letzten Funksprüche verzeichnet das "WAZ"-Protokoll um 17.48 Uhr. "Es muss da aussehen wie auf dem Schlachtfeld", ruft einer der Sicherheitskräfte völlig außer sich: "Wann wird hier endlich die Musik ausgemacht?".

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen