Panorama

Covid-19 und die Statistik Sorgen müssen sich auch die Jüngeren

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Gerade in U-Bahnen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Ansteckungsgefahr hoch.

(Foto: REUTERS)

Mit das Unheimlichste am Coronavirus ist die Unsicherheit. Man sucht nach Gewissheiten und meint man, sie gefunden zu haben, werden sie schon wieder infrage gestellt. Zum Beispiel die Sache mit dem Patienten-Alter. Sterben gerade mehr Jüngere?

Gerade meldet Berlin die Corona-Toten Nummer drei und vier - einer von ihnen war ein 42-jähriger Mann. In New York stirbt eine 36-jährige Schuldirektorin. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass überwiegend Menschen zwischen 15 und 59 Jahren von der Lungenkrankheit Covid-19 befallen werden. Die Alten machen nur einen geringen Teil, etwa drei Prozent, aller Erkrankten aus. Aus Italien melden verzweifelte Lungenärzte, dass sie regelmäßig auch junge Leute unter den Opfern sehen. Moment mal, möchte man da einhaken - hieß es nicht immer, vor allem die Älteren seien vom Corona-Virus bedroht?

Es ist eines dieser Beispiele, wie richtige Grundannahmen, ein Haufen zwar richtiger, aber auch verwirrender Statistiken und ein kräftiger Schuss Unsicherheit sich zu einem Gebräu vermischen, aus dem Missverständnisse und Fehleinschätzungen heraussuppen. Denn die oben genannten Zahlen stimmen zwar alle und widersprechen sich auch nicht. Man muss sie nur richtig verstehen. Schauen wir uns die Zahlen noch einmal an.

Das RKI hat mittlerweile 114 Todesfälle in Deutschland ausgewertet. 69 Prozent der Verstorbenen waren 80 Jahre oder älter. Der Altersmedian lag bei 83 Jahren - das bedeutet, dass die eine Hälfte der Opfer älter, die andere jünger war. Eine klarere Sprache könnten die Zahlen kaum sprechen: Die Älteren schweben in der größten Gefahr. Auch in Italien verhält es sich so. Wie eine Auswertung vom Wochenende zeigt, ist dort das Durchschnittsalter der Verstorbenen 78,5 Jahre. Der Anteil der unter 59-Jährigen liegt demnach unter 5 Prozent.

Es ist verführerisch

Auch der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité hat im NDR-Podcast ausgeführt, dass das Risiko, an Covid-19 zu sterben, ab dem Ruhestandsalter deutlich ansteigt. Drosten formulierte auch eine Vermutung, woran es liegt, dass jüngere Patienten sterben - die Lebensgefahr könnte steigen, wenn das Virus sich sofort in der Lunge einniste und nicht wie meistens zunächst im Rachen. Den Nachweis dafür könnte aber erst eine Studie bringen. Gefährlich für jüngere Patienten kann auch eine Überreaktion des Immunsystems werden.

Und so steht überall wahrheitsgemäß geschrieben, dass die Älteren am stärksten betroffen sind. Da heißt natürlich nicht, dass die Jüngeren sich in Sicherheit wiegen sollten. Denn es gibt ja auch noch die Sache mit den Vorerkrankungen - die gelten seit Längerem als wichtiger Risikofaktor. Gemeint sind etwa Bluthochdruck, Diabetes, Leber- oder Krebserkrankungen. Auch Raucher sind in erhöhter Gefahr, weil sie ihre Lungen schädigen und schwächen. Da ist es schon weniger überraschend, dass unter den Verstorbenen auch manch einer ist, für den das Ruhestandsalter noch in weiter Ferne lag. Auch das 42-jährige Opfer aus Berlin soll an einer Vorerkrankung gelitten haben, hieß es im "Tagesspiegel".

Und so ist es vielleicht nachvollziehbar, wenn manche sagen: "Das hat mit mir nichts zu tun". Ganz besonders, wenn man noch ganz jung ist. Die Jugend galt längere Zeit als besonders beratungsresistent, was das Social Distancing angeht. Verdrängung nennt das die Psychologie und wer wollte sich angesichts der gewaltigen Welle, die da auf uns zurollt, davon freisprechen? Selbst Drosten sagte im NDR, er sei nicht dagegen gefeit.

Wenn dann doch mal Jüngere sterben, rüttelt das auf - man guckt gleich umso genauer hin. Denn eigentlich geht man ja davon aus, es träfe nur die Älteren. Gerade deswegen berichten Journalisten darüber vielleicht ein wenig ausführlicher als über die nächsten 80-jährigen Verstorbenen. Tun sie das zu ausgiebig, kann es so wirken, als ob es doch häufiger vorkommt, als man dachte. Auch daran übte Drosten Kritik. Er sagte, die jüngeren Opfer seien in den Medien überrepräsentiert.

Quelle: ntv.de