Panorama

Zwangspause für die Clubszene Tanzen und feiern trotz Corona - geht das?

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"Dass in engen dunklen Kellerräumen viele Menschen über mehrere Stunden hinweg zusammenkommen, das wird erst wieder gehen, wenn ein Impfstoff auf dem Markt ist", glaubt Lutz Leichsenring von der Berliner Clubcommission.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Clubs und Diskos in Deutschland trifft die Corona-Krise besonders hart. Sie gehörten zu den Ersten, die schließen mussten und werden mit als Letzte wieder öffnen. Lutz Leichsenring von der Berliner Clubcommission verrät im Interview mit ntv.de, wie die Clubs und Veranstalter in Berlin mit der Krise umgehen, wann der Clubbetrieb weitergehen kann und wie die Krise die Clubkultur verändert.

ntv.de: Seit Wochen liegt das Nachtleben in Berlin und in ganz Deutschland auf Eis. Wie schlecht ist die Stimmung bei den Clubbetreibern?

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Lutz Leichsenring ist Pressesprecher der Berliner Clubcommission.

Lutz Leichsenring: Die Stimmung ist nicht generell schlecht, aber bei vielen wächst die Unzufriedenheit, weil die Situation so unklar ist und sie sich machtlos fühlen und nicht planen können. Viele haben aber auch Existenzängste. Das gilt für Clubbetreiber und Veranstalter, aber auch für die Booker, die Ton- und Lichttechniker, die Künstler - allen wurde gerade eine Art Berufsverbot auferlegt und niemand weiß, wie lange das noch so geht.

Was machen die Clubs jetzt, wo keine Gäste kommen?

Viele versuchen, sich und das Team bei Laune zu halten, mit kleinen Umbauten und Aktivitäten innerhalb des Clubs. Oder sie streamen DJ-Sets aus dem leeren Club ins Netz. Das hilft ein bisschen bei der Motivation.

Die Clubcommission hat zusammen mit einer Reihe von Berliner Clubs das Streaming-Format "United We Stream" mit angeschlossener Spendenplattform ins Leben gerufen. Einige Berliner Clubs haben eigene Crowdfunding-Kampagnen gestartet. Wie sehr helfen solche Projekte in der Krise?

Das Interview mit Lutz Leichsenring ist für unseren "Wieder was gelernt"-Podcast entstanden und gibt es auch zum Anhören. Die Ausgabe "Keine Party ohne Impfstoff" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Wir haben über "United We Stream" bisher insgesamt um die 500.000 Euro eingenommen. Weil aber auch zwischen 70 und 100 Clubs beteiligt sind, bleibt am Ende für den einzelnen nicht mehr viel übrig. In der ersten Auszahlung hat jeder im Schnitt 5000 Euro bekommen. Das ist also eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es hilft: Wir erleben Solidarität und bekommen Aufmerksamkeit in den Medien. Die eigenen Crowdfunding-Kampagnen einiger Clubs waren auch recht erfolgreich. Ich habe gehört, dass da insgesamt rund 1,5 Millionen Euro gesammelt wurden. Das ist schon ein beachtlicher Betrag, es reicht aber nicht, um die Clubs durch die Krise zu führen.

Wie hoch ist denn der Kostendruck der Berliner Clubs?

Wir haben die rund 280 Berliner Clubs und Veranstalter am Anfang der Krise mal gefragt, wie hoch ihre monatlichen Kosten sind. Da kam die erdrückende Zahl von rund 10 Millionen Euro pro Monat heraus. Die Mieten sind oft hoch, weil die bespielte Fläche so groß ist. Wenn Clubs selbst in einen Rohbau oder eine Ruine investiert haben, sind die Mieten vielleicht niedrig, aber Darlehen müssen zurückgezahlt werden. Ton- und Lichttechnik sind oft geleast und natürlich sind auch die Personalkosten hoch.

Wie viele Menschen arbeiten in der Berliner Clubszene?

Die 280 Clubs und Veranstalter haben rund 9000 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu kommen noch zahlreiche Minijobber, die bei sämtlichen Hilfsmaßnahmen durchs Raster gefallen sind. Und natürlich viele Freelancer, die mit den Clubs zusammenarbeiten und jetzt keine Arbeit haben - freie Tontechniker und Grafiker, aber eben auch Künstlerinnen und Künstler, die in den Clubs Lichtinstallationen und Performances machen.

In Berlin als Party-Hotspot sind die Clubs auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wie viel Geld spült das Nachtleben in die Kassen der Hauptstadt?

Die Umsätze der Clubs selbst sind im Vergleich mit anderen Branchen nicht groß. In unserer Clubkultur-Studie von 2019 kommen wir auf 170 Millionen Euro pro Jahr. Aber der indirekte Impulsfaktor der Clubszene ist hoch, zum Beispiel bei Übernachtungen, Einzelhandel, Transportmitteln … Die Touristen, die wegen der Clubs nach Berlin kommen, spülen jedes Jahr rund 1,5 Milliarden Euro in die Kassen der Stadt.

Ist es richtig, dass Clubs und Diskos schließen mussten? Kann es nicht auch ein "verantwortungsvolles Raven" geben, bei dem sich alle an die Kontaktbeschränkungen halten?

Das bezweifle ich. Ich würde nicht sagen, dass es völlig unwahrscheinlich ist, dazu ist die Clubszene zu vielfältig und zu einfallsreich. Aber generell verträgt sich das nicht gut. Dazu kommt: Auf Halblast fahren geht auch nicht. Die Kosten für eine Kulturproduktion sind gleich hoch, egal ob für 50 oder 500 Gäste. Und natürlich leidet auch die Stimmung darunter, wenn der Laden nicht richtig voll ist und die Menschen Abstand halten und die Hygieneregeln befolgen müssen. Menschen in einem Raum zu Musik und Performances zusammenbringen - das lässt sich schwer mit einer Viruspandemie vereinbaren.

Wie kann ein Wiedereinstieg in einen halbwegs geregelten Clubbetrieb überhaupt aussehen?

Wir sind nicht diejenigen, die vorpreschen und sagen: Wir müssen jetzt wieder anfangen zu feiern. Das ist auch nicht unsere Verantwortung und Aufgabe, das wissen Politik und Wissenschaft besser. Der erste Schritt ist, auf die Außenbereiche zu gehen. Ich glaube, dass kleine Veranstaltungen unter freiem Himmel mit Masken möglich sein können. Aber dass in engen dunklen Kellerräumen viele Menschen über mehrere Stunden hinweg zusammenkommen, das wird erst wieder gehen, wenn ein Impfstoff auf dem Markt ist.

Kommt das dicke Ende dann im Winter, wenn alle Außenbereiche zu sind?

Wir hoffen, dass es bis dahin einen Impfstoff gibt. Bisher sieht es ja so aus, dass das im Laufe dieses Jahres noch passieren kann. Das ist unsere größte Hoffnung, viel mehr bleibt uns nicht übrig.

Wird sich durch die Krise die Clubkultur verändern?

In der Anfangszeit werden internationale Künstler nicht so einfach reisen können. Die Szene wird also weniger international sein. Das könnte eine Chance sein für lokale DJs. Aber die Gagen werden wahrscheinlich auch sinken, weil deutlich weniger Touristen in die Clubs kommen und dann wichtige Einnahmen fehlen. Die Szene an sich wird sich aber nicht verändern. Das Tanzen, das Ausgehen, das Zusammenkommen mit Freunden und Gleichgesinnten, der soziale Austausch: Das ist ein wichtiger Bestandteil im Leben vieler Menschen. Das ist tief menschlich, und das wird sich auch nach Corona nicht verändern.

Mit Lutz Leichsenring sprach Johannes Wallat

Quelle: ntv.de