Panorama

Undercover-Recherche "Team Wallraff" findet verwahrloste Senioren

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Die Zustände sind in vielen Pflegeheimen trotz guter Noten schlecht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine gute Bewertung ist noch lange keine Garantie dafür, dass ein Pflegeheim wirklich gut ist. In seinem neuen Einsatz nimmt "Team Wallraff" zwei Heime mit Bestnoten unter die Lupe - mit erschütternden Ergebnissen.

Nach seinem Einsatz bei "Burger King", der bereits Konsequenzen nach sich zog, hat das Team Wallraff nun auch in deutschen Pflegeheimen recherchiert. Journalistin Pia Osterhaus bewarb sich dafür im Münchner Pflegeheim St. Josef. Das Heim wirbt damit, "dass die Bewohner je nach Bedürfnis betreut und gepflegt werden". Im Transparenzbericht erreicht das Heim mit 1,0 die Bestnote.

Doch Osterhaus findet alles andere als ein Musterpflegeheim vor. Ihr erster Eindruck ist vielmehr: Die Einrichtung hat zu wenig Personal und die Mitarbeiter haben viel zu wenig Zeit für die Bewohner. Als sie das Zimmer einer alten Dame betritt, um das Frühstück zu bringen, sitzt diese am Fußende ihres Bettes, nur notdürftig zugedeckt.

Osterhaus fragt, ob sie etwas tun kann. Und die Frau antwortet: "Ich sitze seit heute früh um 6 in einem nassen Bett. Könnten Sie mir helfen?" Osterhaus fragt: "Ist alles nass?" "Pitschnass", lautet die Antwort der Frau, die also seit drei Stunden auf Hilfe wartet.

Wenige Minuten für jeden

Ein Einzelfall scheint das nicht zu sein. "In einigen Zimmern riecht es so stark nach Fäkalien, dass mir übel wird", berichtet die Reporterin. "Wir wollen, dass die Bewohner sich wohl fühlen, umfassend betreut und gepflegt werden und so, gut und liebevoll umsorgt, einen schönen Lebensabend verbringen können", heißt es auf der Internetseite des Heimes. Doch die Realität sieht anders aus.

2500 bis 4000 Euro kostet ein Platz in dem Heim im Monat, sagt Osterhaus. Doch die Betreuung der 37 Bewohner habe sich auf wenige Minuten am Tag beschränkt. Von den vier anwesenden Pflegern muss jeweils einer in der Küche arbeiten. Gerade mal siebeneinhalb Minuten bleiben für die tägliche Morgenpflege jedes einzelnen Bewohners, beobachtet Osterhaus. Das heißt für Bewohner und Pfleger: waschen, anziehen und füttern im Akkord. Fehlt ein Pfleger, müssen auch fünf Minuten reichen.

Schmaler Grat

Das System bringt einsame Senioren und frustrierte Pfleger hervor. In einer Szene steht eine Pflegekraft am Bett eines Bewohners. "Meine Fresse", sagt sie grob und knallt die Klingel, mit der die Bewohner Hilfe rufen können, gegen die Wand. Die Bilder sind verstörend.

Einige Bewohner haben Hämatome, ein Mann hat Einblutungen unter den Augen. Er sagt, dass er geschlagen wurde. So steht es auch in seiner Akte, neben der Beschreibung: "Er sieht aus, als hätte er im Boxring gestanden." Eine Untersuchung habe jedoch nichts Auffälliges ergeben. Die Journalistin meldet die Brillen-Hämatome später der Heimaufsicht. Wochen später heißt es von dort: "Wir haben uns das alles angeschaut, können Ihre Beschwerde aber nicht bestätigen."

Der Mann mit den auffälligen blauen Flecken um die Augen gilt beim Personal als besonders schwierig. Vom "Team Wallraff" mit versteckter Kamera gedrehte Bilder zeigen, wie er sich wehrt, als ihn ein Pfleger zum Essen holt. Der Pfleger reagiert ruppig und auch das scheint häufiger vorzukommen. Osterhaus beobachtet, wie eine Pflegerin eine Frau aus dem Bett zerrt. Ein Zimmer weiter ist eine Frau aus dem Bett gefallen, die Pflegerin macht Fotos und verhöhnt die Frau. Erst dann hilft sie ihr auf.

Schlechte Bedingungen in Kreuzberg

Wer glaubt, dass es in dem Münchner Heim einfach nur besonders schlecht läuft, bekommt auch noch ein Beispiel aus Berlin zu sehen. Das Pflegehaus Kreuzberg der börsennotierten Marseille-Kliniken wirbt mit dem Slogan "So gut wie zu Hause". Der medizinische Dienst der Krankenkassen bewertet dieses Haus mit der Note 1,3.

Oberstes Ziel ist Vollbelegung, also treffen ältere Damen auf randalierende Alkoholiker. Auch hier müssen sich wenige Pfleger um viele Pflegebedürftige kümmern. Auch hier sind die Pfleger unter ständigem Zeitdruck, die Zimmer teilweise verwahrlost. Es stehen offenbar zu wenige Toiletten und Duschen für die Bewohner zur Verfügung. In vielen Räumen entdeckt die Reporterin Wasser- und Schimmelflecke, zahlreiche Fenster sind undicht. Osterhaus berichtet: "Es gab teilweise keine Waschlappen, so dass wir die Bewohner mit dem Kissenbezug abtrocknen mussten."

Schließlich dokumentiert die Reporterin, wie der Ausbruch des Norovirus verheimlicht werden soll. Die hochansteckende Darmerkrankung kann für alte und kranke Menschen lebensbedrohlich sein. "Die Zimmer der betroffenen Patienten wurden erst einmal nicht gekennzeichnet und laut Aussage einiger Pfleger hatte der zuständige Arzt empfohlen, entsprechende Zimmer einfach abzusperren. Gemeldet wurde der meldepflichtige Virus dem Gesundheitsamt jedoch nicht", so Osterhaus. Erst als die Heimaufsicht zur Kontrolle kommt, werden schnell einige Maßnahmen ergriffen. Wie der eigentlich unangemeldete Besuch jedoch bekannt wurde, bleibt offen.

In der anschließenden Stellungnahme weist die Heimaufsicht alle Kritikpunkte zurück und verweist bezüglich der hygienischen Mängel auf das Gesundheitsamt, das dazu informiert sei. Auch die Marseille Kliniken AG weist alle Vorwürfe von sich: "Die Information über einen angeblichen Norovirus-Ausbruch in unserer Einrichtung sind falsch. Auch sind Ihre Informationen über bauliche und gesundheitsgefährdende Mängel im Haus unzutreffend."

Anspruchsvoller Job

"In diesem System sind alle Opfer. Pfleger müssen vor Überforderung geschützt werden und Pflegebedürftige vor überfordertem Personal", so das Fazit von Pia Osterhaus. "Der Beruf des Pflegers ist physisch und psychisch sehr anspruchsvoll. Ich habe großen Respekt davor, wie viele Pfleger, trotz schwerer Bedingungen, mit viel Herz, Geduld und Liebe ihren Job ausüben."

Dass es diese Pfleger noch immer gibt, zeigt eine Szene, in der eine Pflegerin einer alten Dame die Füße wäscht, obwohl dafür eigentlich gar keine Zeit ist. Sie selbst werde ja auch einmal alt sein, sagt sie: "Was ich gebe, kriege ich vielleicht zurück. So denke ich."

Quelle: ntv.de, sba